Interview
Substanz Investor im Gespräch mit Dana Kallasch, Commodity Capital AG, über die Treiber der Edelmetallhausse, Gold im digitalisierten Finanzsystem und ESG-Kriterien bei Mineninvestments

Substanz Investor: Frau Kallasch, was sind aktuell die wichtigsten Treiber der Gold- und Silberpreise und bleiben sie das voraussichtlich auch im kommenden Jahr?
Dana Kallasch: Die aktuellen Kursgewinne von Gold und Silber werden von mehreren Faktoren getrieben: Niedrige Realzinsen und eine ausufernde Geldpolitik verringern die Opportunitätskosten von Edelmetallen, während Inflationserwartungen und Währungsrisiken Gold als Absicherung attraktiv machen. Zentralbanken bauen weiterhin verstärkt Goldreserven auf. Es werden bereits erste Stimmen laut, dass China mehr Gold kauft, als offiziell bekannt ist. Geopolitische Unsicherheiten erhöhen die Safe-Haven-Nachfrage zusätzlich. Silber profitiert dagegen derzeit von einer stark steigenden strukturellen industriellen Nachfrage, vor allem in der Solarenergie, aber auch in der Elektronik und Elektromobilität. Das bereits seit mehr als vier Jahren bestehende strukturelle Defizit im Silber wird sich unseres Erachtens auch mittelfristig auf die Märkte auswirken, da aufgrund der Tatsache, dass Silber zu etwa 70% ein Beiprodukt der Gold- und Kupferproduktion ist, eine Angebotsausweitung kurzfristig nicht zu erwarten ist. Für das kommende Jahr bleiben diese Treiber weitgehend relevant, insbesondere was Zentralbankkäufe, Inflationsschutz und industriellen Bedarf betrifft. Wir sehen bisher keine Anzeichen für eine gravierende Zinswende oder einen extrem starken US-Dollar. Eine stagnierende industrielle Nachfrage erwarten wir nicht, da vor allem der Ausbau der Erneuerbaren Energien weiterhin viel Silber benötigt und Angebotssteigerungen nicht in Sicht sind.
SI: Der Stablecoin-Anbieter Tether ist mittlerweile ein großer Player am Goldmarkt. Wie sind die entsprechenden Goldkäufe einzuordnen und was lässt sich daraus folgern?
Kallasch: Aus unserer Sicht zeigt das Engagement von Tether im Goldmarkt eindrucksvoll, wie sich physisches Gold zunehmend mit digitaler Technologie verbindet. Tether hat seine Goldreserven im Jahr 2025 stetig ausgebaut: Zum Ende des dritten Quartals 2025 waren rund 375.572 Feinunzen – etwa 11,6 Tonnen – hinterlegt, die den XAUT-Token vollständig decken. Die Lagerung erfolgt nach Standards der „London Good Delivery“ in Tresoren in der Schweiz und wird durch unabhängige Audits bestätigt. Darüber hinaus betreibt Tether einen eigenen Tresor mit Kapazität von bis zu 80 Tonnen, wodurch das Unternehmen zu den größeren Goldhaltern außerhalb von Zentralbanken zählt. Für uns ist dies ein starkes Signal: Tether fungiert nicht nur als kurzfristiger Marktakteur, sondern als langfristiger, struktureller Nachfrager, der Gold strategisch als Reserve Asset einsetzt. Gleichzeitig zeigt sich, dass tokenisierte Realwerte wie XAUT die Liquidität und Zugänglichkeit von physischem Gold erhöhen, insbesondere für Anleger, die sonst Barrieren bei traditionellen Goldinvestments sehen. Aus unserer Perspektive wirkt dies positiv auf den Goldmarkt: Es entsteht zusätzliche physische Nachfrage, die durch institutionelle und private Investoren getragen wird. Das Tokenisierungskonzept könnte demnach die Marktmechanismen von Gold nachhaltig verändern. Tethers Goldkäufe verdeutlichen den Trend zu digitalen Goldlösungen, stärken die physische Nachfrage und unterstreichen die wachsende Rolle von Gold als strategisches Reserve Asset in einem zunehmend digitalisierten Finanzsystem.
SI: Bei der Auswahl von Minentiteln denken viele nicht gerade an ESG-Kriterien. Beim Ansatz Ihres Hauses ist das anders. Wie werden diese Aspekte konkret berücksichtigt?
Kallasch: Wir integrieren ESG-Kriterien systematisch in alle Investmententscheidungen. Konkret bedeutet das, dass beispielsweise Kinderarbeit, gesundheitsgefährdende Arbeitsbedingungen oder Korruption zu einem sofortigen Ausschluss führen. Gleichzeitig müssen Unternehmen faire Löhne zahlen, Umwelttechnologien einsetzen und Rückbau-/Renaturierungskonzepte vorweisen. Auch die Förderung lokaler Infrastruktur, etwa Schulen oder Gesundheitszentren, ist Bestandteil der Bewertung. Investments erfolgen bevorzugt in politisch stabilen Regionen, um die Einhaltung von ESG-Standards realistisch sicherzustellen. Das Fondsmanagement besucht Minen persönlich, spricht mit lokalen Gemeinschaften und prüft Umwelt- und Arbeitsbedingungen. Die Commodity Capital AG gehört zu den wenigen spezialisierten Rohstoff- und Mineninvestoren, die ESG konsequent in Analyse, Auswahl und aktives Engagement vor Ort einbinden. Trotz bestehender Herausforderungen überwiegen die Vorteile – stabile Produktion, operative Sicherheit und gesellschaftliche Akzeptanz stehen im Vordergrund.
