„Der aktuelle Anstieg ist eher die Halbzeit der goldenen Dekade“

Ronald-Peter Stöferle

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Interview

Substanz Investor im Gespräch mit Ronald-Peter Stöferle, Incrementum AG, über Edelmetallkursziele und Minenbewertungen

Substanz Investor: Sie unterscheiden bei Goldanlagen je nach strategischem Zweck im Portfolio zwischen „Sicherheitsgold“ und „Performancegold“. Was ist darunter genau zu verstehen?
Ronald-Peter Stöferle: Gold spielt aus unserer Sicht im Portfolio zwei unterschiedliche Rollen. Sicherheitsgold (Münzen, Barren) ist der „monetäre Airbag“. Das Ziel ist die Konservierung von Kaufkraft als strategischer monetärer Hedge gegen strukturell überschuldete Staaten und die Fiskaldominanz, die reale Zinsen niedrig hält. Zentralbanken haben dies verstanden und legen mit Käufen von über 1.000 Tonnen pro Jahr ein Sicherungsnetz unter den Goldpreis. Performancegold, sprich Gold- und Silberminenaktien sowie Silber, ist der „Turbolader“ im Portfolio, ein Hebel auf den säkularen Edelmetallbullenmarkt mit hohem Beta. Käufer müssen allerdings hohe mentale Schmerzgrenzen haben, da es hier Rückschläge um bis zu 60% geben kann.

SI: Welche Rolle spielt bei der Allokation das hauseigene Incrementum Active Aurum-Signal und wie sind Sie aktuell im Incrementum Active Gold Fund (WKN: A4032M) positioniert?
Stöferle: Das Incrementum Active Aurum-Signal ist unser proprietäres Steuerinstrument für Performancegold, das Zyklus- (Zinsregime, Realzinsen, Sentiment) und Fundamentalsignale (Bewertungen, Margen) kombiniert. Aktuell zeigt das Signal eine neutrale Ausprägung (erster Wechsel seit Februar 2024), was signalisiert, dass der Zyklus zwar intakt ist, sich das Chance-Risiken-Verhältnis bei den Minern jedoch seit Mitte Oktober etwas abgeschwächt hat. Die aktuelle Ausrichtung fokussiert qualitativ starke Produzenten und Mid-Tier-Unternehmen, die bereits profitabel sind. Hinzu kommt ein gezieltes Silberexposure über Silberminen, da Silber als zyklischer Hebel dient, sowie Royalty- und Streaming-Unternehmen als Stabilitätsanker.

SI: Die Feinunze Silber hat in US-Dollar mit ihren +114% Gold mit dessen +65% seit Jahresanfang outperformt. Welche Kursziele errechnen sich für die Edelmetalle im kommenden Jahr?
Stöferle: Der aktuelle Anstieg ist für uns eher die Halbzeit der goldenen Dekade, kein Endspurt. Unser proprietäres Goldpreismodell weist für Ende 2026 im inflationären Szenario einen Zielwert von 4.770 USD je Unze Gold aus. Bis Ende der Dekade rechnen wir mit einem Goldpreis von 4.800 USD im Basisszenario und 8.900 USD im inflationären Szenario. Eine Rückkehr der Gold-/Silber-Ratio auf ihren Durchschnitt seit 1970, der bei ca. 60 liegt, würde bei einem Goldpreis von 4.800 USD einen Silberpreis von rund 80 USD und bei einem Goldpreis von 8.900 USD einen Silberpreis von knapp 150 USD implizieren. Dies skizziert die Größenordnung, die in einem laufenden Bullenmarkt für Silber realistisch ist. Sowohl im Fall für Gold als auch für Silber sollte man für das nächste Jahr auch die Möglichkeit einer Korrekturphase nicht außer Acht lassen. Historisch hat es in Goldbullenmärkten mehrere 20%-Korrekturen gegeben.

SI: Was bleiben 2026 die bestimmenden Faktoren für Silber und Gold?
Stöferle: Da die Zinslast in vielen Volkswirtschaften schneller wächst als die Wirtschaft, erhöht sich der politische Druck auf Notenbanken, die realen Zinsen niedrig zu halten. Ein Umfeld, das Gold liebt! Hinzu kommt, dass die Phase restriktiver Geldpolitik ihren Zenit überschritten zu haben scheint. Die stärksten Goldphasen beginnen, wenn Notenbanken von Zinsanhebungen zu Pausen/Senkungen umschwenken, insbesondere bei volatiler Inflation. Einen weiteren strukturellen Rückenwind bilden die massiven Netto-Goldkäufe (zuletzt über 1.000 Tonnen pro Jahr) nicht-westlicher Zentralbanken zur Verbesserung ihrer Bilanzen. Schließlich befeuert die geopolitische Fragmentierung die Attraktivität von Gold. Konflikte und Sanktionen erhöhen den Bedarf an „politisch neutralen Reserven“ in einem multipolaren Währungssystem. Mit Blick auf Silber greifen noch zusätzliche Faktoren. Ein wichtiger struktureller Treiber für Silber ist eine entscheidende Rolle in der Energiewende. Die Märkte sehen sich zudem mit einem signifikanten strukturellen Angebotsdefizit konfrontiert. Mehrjährige Defizite in der Versorgung bauen die globalen Lagerbestände schleichend ab. Darüber hinaus ist zu berücksichtigen, dass Silber durch spekulatives Kapital traditionell das bevorzugte Vehikel für Übertreibungen in der späten Phase eines Edelmetallbullenmarkts ist.

SI: Lange Zeit waren Edelmetallminen extrem günstig. 2025 gab es deutliche Kursgewinne, im Zuge derer die Unterbewertungen teilweise abgebaut wurden. Wie sieht die Bewertungssituation in der Breite des Sektors aus und in welchen Segmenten besteht noch Aufholpotenzial?
Stöferle: Die Rally 2025 hat die fundamentale Story noch nicht „verbraucht“. Goldaktien sind historisch immer noch günstig. Sie handeln weiterhin mit einem ungewöhnlich hohen Abschlag zum Goldpreis, während sich die finanzielle Disziplin (weniger Schulden, fokussiertere Projekte) der Branche verbessert hat. Größtes strukturelles Aufholpotenzial bieten Mid-Tier-Produzenten und -Developer. Diese sind bereits/bald profitabel, haben Wachstumschancen und sind oft noch nicht im Fokus großer Indizes. Hier finden sich die attraktivsten Risiko-Rendite-Profile. Höchste nominelle Upside, aber auch das größte Risiko bieten Explorer/Juniors.

SI: Herr Stöferle, vielen Dank für Ihre interessanten Ausführungen.

Ronald-Peter Stöferle ist Partner bei Incrementum, spezialisiert auf Portfoliomanagement und Research. Er ist verantwortlicher Portfoliomanager des Incrementum Inflation Diversifier Fund (WKN: A1XD02) und des im Februar 2024 neu aufgelegten Incrementum Active Gold Fund (WKN: A4032M). Darüber hinaus ist er Autor des „In Gold We Trust Report“. Der letzte Report erschien am 15.5.2025. Incrementum ist unter
contact@incrementum.li erreichbar.

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