Politik & Gesellschaft: „Mein einziges Dogma sind die Grundrechte“

Flo Osrainik

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Substanz Investor im Gespräch mit dem Buchautor und Journalisten Flo Osrainik zu den Konflikten in der Ukraine und im Nahen Osten

Substanz Investor: Herr Osrainik, Sie schreiben als Autor über verschiedene Themenbereiche. Auch weiß man beim Lesen Ihrer Schriften manchmal gar nicht, wo auf der politischen Skala man Sie verorten soll – eher links oder eher rechts? Wie sehen Sie sich selbst?
Flo Osrainik: Mit den Bezeichnungen links und rechts kann ich nicht viel anfangen und sie interessieren mich – ehrlich gesagt – auch nicht. Was soll links und was rechts heute noch sein? Wenn links bedeutet, gegen Ausbeutung, Unterdrückung oder Angriffskriege zu sein, dann bin ich links. Wenn rechts bedeutet, für Traditionen und gegen jeden modernen Schwachsinn wie Gendern, digitalen Totalitarismus und Transhumanismus zu sein, dann bin ich rechts.

SI: Ich verstehe – Sie sehen sich als ideologiefrei, es kommt jeweils auf die Sache an?
Osrainik: Genau, denn zur Problemlösung taugen Etiketten oder Dogmen nicht. Jedenfalls dann nicht, wenn man Werte und ein Gerechtigkeitsempfinden hat und vernünftig sowie respektvoll auf Augenhöhe miteinander umgehen möchte, was man doch sollte. Es gibt für mich nur ein Dogma, und zwar die Grundrechte, welche allen überall zustehen. Es ist mir egal, wer etwas sagt. Entscheidend ist für mich, was wozu gesagt oder getan wird.

SI: Wie würden Sie sich dann selbst beschreiben?
Osrainik: Ich würde mich mit anarchisch bzw. libertär, also freiheitsliebend, selbstbestimmt sowie sozial verbunden beschreiben: Denn die Freiheit des Einzelnen endet nur dort, wo sie die Freiheit des anderen verletzt.

SI: Sie haben sich in Ihren Schriften ausführlich mit dem Ukrainekrieg beschäftigt. Sind denn nun die angreifenden Russen die Bösen oder wurden sie von der Ukraine herausgefordert?
Osrainik: Korrekter wäre es, von den eingreifenden Russen zu reden, und herausgefordert wurden sie vom nach Osten vorrückenden Westen. Das heißt: von der US-geführten NATO nach Auflösung der Sowjetunion.

Mit dem von außen angezettelten und unterstützten Maidan-Putsch 2014 begann ein langjähriger antirussischer Bürger- und Stellvertreterkrieg durch die in Kiew eingesetzten Putschisten. Und diese sind im Übrigen verfassungswidrig und mit Gewalt an die Macht gekommen und haben dem russischen Teil des Landes, der sich von den Putschisten in Kiew unabhängig machen wollte, was ihr gutes Recht ist, Bomben geschickt. Während das neue Regime in Kiew vom Westen eingesetzt und unterstützt wurde, wurden die Separatisten im Südosten der Ukraine dann von Russland unterstützt. Später griff Moskau offiziell in den Krieg ein.

So viel kurz und knapp zu den Entwicklungen dieses Stellvertreterkriegs zwischen der NATO und Russland. Ob sonst noch etwas an Absprachen zwischen einflussreichen Kreisen im Hintergrund der Dinge abläuft, kann ich nicht sagen. Im Übrigen habe ich mich mit meinem Buch „Lügen, Lügen, Lügen“ im größeren Rahmen und mit „Donbassdonner“ konkret mit diesem Thema beschäftigt.

