Reform oder Stillstand

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Merz muss jetzt liefern

Die Industrie-Wette

Beim Tag der Industrie in Berlin forderte BDI-Präsident Peter Leibinger die Bundesregierung zu entschlossenen Reformen auf. Er versprach im Gegenzug Investitionen von Seiten der Industrie. Der Bundeskanzler antwortete: „Packen wir das gemeinsam an.“ Seit heute Mittag berät die Regierungskoalition in Berlin über Rente, Steuern, Sozialausgaben. Das erklärte Ziel: Bis Mitte Juli wollen Kanzler Merz und Mannschaft Ergebnisse liefern, welche die heimische Wirtschaft wieder flott machen.

Die Ausgangslage ist denkbar schlecht. Von der Regierung bereits ausgerufen wurde im letzten Jahr der „Herbst der Reformen“. Es folgte das „Frühjahr der Reformen“. Im Herbst passierte wenig, im Frühjahr passierte weniger. Gefühlt erstarrte das Land. Lediglich 22% der Unternehmen planen derzeit, Investitionsbudgets zu erhöhen. Mehr als ein Drittel will sogar kürzen. Das ist ein Stimmungstief, das wohl seit der Finanzkrise nicht mehr verzeichnet wurde. Jedoch sind Tiefpunkte für antizipierende Investoren oft auch Einstiegssignale. Wenn jetzt Reformen von Regierungsseite auch nur angekündigt würden, böte der Industriesektor enormes Aufholpotenzial. Er leidet besonders unter politisch konstruierten Energie-, Bürokratie- und Sozialkosten. Sollten entlastende Reformen gar umgesetzt werden, gäbe es kein Halten mehr … umgekehrt gilt: Liefert Merz nicht oder bleiben Ankündigungen eben Ankündigungen, dann kommt es zum Kursrückschlag.

Wer die Hoffnung auf rationales Regierungshandeln diversifiziert spielen möchte, mag sich den Invesco MDAX UCITS ETF (WKN: A2N7NF) anschauen, der den deutschen MDAX abbildet, in welchem mittelständische Industriewerte überrepräsentiert sind. Auch der DAX ist etwa als iShares Core DAX UCITS ETF (WKN: 593393) eine Möglichkeit. Im deutschen Leitindex ist Industrie mit 23% Gewichtung ein Schwerpunktsektor. Geografisch breiter, thematisch konzentrierter aufgestellt ist der iShares MSCI Europe Industrials (WKN: A2QBZ6).

Was kommt nach dem IPO-Hype?

Es ist die Zeit der Mega-Börsengänge. Der IPO von SpaceX (WKN: A42D4F) war mit 75 Mrd. USD das größte Börsendebüt aller Zeiten. OpenAI und Anthropic, die zwei aktuellen KI-Überflieger, wollen demnächst an die Börse. Ein Blick in die Historie zeigt: Der anfängliche Hype garantiert weder Absturz noch Höhenflug. Professionelle Anleger achten auf spezielle Parameter.

Meta Platforms (WKN: A1JWVX) und Visa (WKN: A0NC7B) dienen als Blaupause für einen glücklichen Verlauf nach spektakulärem Debüt. Die damals noch als Facebook firmierende Aktie fiel 2012 zwar zum Börsenstart und blieb über ein Jahr unter Wasser, liegt heute aber mehr als 1.300% über dem Startwert: Trotz eines Einbruchs 2022, als Zuckerbergs teure Metaverse-Wette Anleger verschreckte. Aufgrund ständig sprudelnder Werbeeinnahmen steckte Meta die Krisenphase weg. Visa erwischte mit dem Börsengang im März 2008 einen ungünstigen Zeitpunkt, nur Monate vor der Finanzkrise, und überstand sie dennoch mit nur geringen Verlusten – dank eines Geschäftsmodells, das unabhängig vom Konjunkturzyklus Cashflow generiert. Beide Fälle lehren: Ein schwacher Start ist kein endgültiges Urteil, solange das Geschäftsmodell trägt.

