Konferenzbericht von der „DEXIT 2026“, die vom 7. bis 9.8. in München stattfand
Auf der Suche nach Freiheit
Drei Tage, rund 300 Teilnehmer, alle Ticketkategorien Wochen vorher ausverkauft: Die von Christoph Heuermanns staatenlos.ch mit dem Makler „grenzenlos sicher“ ausgerichtete DEXIT 2026 war kein Nischentreff versprengter Aussteiger, sondern traf den Nerv der Zeit. Eines einte die Besucher: Sie suchten Alternativen zum Hochsteuerland und mochten sich mit der Übergriffigkeit von Politik und Bürokratie nicht abfinden. Die Abstimmung mit den Füßen ist längst Realität: Allein 2024 verließen fast 270.000 Deutsche das Land, der Saldo lag bei -81.000. Erstmals wurden zwei Preise verliehen: Die „Freiheitsbremse“ ging an Bundeskanzler Friedrich Merz, für eine Politik, die den Bürgern das Bleiben teurer und das Gehen schwerer macht. Den „Innovationsmotor“ bekam der YouTuber „ben_ungescriptet“, stellvertretend für jene, die die Redefreiheit dort hochhalten, wo die Politik sie einhegt.

Niemanden mehr fragen müssen
Joana Cotar, ehemalige Bundestagsabgeordnete und Mitgründerin des Milei-Instituts, argumentierte mit dem US-Soziologen Albert Hirschman: Auswandern sei ein Marktprozess, Staaten konkurrierten um Bürger und Kapital. Nur reagiere Berlin nicht mit einem besseren Angebot, sondern mit Barrieren: „schädlicher“ Steuerwettbewerb, „Harmonisierung“, Wegzugsbesteuerung. Die Salamitechnik belegte sie am Kontenabruf: 2001 gegen Terrorfinanzierung eingeführt, später „klargestellt“, stieg die Zahl der Abrufe von anfänglich 10.000 auf 1,8 Mio. bis 2023. Kontrolliert werde nicht mehr an der Grenze, sondern an der Zahlungsendstelle, bei Banken und Plattformen. Über CRS, DAC8 und CARF ziehe sich der Datenraum zusammen, denn erst der lesbare Mensch sei zuverlässig besteuerbar. Nächste Stufen: die EU-Wallet bis Ende 2026 und der digitale Euro ab 2029. Cotars Gegenmittel: drei Wohnsitze – körperlich, steuerlich, wirtschaftlich – und die Streuung des Vermögens, teils in selbstverwahrtem Bitcoin. Ihr Credo: „Freiheit beginnt in dem Moment, wo Sie niemanden mehr fragen müssen, ob Sie dürfen.“
Ausreisen ohne Einwandern
Wie der Ausgang aussehen könnte, führte Gastgeber Christoph Heuermann vor. Das von staatenlos.ch propagierte „Perpetual Traveling“ bedeute nicht zwingend Dauerreise, wohl aber das planvolle Vermeiden der Kriterien, die eine Steuerpflicht auslösen: Lebensmittelpunkt, verfügbare Wohnung, „Schlüsselgewalt“, Aufenthalt des Ehepartners. Entscheidend seien Wohnsitz und Firmensitz, nicht das Konto. Die „Staatenlosigkeit“ gliederte er in drei Stufen: dauerhaftes Reisen, zwei Standorte in Ländern ohne Meldezwang oder Auswandern in eines von über 60 steuerfreien Ländern. Welche taugen, ermittelt sein per KI erstelltes „Freiheitsranking“, an dessen Spitze kein Staat steht, sondern die Privatstadt Próspera in Honduras. Seinen Vanuatu-Pass kaufte er für zwei Bitcoin – aus Trotz: Als die EU dem Pazifikstaat den Schengen-Zugang entzog, weil dieser nicht parierte, überzeugte ihn genau das. „Was ich am meisten achte, ist Souveränität.“

Wie schmal der Grat ist, zeigte die zweistündige Fragerunde. Es liege „selten oder fast nie rein an den Tagen“: Die 183-Tage-Regel sei nur die bekannteste Schwelle, entscheidend seien Wohnung und wirtschaftliche Interessen. Wer eine deutsche Wohnung behält, muss sie vermieten oder vollständig räumen: „Es darf kein Bett geben.“ Seine Kernbotschaft: alles sauber deklarieren. Wer offenlege, sei aus dem Vorwurf der Steuerhinterziehung heraus. Das eigentliche Risiko sieht er woanders: Die Deutschen sind Denunzianten.
