Physical AI

Bild: Grok.com

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Eine Welt voller Roboter und Gewinne

Die Prognose des Jensen Huang

Bei der jährlichen GTC-Konferenz im kalifornischen San José hatte Jensen Huang einen großen Auftritt. Natürlich machte Nvidias charismatischer CEO Reklame für die neuen, noch schnelleren KI-Produkte seines Unternehmens. Das Groq 3 LPX Rack kombiniert 72 Vera-Rubin-Server. Auch wenn wir technischen Laien das nicht unbedingt verstehen, die Botschaft ist klar: Die neue Technik bringt richtig Dampf in die eilig hochgezogenen Rechenzentren von Amazon, Meta Platforms, Microsoft, etc. – falls die sogenannten Hyperscaler denn kaufen wie gewünscht. Aber vielleicht müssen sie sogar kaufen, zumindest glauben sie zu müssen, da sie im gnadenlosen Rennen um die KI-Krone („The Singularity“) keinesfalls zurückfallen wollen.

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Richtig spannend für Zukunftsdenker und Anleger wurde es, als KI-Architekt Huang auf der Bühne anfing, das ganz große Bild zu skizzieren. Demnach ist der durch den KI-Hype hervorgerufene Kurs-Boom von Nvidia & Co. noch längst nicht an sein Ende gekommen. Vielmehr stehe er gerade erst am Anfang. Huang prophezeite eine geradezu ungehemmt steigende Nachfrage nach KI-Rechenleistung. Nvidia peile einen Umsatz von mindestens 1 Bio. USD an. Denn der Konzern werde künftig nicht nur Computerchips und Server verkaufen, sondern wandle sich zum KI-Infrastruktur-Anbieter: Netzwerk, Software, Entwicklerwerkzeuge, alles komme aus einer Hand. Daraus entstehe eine Agentic AI; das sind selbstlernende KI-Systeme, welche die Innovationszyklen noch beschleunigen werden. Endpunkt der Entwicklung sei dann die „Physical AI“.

Das ist ein neuer, schick klingender Begriff für intelligente Roboter. Alles, was sich bewegt, wird künftig mit KI ausgestattet sein und als Marktführer im Segment liefert Nvidia die Plattform für die Entwicklung. Das glaubt jedenfalls der Nvidia-CEO, und das wären wahrlich gigantische Aussichten. Ob sie wahr werden? Das Urteil des Marktes lässt sich – wie immer – an den Kursen ablesen. Wir beobachten Nvidia (WKN: 918422), Symbotic (WKN: A3DK1X), Richtech Robotics (WKN: A3D8AU), Rockwell Automation (WKN: 903978). Liegt Huang richtig, müssten sie irgendwann anspringen …

Wirtschaft läuft trocken

Während KI-Architekten die Zukunft konstruieren, plagen heutige Autofahrer und Investoren irdische Probleme. Öl und Tanken ist teuer geworden, seit sich US-Präsident Trump, ermutigt durch seinen erfolgreichen Einsatz in Venezuela, zum Iran-Abenteuer hinreißen ließ. Nach ersten Erfolgsmeldungen scheint die Kampagne auf die schiefe Ebene zu geraten. Nichts Genaues weiß man nicht. Widersprüchliche Aussagen in schneller Abfolge sind jedenfalls nicht dazu geeignet, das Vertrauen in die westliche Führungsmacht zu stärken. Sollte der Schiffsverkehr in der Straße von Hormus längere Zeit de facto blockiert bleiben, könnte der Irankrieg die Weltwirtschaft in den Abgrund reißen – und Trumps Präsidentschaft womöglich gleich mit. Der Mann ist in Nöten und klopfte nun just bei jener NATO an, die er vor Tagen noch brüsk vor den Kopf gestoßen hatte. Eine direkte Auswirkung des Krieges und des rasant gestiegenen Ölpreises kann Trump gar nicht gefallen: Inflation. Und weil diese zum Krieg gehört, wie der Deckel zum Topf, werden die exakt 99% der befragten Experten wohl recht behalten, die heute Abend keine Ankündigung einer Zinssenkung erwarten, wenn Fed-Chef Jerome Powell vor die Presse tritt. Dass diese Bescherung ausfällt, hat sich Trump selbst zuzuschreiben: Damit fällt nicht nur der Rückenwind für die US-Wirtschaft und den exorbitanten US-Schuldendienst aus, sondern auch der für die Midterms im November. Nach den letzten Umfragen waren noch nie so wenige Wähler motiviert für die Präsidentenpartei zu stimmen wie aktuell.

