Berkshire Hathaway nach Buffett

Michael Keppler

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Aktie im Blickpunkt

Berkshire Hathaway steht vor einem historischen Übergang: Nach sechs Jahrzehnten außergewöhnlicher Wertschöpfung hat Warren Buffett seinen Rücktritt angekündigt. Doch das von ihm und Charlie Munger geformte System – dezentral, diszipliniert und finanziell außergewöhnlich stark – bleibt bestehen.

Gastbeitrag von Michael Keppler, Präsident und Chief Investment Officer von Keppler Asset Management Inc.

Buffett und Berkshire
Nach seinem Wirtschaftsstudium an der Columbia University folgte Warren Buffett zunächst eng der Value-Lehre seines Professors Benjamin Graham: solide, durchschnittliche Unternehmen zu einem sehr günstigen Preis erwerben und dabei stets eine Sicherheitsmarge einhalten. Charlie Munger hingegen vertrat die anspruchsvollere Überzeugung, dass es klüger sei, ein herausragendes Unternehmen zu einem fairen Preis zu kaufen als ein mittelmäßiges Unternehmen zu einem günstigen. Noch bevor Munger 1978 Vize-Chairman wurde, hatte Buffett diese Denkweise verinnerlicht. Er entfernte sich vom engen Graham-Schema, ohne seine Grundprinzipien – Rationalität, Disziplin und langfristiges Denken – jemals aufzugeben. Sein Leitsatz lautete: „Der Preis ist, was Sie zahlen – der Wert ist, was Sie bekommen.“

1965 übernahm Buffett die damals ums Überleben kämpfende Textilfirma Berkshire Hathaway – ein Unternehmen ohne erkennbare Zukunft – und verwandelte sie in eine der größten und erfolgreichsten Holdinggesellschaften der Welt. Berkshire besitzt heute über 60 vollständig kontrollierte Unternehmen und mehr als 180 bedeutende Aktienbeteiligungen. Mit einer Marktkapitalisierung von mehr als 1 Bio. USD zählt der Konzern zu den zehn größten börsennotierten Gesellschaften der Welt. Buffett nannte dieses Ensemble einmal „das wirtschaftliche Pendant zur Kunstsammlung des Metropolitan Museum of Art“; eine weit gefächerte Sammlung unternehmerischer Meisterwerke.

Zwischen 1965 und 2024 erzielte Berkshire eine geometrische Durchschnittsrendite von 19,9% pro Jahr; der S&P 500 – inklusive Dividenden – erreichte 10,4%. Dass aus einem sterbenden Textilbetrieb ein globales Kraftzentrum wurde, ist das Ergebnis außergewöhnlicher Kapitalallokation über sechs Jahrzehnte hinweg.

2023 verstarb Munger im Alter von 99 Jahren – jener „Architekt der Vernunft“, wie Buffett ihn nannte. Er hatte – nach Buffett – die Entwicklung des Unternehmens geprägt wie kein Zweiter. Auf der Hauptversammlung 2025 kündigte Buffett seinen Rücktritt als CEO zum Jahresende an. Sein Nachfolger wird Greg Abel, ein langjähriger Weggefährte, den Buffett als „ungewöhnlich vernünftig, integer und analytisch klar“ beschreibt, und damit als idealen Bewahrer der Berkshire-Kultur.

Berkshire weist eine Reihe einmaliger systemischer Besonderheiten auf, die das Unternehmen weit über die Ära Buffett hinaus prägen werden.

Strenge Übernahmekriterien
Buffett beurteilte Übernahmekandidaten stets anhand klar definierter Kriterien; dazu zählen:
• stabiler Gewinn vor Steuern von mindestens 75 Mio. USD,
• nachweislich stetige Ertragskraft statt Turnaround-Spekulationen,
• hohe Kapitalrenditen bei niedriger Verschuldung,
• ein bewährtes und integres Management,
• ein verständliches Geschäftsmodell sowie
• ein klarer und verbindlicher Angebotspreis.

Diese Kriterien bewahrten Berkshire jahrzehntelang vor teuren Irrwegen. Abel könnte sie angesichts der hohen Liquidität künftig etwas flexibler interpretieren, doch der gedankliche Rahmen bleibt bestehen.

Bild: © sora.chatgpt.com

Berkshire als bevorzugter Firmenkäufer
Für viele Unternehmer ist Berkshire die präferierte Adresse beim Firmenverkauf. Der Grund ist simpel: Berkshire erhält Strukturen, Kultur und Management – und mischt sich nicht ein. Buffett formulierte es wie folgt: „Unser Versprechen passt auf die Rückseite einer Briefmarke: Wir greifen nicht in Ihr Geschäft ein.“ Dieser Ruf, verbunden mit außergewöhnlicher bilanzieller Stärke, ist ein dauerhafter Wettbewerbsvorteil.

Radikal dezentrales Management
Berkshire operiert so dezentral wie kaum ein anderes Großunternehmen. Jede Tochtergesellschaft entscheidet eigenständig, trägt volle Verantwortung und genießt bemerkenswerte Freiheit. Dieses Modell verhindert nicht nur bürokratische Verkrustung, sondern wirkt auch als Schutz gegen das krebsartige Wachstum zentralistischer Strukturen, das viele Konzerne lähmt. Gleichzeitig sinkt das Risiko systemischer Fehlentscheidungen: Die Wahrscheinlichkeit, dass Dutzende unabhängige Manager denselben Fehler machen, ist nahezu null.

