Die unsichtbare dritte Hand bei Alphabet
Eine Garage in Menlo Park, zwei Studenten aus Stanford und ein Algorithmus, der das Internet ordnet – Larry Page und Sergey Brin gründen 1998 ein Unternehmen, das wenige Jahre später zum wertvollsten Konzern der Welt aufsteigen wird. Romantisch ist diese Erzählung gestrickt, anschlussfähig für Buchcover und Magazintitel. Genau so soll sie wirken – als Bestandteil des amerikanischen Gründungsmythos: vom Außenseiter zum Weltkonzern, allein durch eine zündende Idee. Doch ist das nur die halbe Wahrheit.
Geburtshelferschaft mit Behördensiegel
Auf der letzten Seite des Originalpapers von Page und Brin aus dem Jahr 1998 findet sich ein unauffälliger Satz, der es in sich hat. Gefördert worden sei die Forschungsarbeit durch die National Science Foundation, ergänzend durch DARPA und NASA. Brin war NSF-Stipendiat, Page Doktorand im selben Förderprogramm. Rund 4,5 Mio. USD flossen über das Stanford Digital Library Project in die Forschungsgruppe der beiden. Das Vorhaben war Teil eines bundesweiten Verbunds, an dem sechs US-Universitäten parallel an Verfahren arbeiteten, große Informationsmengen automatisch zu strukturieren – angetrieben durch die wachsende Bedeutung digitaler Datenströme in Forschung, Verwaltung und Militär. Erst drei Jahre nach Veröffentlichung des PageRank-Papers stiegen private Geldgeber bei Google ein, zu einem Zeitpunkt, als der Algorithmus längst funktionierte.
Weniger bekannt ist eine zweite Quelle. In einem Forschungspapier aus dem gleichen Jahr bestätigt Brin Teilförderung durch das „Massive Digital Data Systems Program“, ein gemeinsames Vorhaben von CIA und NSA, organisatorisch unter dem Community Management Staff der US-Geheimdienste angesiedelt (Ahmed/INSURGE Intelligence, 2015). Googles offiziell sanktionierte Firmengeschichte erwähnt das MDDS bis heute nicht, obwohl das NSF-Forschungsprogramm routinemäßig auftaucht.
Auch Google Earth trägt staatliche Genetik. Im Februar 2003 beteiligte sich In-Q-Tel, der Venture-Arm der CIA, strategisch an Keyhole Inc., einem kleinen kalifornischen Anbieter von Satellitenbildsoftware. Keyhole hatte ein Verfahren entwickelt, um hochauflösende Luftaufnahmen dreidimensional zusammenzusetzen und in Echtzeit zu durchqueren. Auf ihrer eigenen Website beschreibt die CIA offen, dass die Investition Truppen im Irak unterstützen sollte. Genau jene Geländedarstellung wird seither auch privat genutzt: Google kaufte Keyhole 2004 und vermarktet die Software unter dem Namen Google Earth.
Spätestens ab 2003 lieferte der Suchmaschinenanbieter auch direkt an den Staat. Berichten von Defense One zufolge verkaufte Google Technologie an die NSA, inklusive technischem Support. Eric Schmidt, langjähriger Konzernchef – von den Investoren 2001 zu den Stanford-Doktoranden Page und Brin geschickt, um das Unternehmen führen zu können –, übernahm 2016 den Vorsitz des „Defense Innovation Advisory Board“ im Pentagon, eingesetzt von Verteidigungsminister Ashton Carter. Der Beirat war als Brücke zwischen Silicon Valley und Verteidigungssektor gedacht. Empfehlungen zu Softwaremodernisierung, Cloudstrategie und KI-Einsatz im Militär sollten von dort kommen, formuliert von Branchenführern statt von Beamten. Drei Jahre später wechselte Schmidt an die Spitze der „National Security Commission on Artificial Intelligence“. Geräuschlos vollzog sich der Übergang.