Bewusste Rechtswahl statt Rechtsroulette
Ins Juristische entführte Rechtsanwalt Carlos A. Gebauer das Publikum. Wer über Grenzen hinweg lebt, arbeitet, heiratet oder erbt, gerät ins internationale Privatrecht, ein Minenfeld: Staatsangehörigkeit, Aufenthalt, Erfolgsort, Ort der Eheschließung, Belegenheit der Sache – „und das alles zu verschiedenen Zeitpunkten“. Den schönsten Beleg liefert der Staat selbst: Die EU-Rom-I-Verordnung will Rechtsstreitigkeiten laut Erwägungsgrund nur „vorhersehbarer“ machen. Wer die Vorhersehbarkeit bloß steigern will, gesteht ein, dass gar nichts vorhersehbar ist. Gebauers Rat: in jeden Vertrag eine Rechtswahl schreiben, idealerweise „das Recht der Bundesrepublik Deutschland mit Ausnahme seiner auf fremdes Recht zurückverweisenden Normen“. Sein Fazit: „Das Recht ist für die Wachen, also seien Sie wach.“ Dr. Tim Kerstges verwies auf die Bedeutung der Gerichtsstandsvereinbarung: Wer in Dubai sitze, könne deutsche Firmenkunden verklagen, während diese ihn nicht erreichten; gegenüber Verbrauchern greife das aber nicht.
Zielland Emirate
Wohin es die Steuermüden zieht, schilderte Steuerrechtsanwalt Dr. Wolfgang Eisenberg, der selbst nach Abu Dhabi ausgewandert ist. In den Emiraten gibt es keine Einkommen-, Kapitalertrag- oder Erbschaftsteuer, nur 9% Körperschaftsteuer ab umgerechnet 90.000 EUR und 5% Umsatzsteuer; in einer Free Zone entfällt auch die Körperschaftsteuer. Entscheidend sei weniger das Visum als das Tax Residence Certificate, das zusätzlich Wohnung und Konto voraussetzt und ab 90 Tagen Aufenthalt erteilt wird. Seine Bedeutung ergibt sich aus den über 140 Doppelbesteuerungsabkommen der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE). Das Nadelöhr sei inzwischen nicht der Aufenthaltstitel, sondern das Bankkonto, dessen Eröffnung bis zu zehn Wochen dauere. Seine Warnung an allzu Blauäugige: „Dort hinzugehen und zu glauben, jetzt wird das alles besser, das funktioniert nicht.“
Die Falle Immobilität
Der Ökonom Rahim Taghizadegan vom Wiener Scholarium, Vertreter der Österreichischen Schule, hatte eine unbequeme Warnung für die immobilienverliebten Deutschen. Die Immobilie bündele „drei Lebensentscheidungen in einer Sache“: den Lebensort, eine Anlageentscheidung und den Kauf eines langlebigen Konsumguts. Gerade Deutsche verschmölzen die drei zur Illusion vom Immobiliensparbuch. Sobald Zinsen, Demografie oder Absatzfähigkeit drehen, „hofft man, dass es ein Sparbuch war“. Zum Sparen tauge sie am wenigsten, weil unteilbar und ortsgebunden; als unternehmerisches Investment brauche sie Erfahrung, die dem Zugezogenen am Trendort fehlt – der obendrein den Fremdenaufschlag zahlt. Bei einer Auslandsimmobilie solle man nie dem Verkäufer glauben, sondern unabhängig prüfen lassen. Deutsche Immobilien zählt er angesichts der Demografie „zu den riskantesten und verrücktesten Anlagen“. Sein Appell: „Ich kann Sie nur ermutigen, sich von der Immobilität zu lösen.“
Nur drei bis sieben Stunden
Für den handfestesten Auftritt sorgte Tom Kaules alias „Major Tom“, Ex-Elitesoldat und heute Sicherheitsberater vermögender Familien. Er befreite sich live aus Handschellen, Klebeband und einem Polizei-Kabelbinder mit 115 Kilogramm Zugkraft, aus Letzterem in fünf Sekunden; die meisten Opfer gäben nicht aus Schwäche auf, sondern aus Unwissen. Ein trauriges Highlight war der Blackout: Der Katastrophenschutz schreibe Krankenhäusern, Feuerwehr und Wasserversorgung 72 Stunden Autarkie vor, eine Studie am Beispiel Berlin habe real nur drei bis sieben Stunden ergeben. Die Gründe sind kabarettreif: In den Tanklagern war der Sprit „überlagert“, ein Depot mit einem elektronischen Schloss gesichert, das ohne Strom nicht öffnet. Sein Schluss: „Hilfe kommt nicht während eines Blackouts, die Gefahren schon.“
