Interview
Substanz Investor im Gespräch mit Dr. Hendrik Leber, ACATIS, über Folgen des Irankriegs und KI im Portfoliomanagement
Substanz Investor: Die geopolitische Situation hat sich mit den Angriffen auf den Iran im Nahen Osten mit völlig ungewissem Ausgang deutlich verschärft. Worauf müssen sich Anleger einstellen?
Dr. Hendrik Leber: Ich sehe die Situation relativ entspannt. Es gibt viel Kanonendonner, im eigentlichen und im übertragenen Sinne. Trotzdem bleiben die ökonomischen Folgen wohl begrenzt. Iran steht für Öl. Sobald die Straße von Hormus wieder problemlos passierbar ist, normalisiert sich der globale Ölhandel. Die entscheidende Frage lautet: „Wann ist es so weit?“ Die Antwort ist simpel: „Sobald die USA die Lufthoheit über dem Iran halten“ – ein Zustand, der recht bald eintreten dürfte. Zwar springt die Volatilität an den Märkten durch die Ereignisse an, doch spannender ist das geopolitische Gefüge zwischen den USA und Russland. Moskau hat sich als unfähig erwiesen, militärpolitische Partner wie Syrien, Venezuela oder nun den Iran effektiv zu stützen. In Kuba dürfte es sich ebenfalls so verhalten. China agiert derweil defensiv. Die aktuelle Aggressivität der USA dürfte Taiwan aktuell auch vor Attacken aus China schützen. Das wahre Problem liegt jedoch tiefer: Washington fehlt jede politische Vision für die Ära nach einem potenziellen Regimewechsel im Iran. Diese Konzeptionslosigkeit ist es, die mir tatsächlich Sorgen bereitet.
SI: Wie positionieren Sie sich bei den aktuellen Marktturbulenzen in den von Ihnen gemanagten Portfolios?
Leber: Für uns ist jetzt Kaufzeit. Wir sehen exzellente Gelegenheiten, etwa im Lebensmittelbereich, wo Qualitätsaktien deutlich korrigiert haben. Einerseits stocken wir klassische Titel mit attraktiven Dividenden auf. Andererseits identifizieren wir im Softwaresektor vermeintliche Verlierer, die strukturell eigentlich Gewinner sind. Ein Beispiel ist SAP: Das Unternehmen wird durch KI nicht untergehen, da seine massiven Datenbestände schlicht nicht replizierbar sind. Auch im Bereich der Informationsdienstleister wurden viele Titel ungerechtfertigt abgestraft, darunter S&P Global. Deren Ratinggeschäft ist essenziell. Bondemissionen benötigen regulatorisch zwingend menschlich geprüfte Ratings. Reduziert haben wir hingegen unser Engagement bei KKR. Uns besorgt eine potenzielle Krise im Private-Debt-Sektor, Einschläge sind bereits sichtbar. Akteure wie Blue Owl haben schon Probleme. In einem Fonds wurden die vierteljährlichen Rückzahlungen ausgesetzt. Da dieser Markt unreguliert ist, wird kein „weißer Ritter“ zur Rettung eilen, wie man es aus dem Bankensektor kennt. Ein Scheitern dieser Unternehmen wird spürbare Folgen für Private Debt und Private Equity haben. Regional haben wir unser US-Exposure bereits im letzten Frühjahr abgebaut. Ausschlaggebend waren die hohen Bewertungen sowie die erratische Politik unter Trump, insbesondere die Zollpolitik. Zudem belasten branchenübergreifende Teuerungsraten die US-Konsumenten, die sich viele Produkte schlicht nicht mehr leisten können.
SI: Die Value-Legende Warren Buffett ist in den wohlverdienten Ruhestand gegangen. Trauen Sie seinem Nachfolger Greg Abel zu, die Erfolgsgeschichte bei Berkshire Hathaway fortzusetzen?
Leber: Ich sehe den Wechsel positiv. In Omaha habe ich Buffetts Rückzug erlebt – ein bewegender Moment. Dass der Kurs danach erst nachgab und stagnierte, ist völlig normal. Doch Abel weiß, wie man diesen Riesen führt. Auf Hauptversammlungen beeindruckte er mich als klarer, präziser Denker. Zudem signalisieren die neuen Aktienrückkäufe sein tiefes Vertrauen in die Firma. Der Geschäftsbericht wirkt nun strukturierter und sachlicher, wenn auch weniger inspirierend als früher. Diese neue Klarheit und Ordnung gefallen mir sehr. Ich habe richtig Lust, meine Position bei Berkshire aufzustocken.
SI: ACATIS nutzt KI-Tools im Portfoliomanagement. Welche Aufgaben übernimmt die Künstliche Intelligenz und was bleibt für den Manager zu tun?
Leber: Wir haben mit KI bereits im Jahr 2014 unsere ersten Gehversuche gemacht. Im vergangenen Sommer haben wir eine spezialisierte Firma übernommen, die zuvor unsere Modelle entwickelt hatte. Aktuell planen wir einen für die Altersvorsorge geeigneten ETF, der in wenigen Monaten marktreif sein wird. Das Konzept: Unsere Experten treffen die Vorauswahl, während die KI die finale Selektion und Gewichtung steuert. Unsere KI-Anwendungen sind vielfältig, von der Mustererkennung in Zeitreihen bis hin zur kreativen Ideengenerierung.
SI: Im ACATIS Datini Valueflex (WKN: A1H72F) befindet sich BioNTech unter den Top-Ten-Titeln. Was macht die Aktie aus Ihrer Sicht interessant?
Leber: BioNTech hat vielversprechende Wirkstoffkandidaten in der Erprobung. Ich rechne 2026 mit der Markteinführung mindestens eines neuen Präparats, die die Aktie neu beleben wird. Entscheidend ist, dass das Unternehmen stärker auf den Radar US-amerikanischer Investoren rückt, für die es derzeit noch fast unsichtbar ist. Neben der Anwendungsseite beeindruckt mich die Forschung: Durch exzellente KI-Modelle zur Analyse des menschlichen Körpers von den Genen zu Proteinen lassen sich Wechselwirkungen präzise erforschen. Ich kenne keinen Wettbewerber, der das Thema KI in der Forschung so systematisch vorantreibt.
SI: Herr Dr. Leber, vielen Dank für Ihre interessanten Ausführungen.
Dr. Hendrik Leber studierte Betriebswirtschaft in Saarbrücken, St. Gallen (Schweiz), Syracuse und Berkeley (USA). Bevor er ACATIS Investment im Jahre 1994 gründete, war er von 1989 bis 1994 für das Bankhaus Metzler tätig; zunächst als Projektleiter, ab 1990 als persönlich haftender Gesellschafter. Von 1984 bis 1989 war er für die Unternehmensberatung McKinsey als Berater und Senior-Projektleiter tätig. Seine Dissertation an der Hochschule St. Gallen trägt den Titel „Schweizerische Banken im US‐Effektengeschäft“. 2017 wurde er mit dem Goldenen Bullen zum Fondsmanager des Jahres ausgezeichnet. Leber ist Sprecher der Geschäftsführung und Portfoliomanager bei Acatis Investment.


