Zu wenig, zu zaghaft
Die große VerpuffungBundeskanzler Merz und Finanzminister Klingbeil kündigten nach einer siebenstündigen Sitzung des Koalitionsausschusses Reformen an bei Steuern, Rente und Sozialleistungen. Zusätzlich soll Bürokratie abgebaut werden. Der Kanzler spricht von einem „großen Sprung nach vorn“, allerdings werde es keinen „großen Big Bang“ geben. – Substanz Investor Weekly prophezeit: Es wird nur für eine Verpuffung reichen, vielleicht für eine etwas größere.
Das ist keine besonders gewagte Prognose. Es ist die zwangsläufige Schlussfolgerung aus den Zahlen, welche die Wirtschaft liefert. Die angekündigte steuerliche Entlastung für kleine und mittlere Einkommen ist gering und dürfte von Inflation und steigenden Sozialausgaben aufgefressen werden. Dafür sollen Familienunternehmer im Land der „Hidden Champions“ künftig noch stärker besteuert werden. Eine druckfrische Studie des McKinsey Global Institute entdeckt, dass die Nettoinvestitionen in Deutschland inzwischen auf 0,2% des Bruttoinlandsprodukts (BIP) abgesunken sind. Mit anderen Worten: Das Land wird „auf Verschleiß gefahren“. Älteren Mitbürgern wird die Formulierung bekannt vorkommen. Sie wurde verwendet, um den Zustand der Volkswirtschaft der Deutschen Demokratischen Republik kurz vor dem Zusammenbruch zu beschreiben. Die späte DDR zehrte von der Substanz. Die Sozialleistungen waren üppig, die Straßen dafür holprig, die Brücken marode, die Maschinen alt und die Stimmung grau.
Zahlen zeigen WahrheitBruttoinvestitionen sind alle Ausgaben eines Landes für neue Maschinen, Infrastruktur usw. Allerdings nutzt sich ein Teil des bestehenden Kapitalstocks (Maschinen, Gebäude) ab. Der Wertverzehr wird als Abschreibung bezeichnet. Bruttoinvestition minus Abschreibung ergibt die Nettoinvestition, die zeigt, ob die Produktionskapazität einer Volkswirtschaft tatsächlich wächst. Wird die Nettoinvestition – wie von McKinsey – ins Verhältnis zum BIP gesetzt, dann werden Länder unterschiedlicher Größe vergleichbar. So zeigt sich, dass China seinen Kapitalstock drei- bis fünfmal stärker vergrößert als die USA und Europa zusammen. Im innereuropäischen Vergleich liegt Deutschland am Ende: Hier herrscht fast Stillstand. Für den renditeorientierten Aktienanleger ist Deutschland damit nicht verloren. Aber er wird genau darauf schauen, wo ein deutschstämmiges Unternehmen seinen geschäftlichen Schwerpunkt hat.

Es gilt, je internationaler das Unternehmen aufgestellt ist, desto weniger ist es von der Lethargie im Heimatland betroffen. Der Anleger wird den Blick auch hin zu angrenzenden Staaten schweifen lassen, wo Rahmenbedingungen mediterraner verstanden werden und die Stimmung weniger grau ist. So machen es jedenfalls die Experten von Morgan Stanley und stellen 30 europäische Titel vor, die als Gegengewicht zum KI-Hype funktionieren. Drei Beispiele: Saint-Gobain (WKN: 872087) ist ein französischer Baustoffkonzern und gilt als „vergessener Compounder“. Er ist günstig bewertet, und Morgan Stanley sieht ein Kurspotenzial von 30%. Richemont (WKN: A1W5CV) ist die Cartier-Mutter und überzeugt die Analysten als Qualitätsaktie im absoluten Luxussegment: Vermögende Konsumenten lassen sich die Kauflaune weder vom wieder aufflammenden Irankrieg vermiesen noch von etwaigen Konjunkturkrisen. Auch die deutsche DWS (WKN: DWS100) bewerten die Banker als aussichtsreich. Die von Merz und Klingbeil anvisierte Rentenreform könnte dem deutschen Vermögensverwalter Rückenwind verleihen.
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10 Jahre Hayek-Club Weimar
Der Hayek-Club Weimar feiert sein zehnjähriges Bestehen und lädt am 15. August 2026 zu einer Tagung, die das Beste der Österreichischen Schule versammelt. Unter dem Titel „Zurück zur Vernunft: Mit der Österreichischen Schule gegen Planwirtschaft und Interventionismus“ sprechen unter anderem Gerd Habermann über die lebensfreundliche Botschaft der Austrians, Markus Krall über die metaphysischen Grundlagen der Freiheit und Thorsten Polleit über Kant und den Libertarismus. Wer fundierte Argumente und klare Gedanken schätzt, wird an diesem Tag auf seine Kosten kommen. Dazu gibt es reichlich Gelegenheit zum Austausch mit Gleichgesinnten in entspannter, sommerlicher Atmosphäre.
Karten und Anmeldung: hayek.club.weimar@mail.de
Maschinenintelligenz
Zu Beginn der zweiten Jahreshälfte wird die Luft aus dem aufgeblasenen KI-Trade gelassen. Über Nacht kommt noch der wieder aufflammende Konflikt mit dem Iran hinzu. Anleger können sich gar nicht schnell genug trennen von bisherigen Highflyern des Jahres. An den Kurstafeln leuchtet es tiefrot für Aktien wie Micron (WKN: 869020), AMD (WKN: 863186) oder Applied Materials (WKN: 865177). Doch die Künstliche Intelligenz (KI) wird deswegen nicht verschwinden. Anleger und Unternehmer differenzieren derzeit: Was funktioniert und bringt Geld – und welche KI-Geschäftsmodelle verbrennen Tokens und Geld? Alex Karp, Chef von Palantir (WKN: A2QA4J), war früh und wieder mal auf der richtigen Fährte: Da er Deutschland und die deutsche Ingenieurstradition als Trumpf im KI-Zeitalter bezeichnete.
Er muss nur ausgespielt werden, statt in einem Verliererblatt aus Abgaben, Vorschriften und Bürokratie steckenzubleiben. Die fixen Jungs aus dem Silicon Valley können zwar KI programmieren. Aber die deutschen Ingenieure können sie in ihre wunderbaren, hochgezüchteten Maschinen pflanzen. Sie können die KI-gesteuerten Fabriken konstruieren, und sie und ihre Manager haben gewachsene Verbindungen, um solche Millionen- und Milliardenprodukte weltweit zu verkaufen. Wir schauen auf Aktien, die von einer solchen zweiten, differenzierenden KI-Welle profitieren können. Siemens (WKN: 723610) arbeitet intensiv an KI-Industriesystemen und ist Kooperationen mit Nvidia (WKN: 918422) und Microsoft (WKN: 870747) eingegangen. Der Logistikkonzern KION (WKN: KGX888) entwickelt im großen Stil die KI-gesteuerte Lagerautomatisierung. Die schweizerische ABB (WKN: 919730) hat Kernkompetenzen bei der Fabrikautomatisierung.