Das Problem kennen die Regierungspolitiker in Rheinland-Pfalz nur zu gut. Am Sonntag wollen sie wiedergewählt werden. Ihre bisherige Politik kann dafür aber kaum als Argument dienen. Umfragen prognostizieren ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen CDU und SPD. Währenddessen sind in Berlin schon vor der Wahl Steuererhöhungsdiskussionen aufgeflackert, die man üblicherweise bis nach dem Urnengang vor dem Stimmbürger verbirgt. Der Hut brennt also lichterloh. Während vor der Wahl wieder gelogen wird, dass sich die Balken biegen, geht der große Raubzug danach mit erhöhter Schlagzahl weiter: höherer Spitzensteuersatz, Vermögensteuer, Immobilienabgaben, nichts wird tabu sein und Friedrich Merz, formal immerhin Bundeskanzler mit Richtlinienkompetenz, wird einmal mehr alles „abwackeln“, was die SPD fordert.
Die Berliner Koalition braucht das Geld für Rente, Rüstung, Investitionen – wieder einmal. Dafür war eigentlich das „Sondervermögen“ über fabelhafte 500 Mrd. Euro gedacht. Die in die Jahre gekommene Infrastruktur sollte aufgehübscht werden. Jetzt testiert das Ifo-Institut, dass von den 2025 im Rahmen des „Sondervermögens für Klimaneutralität und Infrastruktur“ (SVIK) aufgenommenen Krediten 95% (!) nicht für solche Investitionen genutzt wurden. „Wir haben festgestellt, dass die Politik die schuldenfinanzierten Mittel nahezu vollständig für andere Zwecke, also zum Stopfen von Haushaltslöchern, genutzt hat“, sagt Ifo-Präsident Clemens Fuest und fügt trocken hinzu: „Das ist ein großes Problem.“ Finden wir auch. Und der Kapitalmarkt reagiert. Die Finanzagentur des Bundes hatte jüngst Schwierigkeiten, neue Schulden aufzunehmen. Offizielles Murmeln: „schwache Nachfrage“. Marktteilnehmer dagegen nennen es unverblümt einen „kleinen Käuferstreik“. Das Vertrauen schwindet in Deutschlands Regierungskunst und Finanzkraft und das angesichts des Dilettantismus, der in Berlin regiert, völlig zu Recht.

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Börsengang Vincorion

Kommenden Freitag soll die Aktie des Rüstungszulieferers Vincorion (WKN: VNC001) erstmals an der Frankfurter Börse gehandelt werden. Noch bis morgen läuft die Zeichnungsfrist. Die Aussichten scheinen gut und interessierte Anleger wenden sich vertrauensvoll an ihre Hausbank. Vincorion stellt in Wedel bei Hamburg Komponenten für die Energieversorgung und Stabilisierung von Panzern und Luftabwehrsystemen her. Die Weltlage hat sich verändert. Waren Rüstungsaktien in früheren Jahren verpönt, in der EU sogar mit einem Malus versehen (ESG-Kriterien), hat sich die Einschätzung seit dem Krieg zwischen Russland und der Ukraine gedreht. Abgesehen vom bekanntesten deutschen Rüstungskonzern, Rheinmetall (WKN: 703000), der über die letzten fünf Jahre rund 1.800% zugelegt hat, ist der ganze Sektor seit Jahren im Aufschwung. Radarhersteller Hensoldt (WKN: HAG000) feierte sein Börsendebüt im September 2020, liegt seitdem über 500% im Plus. Getriebebauer Renk (WKN: RENK73) startete Februar 2024, Kursgewinn seitdem 275%. Der Schiffbauer TKMS (WKN: TKMS00) wagte sich letzten Oktober ins Börsenwasser, aktuelle Schwimmhöhe minus 10%. Die Gabler Group (WKN: A421RZ) rüstet U-Boote aus, Anfang März war Erstnotierung, je nach Tagesform derzeit rund 10% im Plus. Da die Weltlage nicht sicherer wird, brummt das Rüstungsgeschäft und weitere Kurszuwächse sind wahrscheinlich.