SI: Der Commodity Capital Global Mining ist aktuell zu 94% in Juniors investiert. Was resultiert daraus für das Portfolio unter Rendite- und Risikogesichtspunkten?
Kallasch: Unser Ansatz ist eine explorationsgetriebene, fundamental-analytische Strategie. Dass der Fonds zu rund 94% in Junior-Minen investiert ist, spiegelt ein klares Investmentverständnis wider. Juniors bieten den größten Hebel auf Rohstoffpreise: Ihre Kurse reagieren deutlich stärker auf Gold- und Silberpreisanstiege, was es erlaubt, Zyklen aktiv zu nutzen und von frühen Projektphasen zu profitieren. Gleichzeitig entstehen durch Ineffizienzen im Junior-Segment höhere Alphachancen, da viele Explorer durch Researchhäuser kaum abgedeckt sind und Bewertungen oft fehleranfällig bleiben. Wir nutzen dieses „Informationsvakuum“ durch intensive Vor-Ort-Besuche, Gespräche mit Geologen und tiefgehendes Projektverständnis. Erfolgreiche Entdeckungen können den Unternehmenswert vervielfachen, und gezielte Investments in starke Teams erhöhen diese Wahrscheinlichkeit. Zusätzlich schaffen M&A-Phasen Potenzial, da Majors in frühen Bullenzyklen bevorzugt Juniors übernehmen. Historisch outperformen juniorlastige Fonds in Bullenmärkten klassische Produzentenfonds deutlich, während sie in Seitwärts- und Bärenmärkten stärker unter Druck geraten – mit teils erheblichen Drawdowns. Eine hohe Juniorquote verstärkt somit die Zyklik: große Chancen in starken, hohe Risiken in schwachen Märkten. Entsprechend weist der Fonds ein höheres Beta, mehr Volatilität und größere Finanzierungsrisiken auf als klassische Gold- und Mining-Fonds. Dafür bietet er in Bullenphasen außergewöhnliche Upside-Potenziale, die traditionelle Fonds kaum erreichen. Kurz: Wir agieren im Private-Equity-ähnlichen Risiko-Chance-Profil, klassische Fonds dagegen im stabileren Large-/Mid-Cap-Segment mit höherem Cashflow.
SI: Welche Rohstoffe/Metalle jenseits der Edelmetalle bieten aktuell aus Ihrer Sicht überdurchschnittliche Chancen für Mineninvestoren? Was sind die Gründe?
Kallasch: Neben klassischen Edelmetallen bieten derzeit vor allem Kupfer, Lithium, Nickel, Kobalt, Uran und seltene Metalle interessante Chancen für Mineninvestoren. Sie profitieren von Energiewende, Dekarbonisierung und technologischer Transformation. Kupfer bleibt wegen seiner Bedeutung für Stromleitungen, Elektromobilität, Erneuerbare Energien und Netzinfrastruktur stark gefragt, während neue Projekte laut IEA das künftige Angebot kaum decken. Kapitalintensive Entwicklungen, M&A-Potenzial und die strategische Rolle in der Energieinfrastruktur erhöhen die Attraktivität. Viele Projekte nähern sich ihrem Lebensende, neue Explorationen sind selten. Lithium bleibt essenziell für Batterien in E-Mobilität und stationären Speichern, etwa zur Ergänzung großer Solarfelder. Uran profitiert von steigender Nachfrage nach sauberer Energie, langsamer Projektentwicklung und Engpässen; weltweit entstehen neue Atomkraftwerke, auch um den wachsenden Energiebedarf der Datenindustrie zu decken. Die USA definieren zahlreiche „Critical Materials“ wie Aluminium, Kobalt, Kupfer, Lithium, Nickel oder Graphit als rohstoff- und sicherheitspolitisch wichtig. Investitionen in diese Metalle profitieren von struktureller Nachfrage, politischer Unterstützung und Förderprogrammen.
SI: Frau Kallasch, vielen Dank für die interessanten Ausführungen.
Dana Kallasch, Mitgründerin und CEO von Commodity Capital, verfügt über eine langjährige und umfassende Erfahrung im Finanzsektor. Ihre Karriere begann 1999 bei der Dresdner Bank AG, wo sie private und institutionelle Kunden im Bereich der Investmentstrukturierung unterstützte. Im Jahr 2006 wechselte sie zur Banque LBLux S.A. in Luxemburg. Dort verantwortete sie den Bereich Business Development. Kallasch ist als CEO bei Commodity Capital hauptverantwortlich für die einzelnen Unternehmensbereiche und zuständig für die strategische Entwicklung des Unternehmens. Zudem zählt der Produktvertrieb zu ihren Schwerpunkten. Ihre Ausbildung umfasst einen BBA-Abschluss der HfB (Frankfurt Business School) und der Universidad Pablo de Olavide (Sevilla). Zusätzlich erlangte sie praxisorientierte Abschlüsse der Universität München.


