Freier Fall und Krypto-Kater

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Späte Einsichten der deutschen Industrie

Leibingers Weckruf

Der Ton zwischen Arbeitgebern und der SPD ist rauer geworden. Nachdem Arbeitsministerin Bärbel Bas auf dem Arbeitgebertag ausgelacht wurde, folgte auf dem Juso-Kongress ihre Retourkutsche mit einem klassenkämpferischen Griff in die unteren Schubladen. Wer braucht schon Arbeitgeber, wenn man die Wirtschaft ohnehin gegen die Wand fährt, scheint das neue SPD-Motto zu sein. Das Heimspiel der Gekränkten kam nicht überall gut an. Die Außenwirkung war verheerend. Nach längerem Zaudern sah sich sogar Bundeskanzler Merz genötigt, Bas verbal in die Schranken zu weisen. Ob es etwas nutzt, ist bei „Bullshit“-Bärbel fraglich. Die eigentliche Nachricht ist viel schlimmer als das Dauergeplänkel innerhalb einer Koalition, deren einziger gemeinsamer Wert die sogenannte Brandmauer ist: Denn weder die Jusos noch Bas haben den Ernst der Lage auch nur annähernd erfasst. Bei Jungsozialisten ist das verzeihlich, bei einer Bundesarbeitsministerin nicht. Nach den Chefs von Evonik, BASF und vielen anderen klingelte nun auch Peter Leibinger, Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), die Alarmglocke. „Der Wirtschaftsstandort befindet sich im freien Fall“, konstatierte der Trumpf-Chef unter Verzicht auf jegliche diplomatischen Floskeln.

Die Zahlen geben ihm recht: Zum vierten Mal in Folge schrumpft die deutsche Industrieproduktion, für 2025 rechnet der Verband nun mit einem Minus von satten 2%. Was wir hier sehen, ist keine konjunkturelle Delle, die man mit ein paar Subventionspflastern heilen kann. Es ist ein struktureller Abstieg. Die Deindustrialisierung findet nicht mehr nur in Talkshows statt, sondern in den Auftragsbüchern. Genauer gesagt, dort findet eigentlich nichts mehr statt. Leibinger fordert eine radikale Wende: Investitionen statt Konsum, Wettbewerbsfähigkeit statt Bürokratie.

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MDAX – „Flatliner“ seit 2022

Wie lange der DAX die Lage noch ignorieren kann? Er hielt sich in den letzten Monaten erstaunlich stabil und erstaunlich weit oben. Bei den Top 40 der deutschen Industrie mangelte es zwar nie an den politisch eingeforderten Lippenbekenntnissen zum deutschen Standort, investiert wird aber längst anderswo – USA, China, Polen, Ungarn, etc. Fast überall werden dem nüchternen Rechner bessere Rahmenbedingungen geboten – niedrigere Steuern, preiswertere Energie, weniger Bürokratie, inzwischen sogar besser ausgebildete Menschen. Ein Blick auf die regelmäßig niederschmetternden Ergebnisse der PISA-Studien zeigt, dass Deutschland nicht nur das vorhandene Kapital („Wir sind ein reiches Land“) verspielt hat, sondern auch gleich noch die Zukunft dazu.

Immerhin haben die Weltkonzerne des DAX 40 Optionen. Das Sitzland ist nur noch eine Größe unter vielen. Allerdings haben nur wenige Unternehmen so radikal reagiert wie der ehemalige DAX-Konzern Linde AG, heute Linde plc. Dieses Urgestein der deutschen Industrie nutzte unter dem weitsichtigen Aufsichtsratschef Wolfgang Reitzle schon 2018 die Gunst der Stunde und verlagerte den Konzernsitz im Rahmen der Fusion mit der US-amerikanischen Praxair ins steuerfreundliche Dublin. Das Listing in Frankfurt wurde eingestellt. Wesentlich stärker an das Land und dessen Politik sind dagegen die Unternehmen der zweiten Reihe gebunden. Der MDAX spricht da eine deutliche Sprache, besonders im Vergleich zum DAX. CEOs, die geglaubt hatten, sie könnten sich vor einer zunehmend übergriffigen und wirtschaftsfeindlichen Politik wegducken oder sich gar liebedienerisch vor die Regierung werfen, werden nun von diesen Geistern eingeholt.

