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Substanz Investor im Gespräch mit Andreas Kern, CEO der wikifolio Financial Technologies AG, über die Chancen und Risiken einer sich rapide verändernden Welt
Substanz Investor: Herr Kern, die Welt ist im Umbruch, die geopolitische Lage, Themen wie Künstliche Intelligenz oder das belastete Vertrauen in den US-Dollar sorgen für eine gehörige Portion Volatilität. Ist es nun leichter oder schwerer geworden, ein Unternehmen wie die wikifolio AG zu führen?
Andreas Kern: Tatsächlich haben wir ein großartiges Jahr 2025 und einen noch besseren Start in das Jahr 2026 hinter uns. Natürlich waren wir auch etwas nervös, als vor rund einem Jahr die NASDAQ um ca. 18% eingebrochen ist. Auch wenn viele wikifolio-Trader einen guten Teil ihrer Rendite unabhängig vom Markt produzieren, schlägt sich so etwas insgesamt auf Investitionen in wikifolio-Zertifikaten nieder, weil die Anleger vorsichtiger werden. Der Einbruch war aber auch diesmal deutlich gedämpft, denn es hat zu einem Shift der Assets in Richtung Europa geführt, was sich im Laufe des Jahres dann als sehr richtig herausgestellt hat.
SI: Wie sieht insgesamt die Aktienallokation bei den Top-wikifolios im Durchschnitt aus? Ist das transparent ersichtlich?
Kern: Die Allokation der einzelnen wikifolio-Trader ist immer in Echtzeit mit nur ein paar Sekunden Verzögerung einsehbar. Aggregierte Darstellungen veröffentlichen wir regelmäßig im Newsletter bzw. auf wikifolio.com. Aktuell sehen wir eine klare Übergewichtung im Vergleich zum MSCI World bei Industrials und Healthcare, eine Untergewichtung bei Financial Services, Tech und Consumer. Am stärksten fällt der Gewichtungsunterschied regional aus – die USA sind in den wikifolios mit 38,1% gewichtet vs. 66,9% im MSCI World.
SI: Ist diese Allokation im Zeitverlauf eher stabil oder ist sie raschen Veränderungen unterworfen?
Kern: Einzelne Trader reagieren sehr schnell. Damit sich die gesamte Allokation verschiebt, müssen aber schon größere Trends stattfinden. Auch nach dem COVID-Einbruch haben die Top Trader sehr einheitlich gehandelt und massiv in Richtung digitale Geschäftsmodelle geschoben. Das hat sich als sehr richtig herausgestellt. Ein Muster, das allerdings durchgängig bleibt und das wir seit Beginn der Plattform 2012 sehen, ist die Übergewichtung von Small- und Mid Caps. Aktuell befinden sich 27% der Assets in Unternehmen mit einer Marktkapitalisierung kleiner als 10 Mrd. EUR (vs. 1,3% im MSCI World). Ich wiederhole mich sehr ungern, aber auch das hat sich seit Jahresanfang als sehr richtig herausgestellt – die Nebenwerte zeigten eine deutliche Outperformance und der MSCI Small Cap liegt mit +8% vor dem MSCI World mit +2%.
SI: Das sind spannende Einblicke – für Anleger ist aber wohl vor allem relevant, wie Anlagestrategien identifiziert werden können, die einen guten Beitrag zum eigenen Portfolio leisten. Wie unterstützt wikifolio.com dabei?
Kern: Das ist ein zentraler Punkt für uns, auch im wohlverstandenen Eigeninteresse, denn zufriedene Anleger bleiben länger investiert. Ein Mittelabfluss, der vermieden werden kann, bringt uns genauso viel wie ein neuer Mittelzufluss. Wir haben daher unterschiedliche Mechaniken und Features, mit denen Anleger Qualität aufspüren und beurteilen können. So wird z.B. für alle wikifolio-Zertifikate ermittelt, ob das dahinterliegende Portfolio statistisch signifikant Alpha produziert, also vom Markt unabhängige Rendite. Alpha wird oft mit Outperformance gleichgesetzt, es ist aber deutlich tiefgreifender: Die Gesamtleistung wird in einen marktabhängigen Teil (Beta) und einen marktunabhängigen Teil (Alpha) zerlegt. Das betrifft sowohl die Performance als auch das damit einhergehende Risiko – und hier liegt der wesentliche Punkt. Der Nachteil des Risikos aus dem Beta ist, dass es mit dem Markt verbunden und damit auch schwer zu diversifizieren ist. Dagegen ist das Risiko aus dem Alpha unabhängig. Wenn ich mehrere solcher Strategien beimische, sinkt das tatsächliche Gesamtrisiko im Portfolio. Oder einfach ausgedrückt: Selbst bei zwei Strategien mit gleicher Performance und Volatilität würde ich ganz klar jene mit dem größeren Alphaanteil bevorzugen. Nur dann wäre ich auch bereit, für aktives Management entsprechende Gebühren zu zahlen.
SI: Wie viele wikifolios gibt es, die Alpha produzieren?
Kern: Aktuell haben knapp über 1.000 wikifolios Alpha produziert. Legt man die höchste statistische Signifikanz von 95% an, dann bleiben immer noch 390 wikifolios übrig. Das ist nur ein kleiner Teil der publizierten Strategien – es ging gerade auch darum, einen Test zu bauen, der sehr streng ist. Wir haben zudem alle Aktienfonds mit AT- oder DE-ISIN untersucht, die an der LS Exchange gelistet sind. Davon hat nur ein einziger signifikant positives Alpha erreicht.
SI: Diese gute Performance geht sicher auch mit entsprechend höherem Risiko einher. Wie gestaltet sich denn das Beta von wikifolio-Zertifikaten und Aktienfonds?
Kern: Natürlich können auch wir nicht gegen Milton Friedmans „There is no such thing as a free lunch“ ankämpfen. Allerdings denke ich, dass der Nobelpreisträger Harry Markowitz mit seiner Einschätzung „Diversification is the only free lunch“ näher an der Wahrheit lag. Richtig ist, dass die Volatilität von wikifolios oft höher ist – die Betas liegen aber bei Fonds wie bei wikifolios typischerweise zwischen 0,5 und 1,1; bei wirklich aktiven Strategien ist das jedoch mehr vom guten, d.h. diversifizierbaren Risiko. Vor etwa einem Jahr haben wir Cathie Wood und ihren ARK Innovation ETF genauer angesehen. Der hat ein negatives Alpha bei einem Beta von 1,45. Falls ich diese Charakteristik haben wollen, dann würde ich persönlich eher einen gehebelten ETF kaufen. Der hat dann ein Beta von zwei bei einem negativen Alpha, das sich hauptsächlich aus Kosten und Finanzierung ergibt. Aber wie Sie sich denken können, ist mir gutes Alpha von Top Tradern wie Christian Scheid mit seinem wikifolio „Special Situations long/short“ oder Richard Dobetsberger, u.a. mit „UMBRELLA“, doch bedeutend lieber.

SI: Vielen Dank für Ihre interessanten Ausführungen.
Andreas Kern ist Vorstand der wikifolio Financial Technologies AG, Wien. Die Plattform wikifolio.com ist seit 2012 in Deutschland aktiv. Mit 34.000 publizierten wikifolios und 520.000 registrierten Nutzern ist es eine der weltweit größten voll transparenten Datenbanken für aktive Investmentstrategien. Rund 10.000 besicherte wikifolio-Zertifikate sind an der Börse Stuttgart gelistet.


