Nach der Silberpreis-Explosion

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Im Wechselspiel von Short Squeeze, physischer Knappheit und Geopolitik

Markt in Aufruhr – erratische Kursbewegungen bei Silber

Silber war 2025 nicht nur der Highflyer unter den Metallen. Es verabschiedete sich auch mit spektakulären Kursbewegungen ins neue Jahr. Mainstream-Medien wie die FAZ hielten das nicht für berichtenswert. In der Edelmetallszene wurde das Geschehen dennoch breit diskutiert. Wir geben hier einen Überblick über die wesentlichen Bestimmungsgründe eines Metalls, das „ballistisch“ wurde. Dabei verhielt sich Silber hinsichtlich der Charttechnik geradezu lehrbuchhaft. Wir veröffentlichten in SI 6/2025 einen Langfristkursverlauf des Silberpreises, in dem eine große Tasse-und-Henkel-Formation erkennbar war. Nach Überschreiten der Widerstandszone bei 35 USD/Unze wurde der langjährige Widerstand bei 50 USD/Unze gebrochen, der Silberpreis ging am Ende fast senkrecht. Mit dem Kurs stieg die Nervosität. Am Freitag, 26.12. (in Deutschland der 2. Weihnachtsfeiertag), machte der Silberpreis an der New Yorker Futures-Börse COMEX bei dünnem Handel einen Satz um +10%. Am darauffolgenden Montag erreichte er in der Spitze sogar über 83 USD/Unze, um noch in derselben Sitzung um 10% abzustürzen. Am Dienstag folgte eine Erholungsrally, welche am Silvestertag, also zum Jahresultimo wieder zusammengeprügelt wurde, allerdings mit überschaubarem Erfolg. Seit vielen Jahren hat es bei Silber nicht derartige Kursbewegungen gegeben, was also steckt dahinter?

Die CME holt den großen Hammer raus

Eine Institution dürfte vor allem für die jüngst stark erhöhte Volatilität verantwortlich sein. Die Chicago Mercantile Exchange (CME), Betreiber der Terminbörse COMEX, hat buchstäblich den Vorschlagshammer ausgepackt. Sie erhöhte die Sicherheitsleistung (Margin) für spekulative Positionen auf Silber am 26.12. drastisch auf 25% und am 31.12. auf über 30%. Bereits seit Ende September hatte sie diese mehrfach bis auf 10% hochgeschraubt. Normalerweise liegt der Wert im niedrigen einstelligen Prozentbereich. Offiziell begründet wird die Erhöhung der Margin-Anforderungen als – Achtung Pointe! – Vorgehen gegen zu hohe Volatilität. Kritiker wenden ein, dass so in Wirklichkeit ein Anstieg der Metallpreise verhindert werden soll, denn gegen fallende Preise hat die CME noch nie etwas unternommen. Das Ergebnis ist nicht zu bestreiten: Institutionelle Trader wie Hedgefonds, die in der Regel mit geliehenem Geld spekulieren, werden gezwungen, ihre Positionen zu schließen, was dann eine Abwärtsspirale mit weiteren Liquidationen auslöst. So wurden 1980 die Hunt-Brüder in die Pleite getrieben, auch die Spekulationsblase bei Silber im Jahr 2011 wurde auf diese Weise zum Platzen gebracht. Ein Muster, das sich also wiederholt. Einige Marktbeobachter sehen deshalb schon das Ende der aktuellen Edelmetallhausse. Aber es gibt ein gewichtiges Gegenargument: Der Silberpreis steigt diesmal – im Gegensatz zu 2011 und den 1970er Jahren – aufgrund der weltweit riesigen Nachfrage nach dem physischen Metall, die auf ein unzureichendes Angebot stößt. Dagegen sind die Maßnahmen der CME wirkungslos.