Den fortgeschrittensten Verflechtungsgrad dokumentiert das Programm PRISM. Seit 2008 erhalten NSA und FBI Echtzeitzugang zu Servern führender Internetkonzerne, Google eingeschlossen. Laut FISA-Gericht stammen 91% der jährlich erfassten 250 Mio. Internetkommunikationen aus dieser Quelle. Die Anordnungen erfolgten über geheime FISA-Beschlüsse, die den beteiligten Firmen das Schweigen rechtlich auferlegten. Öffentlich wurden diese Strukturen erst durch die Enthüllungen Edward Snowdens im Jahr 2013; bis dahin galt das Programm als Verschlusssache.
Kein Einzelfall: die PayPal-Linie
Wäre Google die Ausnahme, ließe sich das Muster als Stanford-Spezifikum abtun. Doch der Komplex reicht weiter. Nach dem Verkauf von PayPal im Jahr 2002 traten Peter Thiel und Elon Musk fast zeitgleich neue Gründungen an. Thiel rief Palantir Technologies ins Leben – In-Q-Tel beteiligte sich früh, jahrelang blieb die CIA-Tochter einziger Kunde. Heute hält Palantir Pentagon-Aufträge im Volumen von über 1,6 Mrd. USD.
Musk gründete SpaceX und übernahm kurz darauf Tesla, das zum zweiten Großempfänger staatlicher Industriepolitik in seinem Imperium werden sollte. Auf mindestens 38 Mrd. USD bezifferte eine Analyse der Washington Post (Februar 2025) die Summe an Bundesaufträgen, Subventionen und Steuervergünstigungen, die seinen Firmen seit 2003 zugeflossen sind. Allein 2024 waren es 6,3 Mrd. USD, ein Rekordwert. SpaceX hält Staatsaufträge im Volumen von 22 Mrd. USD. Besonders sichtbar wird der Mechanismus 2020 bei Tesla. Andere US-Autobauer müssen Emissionsgutschriften zukaufen, wenn ihre Flotten kalifornische und bundesweite CO₂-Ziele nicht einhalten. Tesla erzeugt diese Zertifikate qua Geschäftsmodell und verkauft sie weiter. Ohne die so geschaffenen Erlöse wäre aus dem ausgewiesenen Gewinn von 862 Mio. USD ein Verlust von 700 Mio. USD geworden.
Yale-Professor Jeffrey Sonnenfeld brachte das Phänomen in derselben Recherche auf den Punkt: Kein anderer Unternehmer dieser Größenordnung sei vergleichbar abhängig von Bundesgeldern, weder NVIDIA noch Microsoft, Amazon oder Meta. Hinzu kam der politische Widerspruch. Als Chef der Sparbehörde DOGE trat Musk 2025 mit dem Versprechen an, Bundesausgaben zu kürzen, während sein eigenes Imperium der größte private Profiteur ebendieser Ausgaben war.
Der Befund reicht über einzelne Biografien hinaus. In einer spannenden Studie „The Entrepreneurial State“ (2013) hat die Ökonomin Mariana Mazzucato systematisch nachgezeichnet, dass praktisch jede Schlüsseltechnologie moderner Konsumelektronik aus öffentlich finanzierter Grundlagenforschung stammt. Internet, GPS, Touchscreen, Spracherkennung, Lithium-Ionen-Batterie – entwickelt in militärisch oder behördlich finanzierten Laboren, kommerzialisiert von privaten Konzernen, die das Risiko der Vorarbeit nie tragen mussten. Sichtbar wird das bei Google in der Gründungsphase, bei den Musk-Firmen im laufenden Geschäft. In abgewandelter Form lässt es sich bei mehreren weiteren Schwergewichten der US-Tech-Branche beobachten. Der Mythos vom unabhängigen Unternehmertum hält selten der genauen Prüfung stand.