Was Argentinien beweist
Dass „unreformierbar“ bloß eine Ausrede ist, führte Ivan Dubois vom MERCOSUR-Parlament vor. Er begann mit einer Zahl: 91 Jahre Inflation. Argentinien habe „fast alles, was ein Land zum Erfolg braucht“, und sei doch ärmer geworden, nicht durch Pech, sondern durch Wiederholung: 23 IWF-Programme seit 1956, keines hielt lange. Ende 2023 stand die Inflation bei rund 200% p.a. Unter Milei fiel die Monatsrate von 25% auf 2%. Der Weg sei „überraschend orthodox“ gewesen: Defizit stoppen, monetäre Finanzierung beenden und das institutionell verankern. Die Armut stieg zunächst auf fast 53%, fiel bis Mitte 2025 aber auf 28%. Der ordnungspolitische Kern: Ermessensfragen wurden durch klare Regeln ersetzt. Das Deregulierungsministerium zähle über 700 Maßnahmen und rund 16.000 geänderte oder – besser noch – gestrichene Vorschriften. Bis Argentinien wieder lebenswert sei, brauche es 20 bis 30 Jahre, aber die Richtung stimme.
Vertrag und Freiheit
Zwei Beiträge stellten die Freiheitsfrage grundsätzlich – von außen und von innen. Jan Bertram von der Free Cities Foundation skizzierte, was an die Stelle des Staates treten könnte: Verwaltung als Dienstleister, abgesichert durch einen unterschriebenen Bürgervertrag statt eines bloß unterstellten Gesellschaftsvertrags. Er sortierte die Projekte nach dem Grad der Autonomie: von „Intentional Communities“ über Charter Cities (Nobelpreisträger Paul Romer) und Freie Privatstädte (Titus Gebel) bis zum Seasteading, das aber an einem simplen Problem hängt: „Jedes Stück Land ist schon vergeben.“ Flaggschiff ist Próspera, das die Angriffe der sozialistischen Vorgängerregierung nur dank einer Milliardenklage vor einem Schiedsgericht überstand. Maximilian Pütz nahm die Gegenrichtung: Mit den vier Prüffragen von Byron Katies „The Work“ ließ er das Publikum jene Sätze zerlegen, die vom Auswandern abhalten. „Das Problem ist nicht die Situation, sondern der Gedanke, den du dazu hast.“ Die äußere Freiheit braucht einen Vertrag, die innere eine Selbstprüfung.

Fazit
Die Beiträge zeichneten ein konsistentes Bild: Der Staat wird übergriffiger und zieht das Netz enger; kontrolliert wird längst nicht mehr an der Grenze, sondern an Konto, Datenbank und Identität. Die Antwort der Szene ist der organisierte Ausgang, rechtlich sauber und über mehrere Rechtsordnungen verteilt. Die DEXIT war zugleich ein Marktplatz für Zahlungsdienstleistungen, Travelhacking, Nomadenversicherungen, Gold, Immobilien in Nordzypern, Dubai und Panama sowie Zweitpässe – Angebote, die man mit derselben Wachheit prüfen sollte, die Gebauer beim Recht empfahl. Dass am Ende nicht die Steuerersparnis den Ausschlag gibt, bewies das Kamingespräch zwischen Heuermann und dem Extremreisenden Kolja Spöri: Von der „Straße der Knochen“ nach Magadan, wo Spöri bei -62 Grad den Kraftstoff von Hand pumpte, bis ins Niemandsland Bir Tawil machte das bei manchem Lust auf die Welt. Solange Staaten ihre Bürger nicht einsperren, bleibt der Wettbewerb der Rechts- und Steuerordnungen das disziplinierende Element gegen eine Politik, die ihnen immer unverhohlener in die Tasche greift. Etliche Teilnehmer waren schon ausgewandert oder saßen auf gepackten Koffern. Der Exodus der Leistungsträger ist ein vernichtenderes Urteil über die Politik eines Landes, als es ein Stimmzettel je sein könnte.

