Kapitalschutz: Der wahre Vermögensverlust kommt selten über Nacht

Dr. Dietmar Peetz

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Warum Europas größte Gefahr nicht der nächste Börsencrash ist, sondern eine schleichende Entwertung

Gastbeitrag von Dr. Dietmar Peetz, CIO der RealUnit Schweiz AG

Ende der Gewissheiten
Von Zeit zu Zeit tritt in der Finanzgeschichte eine Phase auf, in der Inflation, Zinsen und geopolitische Umwälzungen sich gegenseitig verstärken. Wir erleben das derzeit. Anleger fürchten den großen Crash, doch historisch ist es selten ein plötzlicher Bruch, der Vermögen zerstört, sondern eine schleichende Erosion: Währungen verlieren über Jahre Kaufkraft – am Ende fehlt ein großer Teil des Lebenswerks, ohne dass die Kontenstände geschrumpft wären. Diese Gefahr droht Europa.

Globales System unter Druck
Mehrere Entwicklungen sind Ausdruck tieferliegender struktureller Probleme. Deutschland stagniert seit 2018 wirtschaftlich. Gleichzeitig haben die USA eine offizielle Staatsverschuldung von über 38 Bio. USD aufgebaut. Bezieht man langfristige Verpflichtungen wie Sozial- und Gesundheitsprogramme ein, ergibt sich eine theoretische Gesamtbelastung von über 100 Bio. USD. Der jährliche Schuldendienst liegt bereits bei über 1 Bio. USD und dürfte bis 2036 auf mehr als 2 Bio. USD ansteigen. China kämpft mit dem Platzen seiner Immobilienblase. In Europa wird eine militärische Konfrontation mit Russland diskutiert. Diese scheinbar isolierten Ereignisse hängen eng zusammen.

Der Kreditmotor des Westens
Seit Jahrhunderten basiert das westliche Modell auf kreditgetriebenem Wachstum. Kredit erzeugt Zinsen, Zinsen erzeugen Zinseszinsen – und genau dieser Mechanismus erzwingt stetige Expansion. Solange die Wirtschaft schneller wächst als die Schulden, bleibt das System stabil. Kippt dieses Verhältnis und fällt das Wachstum hinter die Zinslast zurück, entsteht struktureller Druck. Reformen werden dann nicht optional, sondern zwingend. Bleiben sie aus, droht ein systemischer Bruch. Das Jahr 2026 könnte einen solchen Kipppunkt markieren.

Der Zins als Indikator
Öffentliche Debatten fokussieren sich auf Wachstum oder Märkte, doch der entscheidende Indikator ist der Zins. Er misst die Belastungsgrenze des Systems. Steigen die Zinskosten schneller als die Staatseinnahmen, schrumpft der politische Handlungsspielraum und verschiebt sich hin zum Kreditmarkt. Staaten verlieren faktisch Kontrolle. Wie schnell das passiert, zeigte sich 2022 unter Liz Truss in Großbritannien: Nach Ankündigung schuldenfinanzierter Steuersenkungen stiegen die Anleiherenditen abrupt, das Pfund fiel und die Regierung musste zurückrudern. Kurz darauf verlor Truss ihr Amt. Der Kreditmarkt hatte seine Macht demonstriert.

Staaten und ihre Grenzen
Historisch scheitern Staaten selten an militärischer Schwäche, sondern daran, dass ihre Versprechen die Tragfähigkeit ihrer Finanzsysteme übersteigen. Irgendwann kippt das Vertrauen. Kapital wird teurer oder zieht sich zurück. In dieser Phase geraten zunächst die Währungen unter Druck, danach folgen reale Wohlstandsverluste und politische Instabilität (Französische Revolution/Weimarer Hyperinflation).

Schulden, Währungen und Kriege
Finanziell unter Druck stehende Staaten greifen typischerweise zu zwei Instrumenten: höhere Steuern oder externe Konflikte. Historisch lässt sich beobachten, dass mit schrumpfenden Fiskalspielräumen auch die Kriegsneigung steigt. Konflikte können Ressourcen sichern und innenpolitische Spannungen nach außen verlagern. Ein Artikel aus der Zeitschrift des deutschen Sparkassenverbands aus dem Jahr 1891 argumentierte sinngemäß, dass ein großer Krieg Kapital zerstören könne und damit wieder Raum für höhere Zinsen schaffen würde – eine erschreckend hellsichtige und präzise Diagnose für den Zyklus von Imperien.

Der Zyklus der Imperien
Große wirtschaftliche und politische Systeme folgen langfristigen Zyklen. Ein typischer Schuldenzyklus dauert historisch etwa 40 bis 60 Jahre, danach erfolgt meist ein Reset durch Währungsreformen oder massive Einschnitte in die Kaufkraft des Geldes. Zwei solcher Zyklen hintereinander führen häufig zu struktureller Erschöpfung – oft zusammenfallend mit dem Ende eines hegemonialen Machtzyklus (rund 100 bis 110 Jahre). Historisch lässt sich eine Reihe solcher Übergänge beobachten: von Portugal zu Spanien, von den Niederlanden zu Großbritannien und schließlich zu den Vereinigten Staaten. Daneben lassen sich soziale Zyklen von rund 80 Jahren beobachten, eng verknüpft mit Generationenwechseln: Eine Generation baut ein System auf, die nächste stabilisiert es, die dritte verteidigt seine Ideologie und die vierte erlebt den Bruch.