Es ist nicht so, dass man das alles nicht hat sehen oder die Irrwege in Sachen Energie-, Klima- und Migrationspolitik nicht hätte erkennen können, gerade als Unternehmer. Es war die Angst anzuecken, wenn man sagte, was ist. Diese Feigheit ließ selbst gestandene Unternehmer kuschen und gute Miene zum bösen Spiel machen. Und weil dieses Verhaltensmuster so typisch ist – besonders im konsensbesoffenen Deutschland – wiederholt es sich bei der aktuellen Rentendebatte erneut. Es geht doch „nur“ um 120 Mrd. EUR, die irgendwann fällig werden. Da ist die eigene kleine Parteikarriere allemal wichtiger, denn regiert wird jetzt. Soll sich doch morgen jemand anderes mit den Fehlentscheidungen von heute herumschlagen.

Jahre kritischer Begleitung

Wie gesagt, man hätte es sehen können. In der aktuellen Ausgabe des Substanz Investor 12/2025 widmen wir die Titelstory dem Thema „Deutschland am Abgrund“, wieder einmal. Denn tatsächlich ist es seit 2015 eine Fortsetzungsgeschichte, die sich geradezu aufdrängt. In der Ausgabe 8/2022 (damals noch als Substanz Investor) titelten wir mit „Deutschlands Niedergang“ und schon in Ausgabe 9/2015 (!) ging es unter der Überschrift „Suicide Kings“ um das seltsame Talent deutscher Politik, der Wirtschaft und dem Land immer neue Knüppel zwischen die Beine zu werfen. Damals wurde skeptisch geäugt, ob solcher „kruder Theorien“. Heute ist es offensichtlich. Erst wenn es ein mächtiger Wirtschaftsverband ausspricht, dann glauben es auch die Obrigkeitshörigen. Umso mehr freut uns eine der ersten Reaktionen auf das aktuelle Heft. Unter anderem mit Bezug auf die Titelstory schreibt unser Leser: „Als „Alt-Leser“ überraschen Sie immer wieder mit einer Steigerung bei der Auswahl der aktuellen Themen. Waren die letzten Ausgaben schon fast sensationell, so übertrifft die Ausgabe 12/2025 momentan alles. … zahlreiche Themen, die in Klarheit und Aussagekraft andere Publikation ganz weit hinter sich lassen.“ Wir bedanken uns schon an dieser Stelle sehr herzlich für diese freundliche Einschätzung. Den vollständigen Leserbrief und unsere ausführliche Antwort finden Sie dann auch in der nächsten Ausgabe des Substanz Investor 1/2026.

Angezählt, aber noch nicht k.o.

Neues Thema, bei dem es auch überraschend abwärts ging. Der Bitcoin ist angeschlagen. Regelmäßig wurde er als die Ausstiegsoption aus unserem maroden Finanzsystem, gar als „digitales Gold“ angepriesen, nun ist er selbst unter Beschuss und verhält sich wie ein hochbewerteter Tech-Wert, der beim Ausblick enttäuscht hat. Quartalszahlen gibt es hier natürlich nicht, die Mathematik ist unverändert und auch die Begrenzung auf maximal 21 Mio. Exemplare ist weiter intakt. Vermutlich werden es sogar sehr viel weniger sein, denn in den Anfangstagen gingen reichlich Bitcoins unwiederbringlich verloren. Was also ist der Hintergrund, fragen viele. Braucht es überhaupt einen Hintergrund?, fragen wir. Der praktische Nutzen des Bitcoins blieb bekanntlich überschaubar. Den Weg in den Zahlungsverkehr hat er allenfalls in Nischen gefunden. Auch als Wertspeicher ist er aufgrund der starken Schwankungen nur bedingt geeignet. Allerdings, und das hat er seit vielen Jahren bewiesen, ist er ein hervorragendes Spekulationsobjekt.

In dieser Hinsicht hat er so gut funktioniert, dass ein Unternehmen wie Strategy (WKN: 722713) sogar eine Spekulation auf die Spekulation gewagt hat. CEO Michael J. Saylor wollte ein Bitcoin-Vault werden, ein gigantischer Tresor für Kryptogeld. Dem Indexanbieter MSCI reicht das wohl künftig nicht mehr, um Strategy-Aktien im MSCI World zu führen, was bei Saylor verständlicherweise auf wenig Gegenliebe stößt. Sollte das Unternehmen als „Digital Asset Treasury Company“ charakterisiert werden, flöge die Aktie aus dem Index und passive MSCI-Fonds müssten das Papier verkaufen. Die Konsultationsphase läuft noch bis 31.12., am 15.1.26 wird dann eine endgültige Entscheidung erwartet.

