Am Abgrund

Quelle: perplexity.ai

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Wenn Politik gegen Wirtschaft arbeitet

Das Trump-Playbook

US-Präsident Donald Trump bestimmt einmal mehr die Agenda: an den Börsen, beim Weltwirtschaftsforum in Davos, in Dänemark und im gesamten aufgeschreckten Europa. Der Mann, so heißt es, demoliere die NATO; er lässt Russentanker kapern, schnappt sich Maduro und jetzt womöglich eine komplette eisige Insel: Grönland.

Schafft es der Beobachter, sich zu beruhigen und eine andere, den Markt zentrierende Perspektive einzunehmen, dann entdeckt er das Playbook des Präsidenten hinter den Zeitläuften. Es ist schlicht gestrickt, gerade deswegen wohl erfolgreich und in den zurückliegenden Monaten vom Präsidenten und gelernten Dealmaker mehrfach verwendet worden: gegenüber China, Brüssel und London. Es arbeitet mit Timing, Drohung und Zöllen. Es bietet Männern (und Frauen) ohne Nerven enorme Gewinnmöglichkeiten am Markt. Wir präsentieren das präsidiale Playbook, allerdings mit einem Augenzwinkern!

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Das übliche Trump-Playbook:

– An einem Feiertag, möglichst weit von der nächsten Börsenöffnung entfernt, schockt der Präsident einen einzelnen Staat mit einer ungeheuerlichen Forderung und droht mit enormen Zöllen, falls er seinen Willen nicht bekommt. Zuletzt geschah das vorigen Samstag. Trump fordert auf Social Media-Kanälen die Übergabe von Grönland. Montag war die Wall Street geschlossen wegen des Martin Luther King Days und Händler hatten Zeit, sich zu beruhigen. Der an der Börse durchaus engagierte Präsident schaut sich derweil die Nachrichtenentwicklung an.
– Das aufs Korn genommene Land protestierte bereits am selben Wochenende, heftig und emotional, ohne Substanz und ohne Druckmittel. Trump legt nach. Die Märkte sind weiter geschlossen.
– Die Börsenöffnung rückt näher, Futures notieren, Kurse sacken weg, aber ein Crash ist nicht in Sicht. Der Präsident ist vorbereitet und erneuert seine Forderungen in drastischer Sprache: Zölle werden kommen, und zwar schon zu Beginn des nächsten Monats, da führt kein Weg dran vorbei. Es sei denn, ich bekomme, was ich will.
– Die Börsen öffnen und rauschen ab. Dip-Käufer springen ein, und die Kurse stabilisieren sich deswegen zur Mitte der Woche. Jedoch fehlen der Erholung Kraft, Zutrauen und Präsidentenworte. Eine zweite Abwärtswelle setzt ein. Jetzt breitet sich wirkliche Angst im Markt aus und das intelligente Geld beginnt, Stücke einzusammeln.
– Am darauffolgenden Wochenende hört man aus der Administration: Erste, gute Gespräche seien im Gange mit den staatlichen Vertretern der Gegenseite. Eine zarte Erholung setzt daraufhin am Montag ein. Tut sie das nicht, kommt der Vertrauensbooster.
– Noch im Verlauf des Montags tritt ein hochrangiger Regierungsbeamter oder Finanzminister Bessent im Fernsehen auf und beruhigt, ein Deal sei möglich. – In den nächsten Wochen wird kalkuliert von weiteren Fortschritten in den Verhandlungen berichtet. Irgendwann wird der Durchbruch angekündigt: Es werde tatsächlich ein Abkommen geben. Jubel kommt an den Märkten auf, Kurse erreichen neue Rekorde. Der Präsident nimmt sich das nächste Ziel vor. Das passende Wochenende wird sich finden.

Absteiger Deutschland

Der Titel des Exportweltmeisters ist futsch. Das Statistische Bundesamt gibt bekannt: Von Januar bis November exportierte Deutschland 9,4% weniger Waren in die USA als im Vergleichszeitraum des Vorjahres, insgesamt betrug der Warenwert rund 135 Mrd. EUR. Besonders betroffen von der Exportschwäche sind deutsche Maschinen- und Autobauer. Der Wert exportierter Autos und Autoteile in die USA ging von Januar bis November 2025 um 17,5% zurück auf 26,9 Mrd. EUR. Der Export von Maschinen in die USA schrumpfte im Vergleichszeitraum um 9% auf 24 Mrd. EUR.