Alibaba (WKN: A117ME) und Saudi Aramco (WKN: A2PVHD) stehen für die weniger erfreuliche Entwicklung. Alibabas Börsengang war 2014 mit 21 Mrd. USD der größte der Geschichte, doch ein Jahr später lag die Aktie ein Viertel unter Ausgabepreis, es folgten Jahre der Achterbahnfahrt. Saudi Aramco bewegt sich seit seinem Rekord-IPO 2019 ähnlich zäh, aktuell sogar leicht unter dem Ausgabewert. In beiden Fällen belasten weniger operative Probleme als regulatorisches und politisches Umfeld die Kurse. Geraten Unternehmen unter geopolitischen Einfluss, kommt dagegen die beste Unternehmensstory kaum an.

Rivian (WKN: A3C47B) zeigt ein drittes Risiko. Der Elektroauto-Hersteller ging 2021 mit großen Erwartungen an die Börse, der Kurs brach jedoch ein, als bereits einen Monat später das erste Produktionsziel verfehlt wurde. Heute notiert die Aktie bei rund 10% des ursprünglichen Ausgabepreises. Solch ein Unternehmen ist als IPO eine riskante Wette, wenn der Börsenwert vor allem aus einem Gewinnversprechen besteht, das eine kapitalintensive Produktion erst noch einlösen muss. Für SpaceX wie für die wartenden OpenAI und Anthropic dürfte das die Nagelprobe sein: Trägt das operative Geschäft die hohe Bewertung, oder lebt sie allein vom Versprechen der Zukunft? Funkt womöglich die Politik dazwischen? Erst letzten Monat musste Anthropic sein KI-Modell Mythos 5 auf Anweisung der US-Regierung weltweit zurückziehen. Die Anweisung wurde bisher nur teilweise zurückgenommen.

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10 Jahre Hayek-Club Weimar

Der Hayek-Club Weimar feiert sein zehnjähriges Bestehen und lädt am 15. August 2026 zu einer Tagung, die das Beste der Österreichischen Schule versammelt. Unter dem Titel „Zurück zur Vernunft: Mit der Österreichischen Schule gegen Planwirtschaft und Interventionismus“ sprechen unter anderem Gerd Habermann über die lebensfreundliche Botschaft der Austrians, Markus Krall über die metaphysischen Grundlagen der Freiheit und Thorsten Polleit über Kant und den Libertarismus. Wer fundierte Argumente und klare Gedanken schätzt, wird an diesem Tag auf seine Kosten kommen. Dazu gibt es reichlich Gelegenheit zum Austausch mit Gleichgesinnten in entspannter, sommerlicher Atmosphäre.

Karten und Anmeldung: hayek.club.weimar@mail.de

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Von der Aktien- zur Kreditblase

Die fünf Hyperscaler Google/Alphabet (WKN: A14Y6F), Amazon (WKN: 906866), Meta Platforms, Microsoft (WKN: 870747) und Oracle (WKN: 871460) haben sich in den ersten fünf Monaten des Jahres durch Anleihen 159 Mrd. USD beschafft. Das sind 47% mehr als im gesamten Vorjahr und mehr als die gesamten Emissionen von 2020 bis 2024 zusammen. Nvidia (WKN: 918422) und SpaceX zogen zuletzt nach: mit jeweils 25 Mrd. USD Anleihevolumen. Der KI-Boom wird zunehmend über Fremdkapital statt Eigenkapital finanziert. Steigt der Schuldenanteil, steigt auch das Risiko, falls sich die erwarteten KI-Erträge verzögern.

Die Kurse spiegeln das bereits. Jüngst fiel der Halbleiter-Index SOX an einem Tag um fast 8%. Das war der größte Abverkauf relativ zum S&P 500 seit Trumps Zollschock im April 2025. Oracle verlor seit Anfang Juni rund 20%, nachdem die Investitionsausgaben binnen neun Monaten auf 39 Mrd. USD gestiegen waren.

