Verteilungsfragen stehen für liberal denkende Ökonomen nicht gerade im Mittelpunkt. Wenn der Staat sichere Eigentumsrechte, möglichst freien Wettbewerb und einen stabilen rechtlichen Rahmen setzt, dann ist wachsender Wohlstand aber ziemlich sicher.
Fatale Markteingriffe
Vor allem sollte der Staat nie versuchen, an den Arbeitseinkommen, die sich am Markt bilden, oder an den Zinsen und Mieten als Preisen des Faktors Kapital etwas zu ändern – es schadet am Ende allen. Dafür gibt es zwei klare Beispiele: In Deutschland haben seit den 1970er Jahren marktwidrig hohe Löhne für ungelernte Arbeit zu Massenarbeitslosigkeit und Wachstumsverlusten geführt. Als man diese Fehlentwicklung im Jahre 2003 mit der „Agenda 2010“ korrigierte, blühten bald danach Wachstum und Beschäftigung auf. Heute haben wir ein analoges Problem auf den Wohnungsmärkten. Mit „Mietdeckeln“ und weiteren Markteingriffen wollte die Politik den Mietern helfen. In der Folge kostet heute in den Städten dieselbe Wohnung in der Neuvermietung manchmal doppelt so viel Miete wie im Bestand. Das ist eine Ungerechtigkeit gegenüber den Neumietern, aber vor allem führt es dazu, dass kaum noch jemand aus einer für ihn zu groß gewordenen Wohnung zieht. Wer für 80 Quadratmeter mehr bezahlen müsste als für seine bisherigen 120, wird das nicht tun. Das ist die verschwiegene Hauptursache des städtischen Wohnungsmangels, nicht zu wenig Bautätigkeit. Eine Umverteilungspolitik, die den Mietern helfen wollte, hilft allenfalls einem Teil von ihnen, hat aber handfeste soziale Probleme geschaffen.
Umverteilungspolitik als großes Eigentor
Kurz gesagt: Umverteilungspolitik schadet nahezu immer der Allgemeinheit und oft sogar denen, denen sie helfen will. Weil das so ist, haben liberal denkende Ökonomen wenig Zugang zu Verteilungsfragen. Und doch gibt es in diesem Bereich Phänomene, die man nicht einfach linken Kräften in Politik und Publizistik überlassen sollte. Eines davon ist die zunehmende Konzentration von Vermögen in den Händen winziger Gruppen. Die zwölf reichsten Menschen der Welt besitzen heute so viel wie die ärmere Hälfte der Menschheit – das ist in dieser Form neu. Und kürzlich hat die FAZ berichtet, dass in Frankreich das Vermögen der reichsten 500 Familien im Jahre 1996 noch 6% des dortigen BIP entsprochen habe; 2010 war es 12% und 2025 sage und schreibe 42%! Gerade der sprunghafte Anstieg seit dem Jahr 2010 ruft nach einer Erklärung. Es gibt nämlich keine Hinweise, dass der relative Beitrag der reichsten 0,001% zum Wohlstand Frankreichs (und andernorts sieht es ähnlich aus) sich in den letzten 15 Jahren um 250% vergrößert haben könnte.
Konzentration des Vermögens
Warum dann diese Konzentration? Ein Teil der Antwort ist, dass die Niedrigzinspolitik der EZB zu etwas mehr Inflation geführt hat. Die besonders Vermögenden reagieren auf niedrige Zinsen und mehr Inflation aber anders als die Durchschnittsbevölkerung – und zwar so, dass sie aus beidem Vorteile ziehen, während der Rest der Gesellschaft Nachteile davon hat. Sie halten den größten Teil ihrer Besitztümer in Aktien und Immobilien, nur wenig in Anleihen. Das erklärt aber nur einen kleinen Teil der rapiden Vermögenskonzentration; Denn so stark ist die Inflation bisher nicht gestiegen und auch viele ganz normale Sparer und Anleger sind seit Jahren clever genug, sich so zu positionieren.