Frisch aus der Gerüchteküche

Natürlich brodelt es bei solchen Preisbewegungen auch in der Gerüchteküche. Ein Aspekt erscheint plausibel: Die CME ermöglicht es einer systemrelevanten Großbank, ihre Short-Wetten auf Silber abzubauen, ohne dass es an der COMEX zum großen Short Squeeze und damit verbunden zu gigantischen Verlusten kommt. Ein Name wurde nicht genannt. Angeblich soll es keine US-Bank sein. Einige Vertreter aus dem Lager der Edelmetall-Fans sind mit der aktuellen Entwicklung gar nicht so zufrieden. Einer davon ist Keith Neumeyer, der CEO von First Majestic Silver. Auch er glaubt, dass Silber auf mittlere Sicht 100 oder 150 USD/Unze erreichen kann. Aus der Perspektive eines Metallproduzenten fände er es regelrecht gefährlich, wenn Silber spekulationsgetrieben weiter senkrecht nach oben schießt. Vorteilhafter wäre es, wenn nach einer Korrekturphase 50 USD/Unze und 70 USD/Unze als solider Boden bestätigt werden. Damit könne er bei Investitionsentscheidungen gut kalkulieren.

Starke physische Nachfrage, auch 2026 Silber-Defizit

Wer derzeit bei einem deutschen Edelmetallhändler Silber kaufen möchte, stößt auf ein sehr limitiertes Angebot; viele gängige Münzen sind ausverkauft. Auch im globalen Maßstab übersteigt die Nachfrage von industriellen Verbrauchern, Anlegern und Notenbanken das Angebot; Fachleute erwarten für 2026 ein Angebots-Defizit von 200 Mio. Unzen. Es gilt als ungelöste Frage, wie COMEX (New York) und LBMA (London), wo in den letzten fünfzig Jahren meist „Papiersilber“ gehandelt wurden, die nötige Menge an Metall beschaffen wollen, wenn deren Kunden weiter in hohem Umfang physische Auslieferung verlangen. Ein Blogger, pensionierter Wertpapierhändler aus Manchester (Großbritannien) prophezeit der COMEX, „weil irrelevant geworden“, bereits einen „schleichenden Tod“. Beim Silber-Short Squeeze im Oktober (SI 11/2025) retteten Lieferungen aus China die LBMA. Zurzeit wird heiß diskutiert, ob China das auch in Zukunft tun wird. Denn das Land befindet sich mit dem Westen im „Silber-Krieg“.

China ändert die Regeln

Edelmetall-Blogger reagierten geradezu elektrisiert auf die Nachricht, dass China ab 2026 die Ausfuhr von Silber durch Exportlizenzen kontrolliert, um die eigene Versorgung sicherzustellen. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtet, dass 44 Unternehmen diese Lizenz für 2026 und 2027 bereits erhalten haben, unter vielfältigen Auflagen. China ist nicht nur der weltweit größte Verbraucher von Silber, sondern mit 13% Weltmarktanteil auch der zweitgrößte Förderer, nach Mexiko. Was oft übersehen wird: China hat in den letzten Jahren enorm in den Aufbau von Metallschmelzen investiert. China raffiniert 60-70% der weltweiten Silberproduktion. Silber erhält dadurch eine ähnliche geopolitische Bedeutung wie Chinas Quasi-Monopol bei Seltenen Erden. Der chinesische Staat hat zum Jahreswechsel von seinen Kontrollrechten bereits Gebrauch gemacht. Die Hafenbehörde von Shanghai blockierte die Ausfuhr von 50 Mio. Unzen Silber, die von einem Lager an der COMEX dringend benötigt werden. Die Finanzierung war schon geregelt. Peking sagte dennoch nein. China exportierte 2025 über 4.600 Tonnen verarbeitetes Silber, importierte nur 220 Tonnen. Die USA haben Silber bereits auf die Liste kritischer Mineralien gesetzt. Der in Russland lebende Ökonom Peter Hänseler (Forvm Geopolitica) mutmaßt, „dass die Chinesen wohl durch die Zerstörung der COMEX Revanche für den Überfall der USA auf Venezuela nehmen werden“, da sie keine Chance sehen, dort militärisch einzugreifen.