Vom Geheimprogramm zur Industriepolitik
Was früher über Tarnstrukturen wie In-Q-Tel verdeckt lief, tritt heute offen zutage. Ende Mai 2026 berichtete das Wall Street Journal, die US-Regierung verhandle über direkte Staatsbeteiligungen an einer Handvoll amerikanischer Drohnenhersteller, finanziert über eine Mischung aus Eigen- und Fremdkapital. Ziel ist, die Inlandsproduktion hochzufahren und die Abhängigkeit von chinesischen Komponenten zu beenden, nachdem Marktführer DJI vom US-Markt ausgesperrt wurde. Prompt reagierte die Börse. Die Aktie des Bauteilzulieferers Unusual Machines sprang am Tag des Berichts um 57%. Pikant wirkt dabei ein personeller Umstand, denn Donald Trump Jr. sitzt im Beirat des Unternehmens und hält selbst Anteile.
Politische Nähe als Kurskatalysator zeigt sich hier nicht mehr verschleiert, sondern in aller Offenheit. Auch die alten Verbindungen wirken fort. Palantir, früher von der CIA-Tochter alimentiert, liefert inzwischen die Software für autonome Drohnenplattformen des Herstellers Ondas. Damit schließt sich der Kreis zur PayPal-Linie. Aus verdeckter Anschubfinanzierung ist erklärte Standortpolitik geworden, vollzogen vor aller Augen und von den Märkten quittiert.
Das eigentliche Anlegerargument
Zunächst eine unbequeme These: Staatsnähe ist für Anleger kein Risiko, sondern ein Argument. Wer für Geheimdienste, Pentagon oder Verwaltung systemrelevant ist, genießt einen schwer kalkulierbaren Schutzschirm. Zwar treffen Antitrust-Verfahren und regulatorischer Gegenwind diese Konzerne durchaus, zumindest vordergründig. Doch die Erfahrung zeigt etwas anderes: Vollständig zerschlagen wird selten, wer öffentliche Aufgaben miterfüllt.
Genau dieses Wechselspiel liefert ein laufendes Beispiel. Bereits 2024 hatte ein Bundesrichter entschieden, dass Google ein illegales Monopol im Suchmaschinengeschäft unterhalte. Im September 2025 lehnte dasselbe Gericht die geforderte Abspaltung von Chrome ab und beschränkte sich auf Verhaltensauflagen, ein Exklusivvertragsverbot und Pflichten zum Datasharing. Anfang 2026 legten Justizministerium und 35 Bundesstaaten Berufung ein. Auf die größte Härte einigt sich das System nicht – auch nicht über Parteigrenzen hinweg. Beide US-Administrationen behandeln Silicon Valley als nationalen Aktivposten, unabhängig vom Wahlausgang.
Auch jenseits von Antitrust wirkt der Schutz. Während Brüssel zweistellige Milliardenstrafen gegen Alphabet verhängt und in Frankreich der Digital Markets Act greift, sind vergleichbare Sanktionen aus Washington ausgeblieben. CFIUS, das ausländische Investitionen im US-Tech-Sektor prüft, agiert offensiv – bei der angekündigten Übernahme von TikTok Global zogen amerikanische Behörden 2024 die Bremse, eine ähnliche Aktion gegen einen US-Konzern durch eine andere Regulierungsmacht ist nicht denkbar. Selbst die Cloudaufträge des Pentagon – einer davon: JWCC mit einem Volumen von 9 Mrd. USD – wurden 2022 unter vier US-Anbietern aufgeteilt: Amazon, Microsoft, Google, Oracle. Wettbewerb ja, aber im geschlossenen heimischen Kreis.
Fazit
Kurze Zeit schien Alphabet vom eigenen Erfolg eingeholt. Mit dem KI-Boom, so das verbreitete Narrativ, würden Suchmaschinen zum Auslaufmodell, die alte Abfragebox durch Assistenten ersetzt. Falsch gedacht. Tiefe Kapitalreserven und eine der weltweit größten Forschungsinfrastrukturen helfen Alphabet, im Rennen um generative KI aufzuholen, schneller, als viele Beobachter für möglich hielten.
Schon einmal lag der Markt falsch: Alphabet galt als KI-Verlierer, holte auf. Den Konzern wegen seiner staatlichen Verflechtungen abzuschreiben, könnte sich als ähnlicher Fehler erweisen. Die Garage gab es nie – fette Renditen seither aber durchaus.