Netzwerkeffekte
Ein zweiter, wichtigerer Grund sind die „Netzwerkeffekte“ vieler Internetplattformen, die zu großen Teilen einer Handvoll Superreichen gehören. Sobald diese Verkaufs- und Informationsplattformen eine bestimmte Größe erreicht haben, geschieht die weitere Konzentration fast automatisch. Die Folge sind marktbeherrschende Stellungen mit Gewinnmargen, die auch rein ökonomisch problematisch sind. An sich ist das ein Fall für die Kartellbehörden. Aber bei den Beträgen, um die es geht, bei den schwierigen, grenzüberschreitenden Rechtsfragen und bei der schnellen technologischen Veränderung gleichen die Versuche der Wettbewerbsaufsicht, diesem Problem beizukommen, dem Versuch, einen Rennwagen mit der Postkutsche einzuholen.
Das Internet und die Vermögenskonzentration
Das Internet ist sicher generell ein Grund für die zunehmende Vermögenskonzentration. Schon vor Jahrzehnten wurde erkannt, dass das Fernsehen letztlich die Klugen klüger macht und die Dummen dümmer. Dasselbe gilt noch mehr für das Internet und ganz besonders für die KI: Es macht die Geschickten und wirtschaftlich Erfolgreichen noch erfolgreicher – und die anderen umso leichter beeinflussbar. Das geschieht oft vor unseren Augen mit frappierenden Folgen für Politik und Wirtschaft. Millionen Menschen fragen nicht danach, ob sie auf bestimmten Internetplattformen Tag für Tag abgezockt werden, sondern wollen lieber wissen, wie es dem Buckelwal Timmy geht. Die Medien, die es in dieser Lage versäumen, ihren Zuschauern mitzuteilen, dass es wichtigere Fragen geben könnte, schon weil weltweit jeden Tag etwa fünf Buckelwale verenden, gehören zu relevanten Teilen denselben Superreichen, die mit den bewussten Internetplattformen immer reicher werden – nun ja, es verstößt gegen kein Gesetz.
Superreiche
Nun gibt es auch Argumente, dass selbst die extreme Vermögenskonzentration unserer Tage unproblematisch sein könnte. Tatsache ist, dass zugleich der Wohlstand der breiten Masse weltweit zugenommen hat (nur in Europa seit ein paar Jahren nicht mehr, aber das liegt an der Wirtschaftspolitik) und die extreme Armut global massiv abnimmt. Erkennbar hängt sogar das eine mit dem anderen zusammen: Erfolgreiches Unternehmertum hat Milliarden Menschen zu mehr Wohlstand verholfen und Billionenwerte geschaffen. Und ein paar Prozent davon sind eben auf den Konten der wohlhabendsten 0,0001% der Menschheit gelandet, die diese Entwicklung mit ihren Innovationen und Investitionen ermöglicht haben. Ein Elon Musk und ein Mark Zuckerberg können ja kein bisschen mehr konsumieren, wenn ihre Vermögen mal eben um 100 Mrd. USD wachsen. Nur ihre ökonomischen Gestaltungsmöglichkeiten wachsen weiter, was seinen Sinn hat, weil die Vergangenheit gezeigt hat, dass sie Werte schaffen können.