Überaus schlanke Unternehmenszentrale
Von weltweit über 392.000 Mitarbeitern sitzen nur 27 in Omaha. Die Zentrale konzentriert sich auf Rechnungslegung, Kapitalallokation und wenige Governance-Fragen. „Wenn Sie einen riesigen Konzernstab brauchen, machen Sie etwas falsch“, so Buffett. Die außergewöhnliche Schlankheit der Zentrale ist Ausdruck eines klaren Führungsverständnisses: Operative Verantwortung liegt dort, wo das Tagesgeschäft stattfindet.

Enorme Liquidität und der wachsende „Float“
Per September 2025 verfügt Berkshire über liquide Mittel und kurzfristige Anlagen von 382 Mrd. USD, die jährlich über 14 Mrd. USD Zinsen generieren. Der „Versicherungs-Float“ – Prämieneinnahmen, die Berkshire lange vor den Schadenszahlungen zufließen – entwickelte sich über Jahrzehnte beeindruckend.

Bemerkenswert: Dieser Float war meist kostenlos, da Berkshires Versicherungen operativ Gewinne erwirtschafteten.

Extrem niedriges Risiko
Buffett betonte häufig, dass die Wahrscheinlichkeit finanzieller Schwierigkeiten „praktisch null“ sei. Berkshires enorme Ertragsströme stammen aus vielen Geschäftsbereichen mit dauerhaften Wettbewerbsvorteilen. Die breite Aufstellung sichert anhaltende Profitabilität – selbst dann, wenn eine außergewöhnliche Katastrophe einmal zu Versicherungsverlusten führen sollte, die alle bisherigen Verluste übersteigen.

Barvermögen gilt bei vielen Unternehmen als unproduktiver Vermögenswert, doch für Buffett ist Liquidität „wie Sauerstoff: Man denkt nie darüber nach, wenn er vorhanden ist, aber es ist das Einzige, woran man denkt, wenn er fehlt.“

Mit diversifizierten Ertragsquellen, beträchtlicher Liquidität und geringem kurzfristigem Kapitalbedarf bleibt Berkshire nahezu unerschütterlich. Oder wie Buffett es formulierte: „Wir sind auf die Jahrtausendflut vorbereitet – und wenn sie kommt, verkaufen wir noch Schwimmwesten an die Unvorbereiteten.“

Nachfolge und Stiftungen
Berkshire verfügt seit 2006 über einen klaren Nachfolgeplan: 2011 kam Todd Combs als Portfoliomanager hinzu, 2012 folgte Ted Weschler. 2018 wurden Greg Abel für den Nichtversicherungsbereich und Ajit Jain für das Versicherungsgeschäft zu Vize-Chairmen ernannt. Auf der Hauptversammlung 2021 wurde Abel, CEO von Berkshire Hathaway Energy, offiziell als zukünftiger CEO benannt.

Buffett spendet seit 2006 jährlich 5% seines Vermögens an Stiftungen und zählt dennoch weiterhin zu den reichsten Menschen der Welt. Da Stiftungen Aktien behutsam und langfristig verkaufen, entsteht kein Marktüberhang.

Aussichten
Munger wurde einmal gefragt, ob Berkshire auch ohne Buffett und ihn selbst überdurchschnittliche Ergebnisse erzielen könne. Seine Antwort: „Ja.“ Die strukturellen Stärken – Dezentralität, Kultur, Disziplin und Bilanz – seien so tief verankert, dass sie nicht von einzelnen Personen abhängen. Buffett teilt diese Einschätzung: Berkshire werde langfristig wahrscheinlich besser abschneiden als der Durchschnitt amerikanischer Unternehmen. Irgendwann jedoch werde das Unternehmen mehr Kapital erwirtschaften, als es sinnvoll reinvestieren könne; dann würden Dividenden oder umfangreiche Aktienrückkäufe folgen. Die strukturellen Vorteile des Konzerns scheinen so tief verankert, dass Berkshire auch in der Ära nach Buffett gut positioniert sein dürfte, seine beeindruckende Erfolgsgeschichte fortzuschreiben. Für Anleger bleibt daher ein Satz Buffetts besonders beruhigend:

„Kein Unternehmen wird stärker auf die Interessen seiner Aktionäre bedacht sein als Berkshire Hathaway.“

Michael Keppler, 1949, ist Präsident und Chief Investment Officer des von ihm 1992 gegründeten und Anfang 2024 in ein Family Office umgewandelten Anlageberatungsunternehmens Keppler Asset Management Inc. in New York (USA). Vor dessen Gründung war er in verschiedenen leitenden Positionen im Commerzbank-Konzern in Frankfurt und New York tätig, wo er auch heute noch lebt.

Vor einigen Monaten publizierte Keppler sein Buch „Vom Spekulanten zum Investor“, in dem er anhand zahlreicher Anekdoten seinen Werdegang vom Gärtnerlehrling über einen kurzen Abstecher in die Musik hin zu einem erfolgreichen Analysten und Fondsmanager beschreibt.

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