Gewaltige physische Nachfrage

Wie schon angedeutet, ist es diesmal vor allem die physische Nachfrage, welche die Kursentwicklung stützt. Das Silver Institute meldet, dass die Solarenergie mittlerweile mit 29% größter industrieller Verbraucher ist. 2014 waren es nur 11%. Das EU-Solarziel bis 2030 (700 GW) treibt den Silberverbrauch weiter. Elektrofahrzeuge verbrauchen rund 70% mehr Silber als Verbrenner. Allein Im Automobilbereich soll die weltweite Silbernachfrage bis 2031 um 3,4% pro Jahr steigen. Dazu kommen die Themen KI und Rechenzentren, die massiv Kapazitäten aufbauen, was ebenfalls reichlich Silber benötigt. Mit der Öffnung der Pensionsfonds für Anlagen in Gold- und Silber-ETFs dürfte weitere institutionelle Nachfrage auf den Markt treffen. Den Indern muss man Anlagen in Edelmetallen nicht erklären. Staatliche Fonds dürfen bis zu 1%, private sogar bis zu 5% in dieser Anlageklasse anlegen. Bloomberg schätzt die zusätzliche Nachfrage auf 1,7 Mrd. USD. Indien ist schon jetzt zweitgrößter Goldmarkt der Welt und größter Silberverbraucher. 87% der indischen Haushalte besitzen Gold, die Silbernachfrage steigt massiv.

Der Silberpreis wird nicht mehr im Westen gemacht

Die Veränderungen in den beiden BRICS-Staaten China und Indien zeigen, ebenso wie die wachsende industrielle Nachfrage, dass das Papiersilber-Spiel westlicher Terminbörsen und Banken, und damit Jahrzehnte der Preismanipulation, an sein Ende kommt. Nachrichten zufolge legen Technologiekonzerne wie Samsung „um jeden Preis“ Silbervorräte an. So ist möglicherweise zu erklären, dass das Metall temporär in Korea zu umgerechnet 97 USD/Unze und in Japan zu fast 130 USD/Unze gehandelt wurde. In Kuwait wurden 106 USD/Unze bezahlt. Die New Yorker „Papierkurse“ von 71 USD/Unze muten im Vergleich dazu fast irreal an. Die starke Nachfrage nach physischem Metall ist auf jeden Fall das wichtigste Argument dafür, dass die Silber-Hausse noch einige Zeit weitergeht.

„Make Chevron Great Again“

Während die Börsen auf den Silberpreis starren, der zum Hauptthema unseres heutigen Newsletters wurde, wird von einigen Analysten eine Parallele zu den Ereignissen in Venezuela gezogen (s.o.). In einer Hollywood-reifen Kommandoaktion nahmen die USA den dortigen Diktator Nicolás Maduro gefangen und verbrachten ihn nach New York. Dessen sozialistisches Regime war nach massiven Wahlfälschungen von der Mehrheit der Staaten nicht mehr als legitim anerkannt worden, obwohl ihm freilich China, Russland, Nordkorea, Kuba und eine Handvoll anderer Staaten weiter unterstützten. Die Demütigung Chinas bestand darin, dass Trump die Gefangennahme just zu einem Zeitpunkt durchführen ließ, als eine hochrangige chinesische Delegation zu Verhandlungen in Caracas weilte.

Zwar wird von linken Kräften nun richtigerweise darauf hingewiesen, dass die Aktion völkerrechtswidrig war, man wird den Verdacht aber nicht los, dass dieses Argument vor allem instrumentalisiert wird. Die gleichen Kräfte haben nämlich angestrengt Maduros Machtübernahme und Menschenrechtsverletzungen beschwiegen und zu den aktuellen Protesten gegen das iranische Mullah-Regime will ihnen auch nichts einfallen. Sicher, der Hinweis, dass die USA unter Trump in Venezuela auch eigene Interessen verfolgen, ist richtig, sollte aber nicht im luftleeren Raum gedacht werden. Ein Venezolaner ging mit der Bemerkung viral, dass die USA natürlich am venezolanischen Öl interessiert sein – das Land hat die größten Erdölvorkommen der Welt –, dass aber auch Chinesen und Russen nicht wegen der leckeren Arepa-Rezepte vor Ort sind. Maduro weinen nur seine engen Verbündeten und Günstlinge eine Träne nach. Während seiner Amtszeit floh rund ein Viertel bis ein Drittel der Bevölkerung aus dem geschundenen Land – seit 2017 nach Angaben des UNHCR etwa 8,6 Mio. Menschen. Unter den verbliebenen Venezolanern gab es sowohl Begeisterung als auch Proteste nach der Festnahme. Das deutet darauf hin, dass nun verschiedenste Kräfte versuchen, das entstandene Machtvakuum in ihrem Sinne zu füllen. Wer letztlich der Gewinner sein wird, ist dabei noch nicht ausgemacht.