Investoren ziehen zwei historische Blasen zum Vergleich heran: die Dotcom-Blase von 2000 und die Immobilienkrise von 2008. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich sieht im heutigen KI-Boom Elemente aus beiden und warnt vor „zirkulärer Finanzierung“ zwischen Chipherstellern, Hyperscalern und KI-Laboren: Eine übermäßige Investitionswelle könne abrupt enden, sollte die KI-Technologie hinter den Erwartungen zurückbleiben. Goldman Sachs und Morgan Stanley halten Rücksetzer von bis zu 20% für möglich, immerhin erwirtschaften Nvidia und Alphabet bereits reale Milliardengewinne. Die Gemengelage aus realen Erträgen, riesigen Erwartungen und wachsender Fremdfinanzierung lässt den Substanz Investor für die kommenden Monate von einer deutlichen Korrektur an den Börsen ausgehen, auch und vor allem bei KI-Aktien.

Zu den Märkten

Nach dem Rumpeln der Vorwoche kehrt an den Börsen scheinbar wieder Ruhe ein – doch wir trauen dem Frieden nicht. Ein Rückschlag von 20% gegenüber den jüngsten Hochs erscheint uns durchaus vorstellbar. Er muss nicht sofort kommen, könnte sich sogar noch etwas hinauszögern. Genau das aber wäre womöglich die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm. Der DAX liefert dazu ein passendes Warnsignal: Charttechnisch zeichnet sich die Gefahr eines Doppeltops ab – zwei markante Hochs auf ähnlichem Niveau, die erfahrungsgemäß eine Trendwende einläuten können. Bestätigt sich die Formation, dürfte der Weg nach unten frei werden.

Für zusätzliche Unruhe sorgt die politische Großwetterlage. Nach allem, was wir von Kanzler Merz bislang gesehen haben, setzen wir unsere Erwartungen an die laufende Reformrunde bewusst niedrig an. Wie sehr das Fingerspitzengefühl im Kanzleramt derzeit fehlt, offenbarte ausgerechnet ein Instagram-Post zum WM-Aus der Nationalmannschaft: „Was für ein Spiel“, jubelte Merz nach dem Ausscheiden gegen Außenseiter Paraguay – und erntete für so viel Euphorie nach der dritten Blamage in Folge reichlich Spott. Ein Land, das in vielen Belangen schon deutlich bessere Zeiten gesehen hat, steuert nun auf einen unruhigen Sommer zu. Die anstehenden Landtagswahlen versprechen zusätzliche Brisanz, die manche Koalition ins Wanken bringen könnte. Wie weit dieses Wanken reichen mag, beleuchtet Chefredakteur Flierl im Editorial der aktuellen Ausgabe – lesenswert für alle, die wissen wollen, was hinter den Kulissen bereits in Bewegung ist.

Musterdepots

In unserer Rubrik Musterdepot berichten wir diesmal über ein Highlight bei unseren Musterdepot-Titeln Prosus und British American Tobacco. Unsere große Übersichtstabelle für den Juni finden Sie in Ausgabe 26/2026 dieses Newsletters . Im Musterdepotbereich können Sie sich durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die Transaktionen der letzten Wochen verschaffen. Um diesen Bereich zu lesen, müssen Sie Abonnent des Substanz Investor Magazins sein und sich auf der Substanz-Investor-Website einloggen. Sollten Sie Ihr Passwort vergessen haben, fordern Sie bitte ein neues an bei Mailto: abo@substanzinvestor.de.

Fazit

Ob bei Merz‘ Reformversprechen, den Multi-Milliarden-IPOs oder der kreditfinanzierten KI-Euphorie: Diese Woche zeigt, wie schmal der Grat zwischen berechtigter Hoffnung und heißer Luft momentan ist. Wie viel Mythos in vermeintlich soliden Erfolgsgeschichten steckt, klären wir übrigens im neuen Substanz Investor 7/2026.

Ralf Flierl, Frank Sauerland, Peter Seufert-Heyne

 

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Die Charts wurden erstellt mit stock3 und Tai-Pan von Lenz+Partner. Diese Rubrik erscheint jeden Mittwochnachmittag.

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