SI: Nach mehr als vier Jahren Krieg mit mutmaßlich weit über einer Million Toten interessiert mich Ihre Einschätzung des Kriegsverlaufs. Außerdem scheint der Konflikt nun ein neues Momentum zu bekommen, und zwar von beiden Seiten ausgehend: Jeweils finden Angriffe tief ins Feindesland statt. Der Medienmainstream geht von einem Sieg der Ukraine mithilfe des Westens aus. Wie ist das Ihrer Ansicht nach zu interpretieren?
Osrainik: Zunächst zu den Opferzahlen: Wie viele Tote es in diesem Krieg bisher gab, kann bestenfalls grob geschätzt werden, weil beide Seiten keine Zahlen veröffentlichen, und wenn, dann sind diese grundsätzlich infrage zu stellen. Und diverse „Organisationen“ oder „Medien“, die Opferzahlen nennen, sind nicht neutral und werden wie das CSIS oder Meduza u.a. von den USA finanziert. Der wirre ukrainische Machthaber Wolodymyr Selenskyi sprach im Februar 2026 von angeblich 55.000 gefallenen Ukrainern und rund ein halbes Jahr später in einem Interview mit dem US-Sender Fox von nur noch 50.000 gefallenen Ukrainern. Also vergessen wir konkrete Zahlen vorerst. Auf jeden Fall sind zu viele Menschen gefallen, gestorben und getötet worden. Und über den Kriegsverlauf kann ich nicht mehr sagen, als offensichtlich ist. Der Krieg dauert nun schon so lange, wie er eben dauert, und Russland kommt gefühlt nur im Schneckentempo voran. Dass die Ukraine mit NATO-Unterstützung immer mehr zivile Ziele im russischen Hinterland angreift, könnte den Kriegsverlauf beschleunigen – oder eben weiter eskalieren. Ich denke, es hängt davon ab, wie entschlossen Russland auf die Angriffe auf sein Territorium reagieren wird.

SI: Ein anderer wichtiger Krieg, der die Schlagzeilen beherrscht, tobt im Nahen Osten. Sehen Sie dabei Ähnlichkeiten mit dem Ukrainekrieg?
Osrainik: Der Angriffskrieg gegen den Iran, der von den USA und Israel ohne Provokation begonnen wurde, ist nur ein weiteres Beispiel krimineller westlicher Arroganz und Heuchelei. Politisch, wirtschaftlich, medial oder kulturell. Während Russland auch aus Sicherheitsinteressen aufseiten der prorussischen Separatisten in den Krieg eintrat und dafür auf allen Ebenen sanktioniert und ausgeschlossen wird, greifen und bomben die USA und Israel an und ein, wo es ihnen gerade passt – und das, ohne dass sich die Weltgemeinschaft Gedanken über Sanktionen oder Ausschlüsse gegen diese Aggressoren macht, geschweige denn Konsequenzen für die Verantwortlichen dieser Verbrechen, obwohl die sich gar keine Mühen mehr machen, Vorwände zu finden.

SI: Wie bewerten Sie den bisherigen Verlauf des Irankriegs sowie die Bedeutung der Straße von Hormus?
Osrainik: Zugespitzt wollen die USA die Macht über noch mehr Ressourcen und Israel die Macht über noch mehr Land. Dabei sind ihnen die Machthaber im Iran im Weg – ganz egal, ob die Mehrheit im Volk dort hinter ihnen steht oder nicht. Das beweisen die letzten Jahre, Monate, Wochen und Tage.

SI: Geht es letzten Endes in beiden Kriegen nicht um Rohstoffe?
Osrainik: Natürlich gibt es im Iran wie auch in der Ukraine Ressourcen zu verteidigen und zu verteilen. Beide Länder sind flächenmäßig groß und geostrategisch wichtig gelegen. Während die ukrainische Grenze nur ein paar Hundert Kilometer von Moskau entfernt liegt, geht im Persischen Golf nichts ohne den Iran, wie die Sperrung der für den Welthandel wichtigen Straße von Hormus als Reaktion auf die westliche Aggression gegen Teheran zeigt. In beiden Fällen ging der Westen über mehrere Jahre mit Subversionen, Vertrags- und Wortbrüchen oder gewalttätigen Aktionen mehr oder weniger erfolgreich vor. Und das geradezu traditionell. Während das Intermezzo mit Boris Jelzin, der mit US-Hilfe in Russland an die Macht kam, nach rund achteinhalb Jahren Schluss war, hielt sich das vom Westen installierte Regime vom Reza Pahlavi im Iran etwas über 37 Jahre, aber auch damit war dann Schluss. Seitdem versucht der Westblock, wieder Einfluss zu bekommen, auch mit Krieg.