Über diesen Mustern liegt ein geopolitischer Zyklus von etwa 250 Jahren. Hegemonien entstehen, konsolidieren sich und zerfallen mit auffälliger Regelmäßigkeit. Die spanische Dominanz endete nach rund zweieinhalb Jahrhunderten, die Herrschaft der Romanows dauerte 234 Jahre, und auch Großbritanniens globale Vorherrschaft reichte von der Glorious Revolution 1688 bis zum Zweiten Weltkrieg. Preußen fügt sich in dieses Muster: 1701 gegründet, ab 1871 dominierend und 1947 aufgelöst – ein Zyklus von rund 250 Jahren. Viele konservative Sparer konnten sich damals nicht vorstellen, dass mit dem Ende der alten Ordnung auch ihre Lebensersparnisse verloren gingen.

Das Klumpenrisiko des Euro
Der durchschnittliche Deutsche hält zwischen 95% und 99% seines Vermögens in Euro, der Nachfolgerwährung der Deutschen Mark. Fremdwährungen, Edelmetalle oder andere reale Absicherungen spielen kaum eine Rolle. Daraus entsteht ein erhebliches Klumpenrisiko. Kaum jemand würde sein gesamtes Aktienportfolio auf eine einzige Position konzentrieren. Bei Währungen geschieht genau das.

Die zentrale Frage ist daher nicht nur, welche Anlageklasse steigt, sondern welche Währung ihre Kaufkraft erhält. Der Euro hat gegenüber Gold in den vergangenen zehn Jahren rund 70% bis 80% an Kaufkraft verloren. Wer Gold hielt, wurde damit nicht zwingend reicher: Er hat in erster Linie den Wertverlust seiner Währung ausgeglichen.

Die Rolle der Technologie
Ein häufiges Argument lautet, dass diesmal alles anders sei: Künstliche Intelligenz werde die Produktivität so stark steigern, dass Schuldenprobleme relativiert würden. Entscheidend ist jedoch, wo Produktivität tatsächlich entsteht. Die großen Sprünge der Geschichte beruhten auf Eingriffen in die physische Produktion – Elektrifizierung, Verbrennungsmotor, industrielle Automatisierung. Informationstechnologie optimiert primär Prozesse, erhöht aber nicht automatisch die reale Produktionskapazität einer Volkswirtschaft.

Gleichzeitig wird der Ausbau von KI derzeit massiv kreditfinanziert. Bleiben die erwarteten Cashflows aus, wirken Zins und Zinseszins in die Gegenrichtung und treiben die Verschuldung weiter hinauf. Parallel verändert KI die Arbeitsmärkte: Stehen Einkommen unter Druck, sinkt der Konsum – ein zentrales Risiko für Volkswirtschaften, die stark vom privaten Verbrauch abhängen.

Wenn Unsicherheit wächst
Technologische Umbrüche, geopolitische Spannungen und steigende Schulden verstärken derzeit ein Gefühl struktureller Unsicherheit. In solchen Phasen entstehen zwei typische Reaktionen: übertriebener Optimismus, der neue Technologien als Allheilmittel sieht, und Alarmismus, der unmittelbar bevorstehende Katastrophen prophezeit. Beide Extreme führen selten zu guten Entscheidungen. Langfristige Vermögensentscheidungen erfordern Distanz, Analyse und Strategie.

Entscheidend ist nicht der Zeitpunkt eines möglichen Systembruchs, sondern die Robustheit des eigenen Portfolios gegenüber unterschiedlichen Szenarien. Der erste Schritt ist die Überprüfung der eigenen Annahmen. Viele Portfolios funktionieren nur unter der stillschweigenden Vo-raussetzung stabilen Wachstums. Fällt diese Annahme, bricht die Logik dahinter zusammen.

Der zweite Schritt ist die Fokussierung auf reale Vermögenswerte. Dazu zählen Beteiligungen an produktiven Unternehmen, Energieinfrastruktur sowie Edelmetalle wie Gold. Diese generieren entweder reale Cashflows oder entziehen sich zumindest teilweise der Entwertung von Währungen.

Drittens ist geografische Diversifikation entscheidend. Das zentrale Risiko liegt nicht in einzelnen Anlagen, sondern in der Konzentration auf eine einzige Währung. Wer dieses Klumpenrisiko ignoriert, setzt implizit auf Stabilität, die historisch nicht garantiert ist.

Der vierte Punkt ist psychologischer Natur. Wendepunkte verlaufen selten im Konsens. Die Mehrheit liegt dort häufig falsch. Gegen diese Dynamik zu handeln, erfordert Klarheit, Disziplin und die Bereitschaft, temporär gegen den Markt zu stehen.

Fazit
Die größte Gefahr für Vermögen entsteht selten durch plötzliche Crashs, sondern eher durch schleichende Entwertung. Inflation und Währungsabwertung wirken langsam, aber kontinuierlich und greifen die Kaufkraft direkt an. Die vergangenen 80 Jahre waren eine Ausnahmephase, geprägt von stabilen Institutionen, niedrigen Zinsen und globaler Integration. Genau diese Voraussetzungen beginnen sich aufzulösen. Große Schuldenzyklen nähern sich ihrem Ende, Währungsregime geraten unter Druck und die geopolitische Machtverteilung verschiebt sich sichtbar. Treffen diese Entwicklungen aufeinander, verändern sich die Spielregeln der Vermögensbildung. In solchen Phasen steht nicht die maximale Rendite im Vordergrund, sondern der Erhalt realer Kaufkraft.

Dr. Dietmar Peetz ist Chief Investment Officer (CIO) der RealUnit Schweiz AG, die mit dem RealUnit eine Anlagelösung zum langfristigen Vermögenserhalt anbietet. Bei Interesse empfehlen wir Ihnen das Video von Herrn Dr. Peetz: Besuchen Sie dazu den YouTube-K anal der RealUnit Schweiz AG.

Gratis E-Book „Krieg und Vermögen“ erhältlich unter https://dietmarpeetz.com/

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