Bereits früh ahnte und bepreiste der Markt, was die Statistik jetzt bestätigt. Die Kursverläufe von Mercedes (WKN: 710000) und VW (WKN: 766403) sind wenig erbaulich. Die Notierungen von Maschinenbauern wie Krones (WKN: 633500) und Dürr (WKN: 556520) kommen über Monate nicht recht voran. US-Zölle dürften ein Grund für die Exportschwäche sein, ein anderer ist die zunehmende Stärke Chinas. Hausgemachte Ursachen kommen hinzu: eine ausgreifende Staatsbürokratie, eine hohe Steuerlast und stetig steigende Energiekosten in Deutschland.

Mit Faulheit gewinnen

Künstliche Intelligenz ist gefräßig. Um besser zu werden, will sie mit immer mehr Daten gefüttert werden und diese immer schneller verarbeiten. Das braucht Energie und der Hunger nach elektrischem Strom steigt exponentiell. Mittlerweile werden Kraftwerke direkt neben Rechenzentren gebaut. Davon profitieren Turbinenbauer wie GE Vernova (WKN: A404PC) und Siemens Energy (WKN: ENER6Y). Ebenso gehören Uran-Miner wie die bekannte Cameco (WKN: 882017) und Netzbetreiber zu den Profiteuren, in Europa zum Beispiel Iberdrola (WKN: A0M46B), in USA die Southern Company (WKN: 852523) und Constellation Energy (WKN: A3DCXB).

Letztlich erzielen gewitzte Anleger beim Thema „KI-Energiehunger“ ihre Rendite aufgrund einer bemerkenswerten Faulheit der vermeintlichen Vordenker aus dem Silicon Valley. Seit Jahren nimmt man dort an, Künstliche Intelligenz werde noch intelligenter, wenn sie mit immer mehr Daten und mehr Rechenleistung beworfen wird.

China ist womöglich auf einer besseren Fährte. Die wird häufig dann entdeckt, wenn die breite Straße mit Hindernissen unpassierbar gemacht worden ist. Das Teil-Embargo für amerikanische High-Tech-Chips zwingt Chinesen aus älteren, weniger leistungsfähigen und weniger stromhungrigen Halbleitern vermittels besonders ausgefuchster Algorithmen mehr KI-Funktionalität zu pressen. Erstes, eindrückliches Ergebnis der Bemühungen ist das KI-Modell DeepSeek. Es bringt mehr KI mit weniger Aufwand. Anlegern mag DeepSeek als Warnung dienen, aufmerksam zu bleiben. Die Entwicklung geht schnell voran und kann überraschende Wendungen nehmen.

Zu den Märkten

Wir haben uns heute ausführlich mit dem typischen Playbook des US-Präsidenten beschäftigt. Bereits in der letzten Ausgabe identifizierten wir den Bereich von rund 24.800 DAX-Punkten als wichtige Unterstützung. Vor einer Woche herrschte noch eitel Sonnenschein. Doch der währte nur bis zum Wochenende. Dann hat Trump im Rahmen seines „Playbooks“ in Sachen Grönland eskaliert. Seit Montag fallen die Aktien. Während wir diese Zeilen schreiben, ist die Nervosität mit Händen zu greifen. Zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe hält die mit Hochspannung erwartete Davos-Rede noch an. Die Ankündigungen und Maßnahmen der Trump-Regierung sind zum wichtigsten Einflussfaktor für die kurzfristige Entwicklung der Börsen geworden. Und dieser Einflussfaktor ist allenfalls mit einem Würfel zu „kalkulieren“. Wir halten die Füße still, bis sich die Nebel etwas gelichtet haben.



Musterdepots & wikifolio

In der Rubrik Musterdepots & wikifolio ist es heute ganz ruhig. Mit Dispositionen warten wir, bis sich der Nebel um Grönland gelichtet hat. Den Tabellenteil zum Dezember finden Sie in der Ausgabe vom 17.12.2025. Im Musterdepotbereich können Sie sich durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die Transaktionen der letzten Wochen verschaffen. Um diesen Bereich zu lesen, müssen Sie Abonnent des Substanz Investor Magazins sein und sich auf der Substanz-Investor-Website einloggen. Sollten Sie Ihr Passwort vergessen haben, fordern Sie bitte ein neues bei abo@substanzinvestor.de an.

Fazit

Trump ist aktuell zu dem Impulsgeber für Börsen und Politik geworden. Die Grönland-Operette wird aber wohl auch deshalb so dankbar von europäischen Politikern aufgenommen, weil man damit so trefflich von den hausgemachten Problemen ablenken kann.

Ralf Flierl, Frank Sauerland, Ralph Malisch

 

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Die Charts wurden erstellt mit stock3 und Tai-Pan von Lenz+Partner. Diese Rubrik erscheint jeden Mittwochnachmittag.

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