Benachteiligte Mittelschicht
Problematisch ist, wenn ganze gesellschaftliche Gruppen am Ende weniger vom „Vermögenskuchen“ abbekommen, als es ihrem Beitrag zum Wohlstand entspricht – auch aus rein marktwirtschaftlicher Perspektive wohlgemerkt. In Deutschland ist das bei der leistungsbereiten Mittelschicht der Fall: Sie reagiert teilweise mit weniger Anstrengung und teilweise schlicht mit Auswanderung, Ein anderes Problem ist, wenn die Milliarden der Superreichen das Spielfeld der Ökonomie verlassen und sich in der Gesellschaftspolitik austoben. Warum glauben heute Hunderte Millionen Menschen, vor allem in Europa, dass es nicht zwei Geschlechter gäbe, dass Begabung für den Bildungserfolg nicht allzu wichtig sei, dass unqualifizierte Masseneinwanderung gut sei, dass es keine „richtigen“ Nationen (also Abstammungsgemeinschaften) gäbe und Rassen sowieso nicht? Weil ganz großes Geld seit über 30 Jahren die Verbreitung dieser Irrtümer sponsert – die Namen der entsprechenden Stiftungen müssen hier nicht genannt werden –, während auf der Gegenseite des gesunden Menschenverstands ein entsprechendes Engagement fehlt. Auf der Basis der so forcierten teilweisen Verblendung ganzer Bevölkerungsteile findet unglaublich falsche Politik bei Wahlen Mehrheiten und elementar richtige Dinge eben nicht mehr. Das ist ein riesiges Problem, wobei man dahinter keine besonders raffinierte, langfristig-strategische Planung sehen muss. Auch ein Bill Gates und ein George Soros können schlicht und einfach irren.
Was die Politik tun könnte
Gibt es denn gar keine Mittel gegen diese extreme Vermögenskonzentration? Nur schlichte Gemüter glauben, dass „tax the rich“ etwas bewirken könnte. Das tun wir ja schon und sogar viel zu viel, mit der Folge, dass die letzten Milliardäre in die USA und die Schweiz gehen, wo ihre Vermögen eher noch schneller wachsen, während der Standort Deutschland leidet. Mit der Robin-Hood-Methode wurde bei der Vermögensbildung der Ärmeren noch nie und nirgendwo etwas erreicht. Wo immer in der Wirtschaftsgeschichte breite Schichten zu Vermögen kamen, haben auch die vorher schon Wohlhabenden weitere Zugewinne erzielt. Der bloße Versuch der direkten Umverteilung führt dagegen stets dazu, dass die Reichen einem Land den Rücken kehren – sie müssen nicht auswandern, es genügt, wenn sie ihr Eigentum ins Ausland verlagern. Das zerstört so viel Wohlstand, dass die erträumte Umverteilung sofort durchkreuzt wird. Der Zusammenhang ist an sich einfach, aber die politische Linke ist außerstande, vernünftige Schlüsse daraus zu ziehen. Und übersieht dabei sogar echte Möglichkeiten zu einer ausgeglicheneren Vermögensverteilung.
Ganz konkret!
Die gibt es nämlich auch und drei davon seien kurz skizziert: Man könnte schon in den Schulen vermitteln, dass es unsinnig ist, Ersparnisse nahezu zinslos anzulegen. Wer den Mut zu Aktien hat, wird nach einigen Jahren nahezu sicher besser dastehen als der ängstliche Anleihesparer. Die Politik könnte und sollte zweitens unbedingt die Staatsfinanzen in Ordnung halten. Schon eine noch tragbare Staatsverschuldung führt meist via Inflation zu Umverteilung von unten nach oben. Dies gilt umso mehr für die heutige, exzessive Verschuldung. Die dritte Stellschraube der Politik ist die Förderung von breit gestreutem Immobilieneigentum. In Deutschland leben nur 47% der Menschen in den eigenen vier Wänden, in den neuen Bundesländern sind es noch weniger. Der EU-Durchschnitt liegt dagegen bei 70%, in Polen sind es 87%, in der Slowakei 91% und im armen Rumänen 94%! Der Schlüssel für diese hohen Quoten war eine geschickte Privatisierungspolitik nach der Wende von 1989/90. Diese Chance bestand auch in den neuen Bundesländern. Man hat sie – bisher – ungenutzt gelassen.
Und zum Schluss noch ein Wort zu den wirklich Bedürftigen: Natürlich muss denen geholfen werden. Ein Sozialstaat muss dabei auch nicht kleinlich sein, solange er nur keine Anreize schafft, Bedürftigkeit vorzutäuschen oder für Sozialleistungen einzuwandern.