Durch den rapiden Kursverfall der Aktie notierte diese am Montag sogar kurzfristig unter dem Wert ihrer Bitcoin-Bestände. Das würde das Geschäftsmodell beenden, das u.a. darin besteht, die eigenen Aktien aufgrund ihres Aufgelds über Neuemissionen als Transaktionswährung einzusetzen, um immer weitere Bitcoins zu kaufen. Saylor dachte zuletzt sogar darüber nach, im worst case Bitcoins zu verkaufen. Sie sehen schon, das Unternehmen fällt derzeit als großer Nachfrager am Kryptomarkt aus und ist sogar tendenziell ein Damoklesschert für den Bitcoin. Wir sind jedenfalls froh, dass wir die Position zunächst nach und nach, schließlich vollständig aus unserem Musterdepot geräumt haben – und das auch noch mit einem höchst erfreulichen Gewinn. Für den Bitcoin selbst bleibt es mangels ernsthafter fundamentaler Kriterien weiter bei unserer Einstellung, dass vor allem Nachrichten, Markttechnik und Psychologie die Kurse machen, und zwar in beide Richtungen. Ob ein Bitcoin bei aktuellen Kursen von rund 93.000 USD über- oder unterbewertet ist, bleibt reine Glaubensfrage – und Gläubige gibt es in diesem Markt eine Menge.

Vor der Entscheidung

Eine weitere entscheidende Frage für den Bitcoin und jedes spekulative Investment ist die Zinsentscheidung der Fed in der nächsten Woche. Hier wird viel orakelt und jeder Halbsatz eines Halboffiziellen wird auf die Goldwaage gelegt. So wechseln sich bis zur letzten Fed-Sitzung des Jahres kleinere Schwächeanfälle und Hoffnungsschimmer ab. Noch liegt die Markterwartung überwältigend bei 85% bis 89% für eine Zinssenkung um weitere 25 Basispunkte. Eigentlich könnte dadurch dann doch noch eine kleine Jahresendrally ausgelöst werden, wären sich die Marktteilnehmer nur nicht so sicher, dass diese Senkung kommt. Die Börse liebt positive Überraschungen, hakt aber eine bloße Bestätigung regelmäßig schnell ab. Im Hinterkopf sollte man vielleicht schon jetzt behalten, dass die USA vor einer großen Party stehen. Nächstes Jahr feiern sie ihren 250sten Geburtstag und da will kein Funktionsträger der „Partypooper“ sein. Trotz aller Konflikte zwischen Fed-Chef Powell und US-Präsident Trump dürfte am Ende gelten „My country, right or wrong“.

Zu den Märkten

Relativ ereignislos verlief die letzte Börsenwoche im DAX. Tatsächlich war die Schwankungsbreite sogar ungewöhnlich gering und die Umsätze tendenziell rückläufig. Nach dem Aufschwung der Vorwoche geht eine kleine Verschnaufpause sicher in Ordnung, hinter der abwartenden Haltung könnte jedoch mehr stecken. Zum einen verunsichert die anstehende Fed-Sitzung, zum anderen gerät das deutsche Erfolgsmodell immer weiter unter Beschuss. Mantra-artig zu wiederholen „Wir sind ein reiches Land“ ist als Zukunftsprogramm einfach zu wenig. Dass die Jahresendrally bislang ausgefallen ist, könnte – nicht nur in Deutschland – auf eine Problemlage hindeuten, die dann spätestens nach dem Jahreswechsel in aller Deutlichkeit zutage tritt. Ausschließen kann man dies jedenfalls nicht.

Musterdepots & wikifolio

In der Rubrik Musterdepots & wikifolio finden Sie heute Informationen zu zwei unserer Kellerkinder und ein erfreuliches Update zu unserem Fondsmusterdepot. Die Novemberübersicht zum Aktiendepot und die zugehörigen Tabellen finden Sie in der Ausgabe vom 26.11. Im Musterdepotbereich können Sie sich durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die Transaktionen der letzten Wochen verschaffen. Um diesen Bereich zu lesen, müssen Sie Abonnent des Substanz Investor Magazins sein und sich auf der Substanz-Investor-Website einloggen. Sollten Sie Ihr Passwort vergessen haben, fordern Sie bitte ein neues bei abo@substanzinvestor.de an.

Fazit

Die deutsche Politik ist Ärgernis und Eiertanz zugleich. Verbessert werden die Lebensbedingungen durch Unternehmen und die müssen sich dafür schelten lassen, sogar, wenn dort einmal herzlich gelacht wird, obwohl man eigentlich nichts mehr zu lachen hat.

Ralf Flierl, Ralph Malisch

 

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Die Charts wurden erstellt mit stock3 und Tai-Pan von Lenz+Partner. Diese Rubrik erscheint jeden Mittwochnachmittag.

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