SI: Es gibt Experten wie den chinesisch-kanadischen Professor Jiang Xueqin, der früh prognostizierte, dass die USA den Krieg nicht gewinnen, gar verlieren und am Ende noch eine große Bodenoffensive starten würden.
Osrainik: Der Krieg ist noch nicht zu Ende. Wer ihn gewonnen hat, ob es überhaupt einen Gewinner gibt, hängt davon ab, wer welche Kriegsziele festgelegt hat. Teheran wurde zumindest nicht eingenommen. Und das geht ohne Bodentruppen auch nicht. An eine Bodenoffensive glaube ich zwar nicht, ich halte aber grundsätzlich alles für möglich. Gewonnen hat bislang keiner, außer einigen Spekulanten und Insidern. Verloren hat aber auch keine Seite. Grundsätzlich verlieren aber die Menschen bei jedem Krieg: Leben, Gesundheit, Freiheiten oder Hab und Gut. Auch weltweit, etwa über Restriktionen oder gestiegene Preise.

SI: Wie sehen Sie die Rolle Israels? Ist Benjamin Netanjahu der Taktgeber für Donald Trump, wie es auch der US-Journalist Tucker Carlson meint?
Osrainik: Über den Zionismus bzw. die damit verbundene Rolle Israels schreibe ich gerade ein Buch, das in den nächsten Monaten erscheinen wird. Darauf genauer einzugehen, würde den Rahmen hier jedoch sprengen. Dazu aber kurz die Worte des ehemaligen US-Außenministers und NATO-Kommandeurs Alexander Haig, der zur Amtszeit von US-Präsident Ronald Reagan meinte:

„Israel ist der größte amerikanische Flugzeugträger der Welt, der nicht versenkt werden kann, der nicht einmal einen amerikanischen Soldaten an Bord hat und sich in einer für die nationale Sicherheit Amerikas kritischen Region befindet.“

Zwar hat der Nahe und Mittlere Osten nichts mit der nationalen Sicherheit, dafür aber sehr wohl etwas mit der imperialen Herrlichkeit der USA zu tun. Der Rest von Haigs Zitat stimmt vermutlich so, wie er es gesagt hat.

SI: Gibt es religiöse Motive auf beiden Seiten dieses Krieges?
Osrainik: Die Kriege und Massaker, die in der Region nach der Herrschaft des Osmanischen Reichs ausgebrochen sind, haben in der Regel nichts mit Religionen zu tun, sondern mit völkischem Nationalismus vonseiten der Zionisten und der Araber sowie mit imperialen und kolonialen Ansprüchen des Westens, damals vornehmlich der europäischen Staaten und der Juden. Und vor allem der koloniale Zionismus – abgesehen vom Kulturzionismus, dem es nicht wirklich um einen Staat ging – hat nicht viel mit der jüdischen Religion zu tun oder am Hut. Er bedient sich lediglich der Religion und der Symbole. Glauben oder Religionen brauchen keinen Staat; das ist simple Logik. Und Netanjahu geht es um ethnischen Nationalismus, um Großisrael für Juden als Volk und Ethnie, egal zu welchem Preis. Trump dagegen ist die personifizierte Willkür im Streben um Macht und Märkte. Er ist auf Profit und „Business“ aus, egal zu welchem Preis. Problematisch ist nur, dass diese Psychopathen umgeben von Gleichgesinnten sind und über hoch gerüstete Militärapparate und Waffenarsenale verfügen und diese sogar gegen Schulen und ganze Völker einsetzen, wie in Minab oder Gaza. Wer dabei wen befehligt, ist sekundär, solange sich die Völker und Weltgemeinschaft das gefallen lassen.

SI: Herr Osrainik, vielen Dank für Ihre offenen Worte, die vermutlich nicht jedem gefallen werden.
Osrainik: Gerne – und ich muss auch nicht allen gefallen. Platon soll gesagt haben: Ich kenne keinen sicheren Weg zum Erfolg, aber einen sicheren zum Misserfolg: es allen recht machen zu wollen.

SI: Sehr schönes Schlusswort!

Der Deutsch-Österreicher Flo Osrainik (Jahrgang 1976) ist gelernter Banker, war früher Rennfahrer (Formel Ford) und studierte Wirtschaft und Journalismus. Osrainik schrieb Artikel für zahlreiche Publikationen und verfasste mehrere Bücher mit Titeln wie „Lügen, Lügen, Lügen – Terror, Tyrannei und Weltenbrand als neue Normalität der Globalisten“ oder „Chronik einer Abrechnung – In sechzehn Akten gegen Hetze, Apartheid und eine kranke Gesellschaft“. In jüngerer Zeit ist vor allem die Geopolitik sein Schwerpunktthema, wie in „Donbassdonner: Ein Reisebericht von der anderen Seite der Geschichte“.
Mehr Informationen unter: www.floosrainik.net

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