In diesem Zusammenhang gibt es interessante Bewegungen bei US-Ölaktien wie Chevron (WKN: 852552) und ExxonMobil (WKN: 852549). Beide Titel stiegen bereits am Tag vor dem Husarenstück deutlich an. Das deutet auf Insidertrading, wie es in der US-Politik seit Nancy Pelosi völlig schamlos praktiziert zu werden scheint. Allerdings hat auch der venezolanische Caracas Stock Exchange-Index – ja, es gibt dort wirklich noch eine Börse – bereits in den Tagen zuvor deutlich zugelegt. Allein am gestrigen Dienstag schossen die Kurse dann noch einmal um rund 50% nach oben. Seit Beginn der US-Nadelstiche ist der Index sogar mehr als 100% gestiegen – freilich gemessen in der chronisch schwachen Landeswährung. Die US-Ölaktien erlitten dagegen gestern wieder einen herben Rückschlag, eine ausgemachte Sache ist die Einverleibung der Ölvorkommen also noch nicht.

Und natürlich wäre das Internet nicht das Internet, wenn nicht auch dieses Ereignis Wellen der komischeren Art geschlagen hätte. So veröffentlichten die USA ein Foto des gefangenen Maduro in einem Nike Tech-Trainingsanzug, dessen Verkäufe danach sprunghaft anstiegen. Zudem ist er dort mit einer Wasserflasche zu sehen, wobei über die EU gewitzelt wurde, dass diese weniger über einen Bruch des Völkerrechts besorgt sei, sondern darüber, dass die Flasche keinen EU-konformen „Bleib dran“-Deckel aufwies.

Zu den Märkten

Die ersten Tage des Januars sind stets besondere Handelstage. Mehr als manche im Glühweinnebel des Dezembers abgegebene Jahresprognose, zeigt das klare Licht des Januars, wohin die Reise im neuen Jahr gehen könnte. Denn mit dem Jahreswechsel fällt der Sondereffekt der Bilanzkosmetik („Window Dressing“) weg und die Marktteilnehmer handeln ohne die Sorge um den unmittelbar bevorstehenden Jahresausweis inklusive Bonus wieder stärker nach der eigentlichen Markteinschätzung. Das Phänomen, dass diese ersten Handelstage, in anderer Lesart der ganze Monat, eine herausgehobene Prognosekraft für den gesamten Jahresverlauf haben sollen, ist als Januar-Effekt bekannt.

Und der sieht für den DAX bislang gar nicht so schlecht aus. Schon am ersten Handelstag schnellten die Kurse auf ein neues Allzeithoch, das sie in den Folgetagen bis heute jeweils noch einmal überbieten konnten. Damit scheinen die alten Hochs mühelos überwunden worden zu sein. Vor dem Hintergrund der geopolitischen Krisenlage (Venezuela, Iran, etc.) ist das bemerkenswert. Rückschläge sind nicht ausgeschlossen, da man gespannt sein darf, was in dieser Beschleunigung der Ereignisse als nächstes passieren wird.

Musterdepots & wikifolio

In der Rubrik Musterdepots & wikifolio finden Sie heute Gedanken zu unserer finalen Jahresperformance 2025 und eine neue Transkation. Den Tabellenteil zum Dezember finden Sie in der Ausgabe vom 17.12.2025. Im Musterdepotbereich können Sie sich durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die Transaktionen der letzten Wochen verschaffen. Um diesen Bereich zu lesen, müssen Sie Abonnent des Substanz Investor Magazins sein und sich auf der Substanz-Investor-Website einloggen. Sollten Sie Ihr Passwort vergessen haben, fordern Sie bitte ein neues bei abo@substanzinvestor.de an.

Fazit

Silber war nicht nur das Thema des Jahres 2025, es war auch das Thema zwischen den Jahren. Der Markt ist heiß gelaufen, die Kursentwicklung war zuletzt erratisch. Obwohl viele technische Indikatoren auf einen stark übergekauften Zustand hindeuten, stecken hinter dem Trend fundamentale Faktoren, die sich nicht einfach durch Spielregeländerungen and den Terminbörsen („Papiersilber“) außer Kraft setzen lassen.  

Ralf Flierl, Rainer Kromarek, Ralph Malisch

 

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Die Charts wurden erstellt mit stock3 und Tai-Pan von Lenz+Partner. Diese Rubrik erscheint jeden Mittwochnachmittag.

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