Zu den Märkten

Auch in der Berichtswoche bleibt der Irankrieg das beherrschende Börsen- und Medienthema. Eigentlich ist es nur ein schmaler Ausschnitt der Landkarte, der die Marktteilnehmer gerade interessiert, der aber hat die alles entscheidende Bedeutung – die Straße von Hormus. Jede Nachricht, die eine längere Unterbrechung dieser Öl- und Gas-Ader des Welthandels erwarten lässt, bringt die Kurse unter Druck. Dagegen lässt ein Abebben der Minen- und Drohnenangriffe die Hoffnung auf baldige Durchfahrt der aufgestauten Schiffe keimen. Der DAX entwickelt hier insofern kein Eigenleben, sondern bildet im Wesentlichen nur lediglich ab, was derzeit Konsens bezüglich dieses externen Einflussfaktors ist. Aus der Charttechnik selbst sind bis auf weiteres keine nachhaltigen Signale zu erwarten. So lange sich der deutsche Leitindex scheut, die breite Widerstandszone im Bereich zwischen ca. 24.000 und 24.500 aufs Korn zu nehmen, befinden wir uns weiter im Korrekturmodus.

Die deutsche Dividendensaison startet

… und sie hält Überraschungen bereit. Das Börsenumfeld ist unruhig, Tech-Werte straucheln – und ausgerechnet jetzt feiern verlässliche Standbeine der Realwirtschaft ihr Comeback. Telekommunikation, Industrie, Energie, Pharma: Value-Titel mit soliden Dividenden verdrängen hoch bewertete Hoffnungsträger. Bestätigt wird das von den Zahlen: Für DAX und MDAX zusammen rechnet die DZ Bank mit Ausschüttungen von 63,7 Mrd. EUR – rund 5% mehr als im Vorjahr. Einziger Wermutstropfen bleibt die Automobilbranche, die nach drastisch gesunkenen Gewinnen erneut kürzt – von rund 49 Mrd. EUR Nettogewinn bei den drei großen Herstellern im Jahr 2022 blieben 2025 nur noch knapp 19 Mrd. EUR übrig. Gemessen am Gesamtbild fällt das jedoch kaum ins Gewicht: Ohne die Autohersteller würden die DAX-Dividenden um fast 10% steigen

Dabei zeigt die Saison 2026 eine klare Sektor-Rotation: Der Finanzbereich – Versicherungen und Banken – übernimmt die Führungsrolle und verdrängt die zuletzt schwächelnden VW, BMW &Co. Banken wie Commerzbank und Deutsche Bank steigern nach üppigen Gewinnzuwächsen ihre Dividenden um mehr als 50%. Auch Rüstung und Energie setzen mit kräftigen Erhöhungen Ausrufezeichen. 29 der 40 DAX-Unternehmen erhöhen in diesem Jahr ihre Ausschüttungen, ganze vier kürzen. Ein Blick in die Historie macht die eigentliche Stärke von Dividenden deutlich: Von den rund 23.700 Punkten Wertzuwachs des DAX seit 1988 beruhen 63% auf reinvestierten Dividenden – nur 37% auf Kurssteigerungen. In den kommenden Wochen stellen wir wieder einzelne deutsche Dividendenzahler genauer vor. Wer auch jenseits des DAX nach Ausschüttungsqualität sucht, findet diese in der Titelgeschichte des aktuellen Substanz Investor 3/2026 ab S. 8.
Zurück zur Dividendensaison in Deutschland: Haben Sie schon Werte auf dem Radar, die Sie gerne analysiert sehen würden? Dann schreiben Sie uns gerne: info(at)substanzinvestor.de.

Musterdepots & wikifolio

In der Rubrik Musterdepots & wikifolio berichten wir heute über zwei spannende Käufe in unsicherer Zeit. Die große Monatsübersicht zum Aktienmusterdepot für Februar inklusive Transaktionen finden Sie in der Ausgabe 9/2026. Im Musterdepotbereich können Sie sich durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die Transaktionen der letzten Wochen verschaffen. Um diesen Bereich zu lesen, müssen Sie Abonnent des Substanz Investor Magazins sein und sich auf der Substanz-Investor-Website einloggen. Sollten Sie Ihr Passwort vergessen haben, fordern Sie bitte ein neues bei abo@substanzinvestor.de an.

Fazit

Während die Realwirtschaft durch die neue Ölkrise auf dem Weg in die Rezession ist, träumt man bei den Tech-Giganten von der schönen neuen KI-Welt.

Ralf Flierl, Frank Sauerland, Ralph Malisch

 

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Die Charts wurden erstellt mit stock3 und Tai-Pan von Lenz+Partner. Diese Rubrik erscheint jeden Mittwochnachmittag.

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