Zu den Märkten
Kaum schien der Nahe Osten zur Ruhe zu kommen, sorgen neue Zwischenfälle im Iran-Konflikt schon wieder für Nervosität. Sollte es erneut zu einer Schließung der Straße von Hormus kommen, wären steigende Ölpreise die unmittelbare Folge; und mit ihnen eine Kette weiterer Verwerfungen, von teurer werdenden Düngemitteln bis zu neuerlichem Stress in den globalen Lieferketten – Zusammenhänge, auf die wir bereits im Substanz Investor 5/2026 hingewiesen haben. Was uns dabei besonders aufhorchen lässt: Die Eskalationsgefahr ist womöglich gerade dann am größten, wenn alle Welt bereits den endgültigen Frieden herbeischreibt. Genau in solchen Momenten trügerischer Ruhe wurden Anleger in der Vergangenheit oft auf dem falschen Fuß erwischt. Der DAX, der Anfang Juli noch von Rekord zu Rekord geeilt war, gibt heute spürbar nach und rutschte zwischenzeitlich unter die 25.000er Marke — ein erstes Bröckeln jener Zuversicht, die wir in der aktuellen Gemengelage ohnehin nicht recht teilen mögen.
Auch beim großen Markttreiber der vergangenen Monate lohnt ein zweiter, kritischer Blick: der Künstlichen Intelligenz. So berechtigt die eingangs skizzierte Differenzierung ist – uns treibt aber eine grundsätzlichere Vorsicht um. Denn selbst dort, wo Geschäftsmodelle bereits tragen, verdichten sich die Anzeichen einer Blasenbildung. Anders als zu Dotcom-Zeiten steckt hinter dem Boom zwar reale Substanz – hier wird tatsächlich Geld verdient, nicht bloß mit Zukunftsfantasien jongliert. Doch die Kehrseite ist beachtlich: Die Investitionssummen, die derzeit in Rechenzentren und Modelle fließen, erreichen ungekannte Dimensionen, und der damit verbundene Energiehunger nimmt geradezu sprengende Ausmaße an. Ein Selbstläufer sieht anders aus. Wer glaubt, die Rally schreibe sich von allein fort, könnte sich verrechnen – weshalb wir dieses Thema mit einer gesunden Portion Skepsis begleiten.
Musterdepots
In unserer Rubrik Musterdepot berichten wir über unsere Edelmetallwerte im Allgemeinen und unsere Uran-Position. Die große Übersichtstabelle für den Juni finden Sie in Ausgabe 26/2026 dieses Newsletters. Im Musterdepotbereich können Sie sich durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die Transaktionen der letzten Wochen verschaffen. Um diesen Bereich zu lesen, müssen Sie Abonnent des Substanz Investor Magazins sein und sich auf der Substanz-Investor-Website einloggen. Sollten Sie Ihr Passwort vergessen haben, fordern Sie bitte ein neues an bei Mailto: abo@substanzinvestor.de.
Fazit
Ob beim Reförmchen aus Berlin, dem wieder aufflammenden Nahost-Risiko oder der einsetzenden Ernüchterung im KI-Trade: Diese Woche führt vor Augen, dass Substanz und Skepsis derzeit die besseren Ratgeber sind als Euphorie. Wo die KI-Angst den Blick trübt und wo sie gerade dadurch Chancen eröffnet, zeigt unser Beitrag „Im Sog der KI-Welle“ im aktuellen Substanz Investor 7/2026 ab S. 44.
Ralf Flierl, Frank Sauerland, Peter Seufert-Heyne


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Die Charts wurden erstellt mit stock3 und Tai-Pan von Lenz+Partner. Diese Rubrik erscheint jeden Mittwochnachmittag.



