„10 Mrd. EUR Schaden allein für Deutschland“

Kai-Uwe Steck

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Interview

Substanz Investor im Gespräch mit Kai-Uwe Steck über den Cum-Ex-Fall, seine Rolle darin, und was seiner Ansicht nach bei der Aufarbeitung falsch gelaufen ist

Substanz Investor: Herr Steck, Sie sind der Kronzeuge im Cum-Ex-Verfahren. Können Sie unseren Lesern in ganz wenigen Sätzen erklären, worum es dabei geht.
Kai-Uwe Steck: Cum-Ex war eine hochkomplexe Finanzpraxis rund um den Dividendenstichtag von Aktien. Durch gezielte Leerverkäufe und verschachtelte Transaktionen entstand der Eindruck, mehrere Akteure hätten Anspruch auf die Erstattung einer Kapitalertragsteuer, die tatsächlich nur einmal abgeführt worden war. In der Folge kam es zu mehrfachen Steuererstattungen. Das war kein Zufallsprodukt einzelner Akteure, sondern ein professionell organisiertes System, das über Jahre von international agierenden Banken, Fonds, Investoren und Beratern betrieben wurde und das staatliche Kontrollmechanismen entweder nicht erkannten oder unterbinden wollten. Es ist kein rein deutsches, sondern ein internationales Phänomen in der Finanzindustrie.

SI: Man sagt, dass dies der größte Finanzskandal in Deutschland gewesen ist. Um welche Summe und in welchem Zeitraum ist der deutsche Fiskus denn in etwa geprellt worden?
Steck: Offiziell geht das Bundesfinanzministerium derzeit von rund 10 Mrd. EUR Schaden allein für Deutschland aus. Dieser Betrag bezieht sich auf Kapitalertragsteuer, die mehrfach erstattet wurde, obwohl sie nur einmal abgeführt worden war. Dass das die endgültige Summe ist, darf man bezweifeln. Zum einen laufen noch zahlreiche Verfahren, zum anderen gab es vergleichbare Modelle wie Cum-Cum, die in ihrer Dimension ebenfalls erheblich waren. Der relevante Zeitraum reicht im Kern von den 1990er Jahren bis etwa 2011. Die eigentliche Hochphase lag zwischen 2006 und 2010. Was die Dimension besonders macht, ist weniger die exakte Zahl als die Tatsache, dass es sich um ein industriell organisiertes, international vernetztes System handelte und nicht um wenige Einzelfälle. Der deutsche Gesetzgeber wusste das und hat weggesehen. Das hört man in Berlin nicht gerne, wenn ich das heute so sage. Bisher hat die Politik bei Cum-Ex erfolgreich von sich abgelenkt. Man kann sich halt als Politiker schlecht erinnern, wenn Sie verstehen, was ich meine.

SI: Wird Cum-Ex immer noch betrieben?
Steck: Die klassische Cum-Ex-Struktur, wie sie bis 2010 betrieben wurde, ist in Deutschland in dieser Form heute nicht mehr möglich. Der Gesetzgeber hat das Kapitalertragsteuerabführungssystem grundlegend geändert und damit die damalige technische Grundlage beseitigt. Allerdings ist die Debatte damit nicht beendet. Finanzmärkte entwickeln fortlaufend neue Gestaltungsmodelle. Es gibt weiterhin Strukturen – etwa sogenannte Reverse-Claim-Modelle oder komplexe grenzüberschreitende Lieferketten rund um den Dividendenstichtag –, die nicht identisch mit der ursprünglichen Cum-Ex-Mechanik sind, aber im selben Spannungsfeld operieren: Steueranrechnung, wirtschaftliches Eigentum und Bescheinigungslogik. Gerade deshalb hat der Gesetzgeber das sogenannte MiKaDiv-Verfahren eingeführt, das „Mitteilungsverfahren Kapitalertragsteuer auf Dividenden“.

SI: Was genau passiert da – hat es Aussicht auf Erfolg?
Steck: Ab dem 1.1.2027 müssen depotführende Stellen, Verwahrstellen und andere Intermediäre entlang der gesamten Wertpapierlieferkette detaillierte Informationen zu Dividendenzahlungen, Eigentumsverhältnissen und Transaktionen elektronisch an das Bundeszentralamt für Steuern melden. Ziel ist es, Transparenz in komplexe Verwahrstrukturen zu bringen und Mehrfacherstattungen oder missbräuchliche Steueranrechnungen frühzeitig zu erkennen. Das ist vom Ansatz her richtig: Transparenz ist die Lehre aus Cum-Ex. Ob das neue Meldewesen in der Praxis tatsächlich funktioniert, ist jedoch umstritten. Die Finanzverwaltung wird mit einer enormen Datenmenge konfrontiert sein. Entscheidend wird nicht sein, ob man neue Meldepflichten schafft, sondern ob man die Daten analytisch durchdringt und rechtzeitig reagiert. Erfahrungsgemäß liegt genau dort die eigentliche Herausforderung. Cum-Ex zeigt: Nicht jede Lücke ist sofort sichtbar. Aber wenn systemische Anreize bestehen, werden Märkte sie testen. Deshalb braucht es nicht nur neue Formulare, sondern ein dauerhaft funktionierendes Kontroll- und Risikobewusstsein. Also ich habe meine Zweifel an der Wirksamkeit, denn gut gemeint ist nicht immer gut.

SI: Sie haben ja zu einem gewissen Zeitpunkt Ihr Fehlverhalten erkannt und dann mit der Staatsanwaltschaft – damals unter der Leitung von Anne Brorhilker – als Kronzeuge zusammengearbeitet. Was hat Sie zu diesem Schritt bewogen?
Steck: Das war kein spontaner Entschluss, sondern ein innerer Prozess über mehrere Jahre. Anfang 2016 wurde mir klar, dass es kein Zurück mehr gibt. Die Ermittlungen liefen längst auf Hochtouren, der öffentliche Druck nahm zu und ich musste mir die Frage stellen, welche Verantwortung ich persönlich trage.

Ich war damals Teil eines Finanzsystems, das sich selbst für legal hielt. In der Finanzindustrie herrschte lange die Überzeugung, man bewege sich im Rahmen des geltenden Rechts. Rückblickend weiß ich, dass diese Selbstgewissheit trügerisch war. Irgendwann kommt der Punkt, an dem man sich entscheiden muss: Verteidigt man sich bis zum Letzten oder übernimmt man Verantwortung und trägt zur Aufklärung bei?

Für mich war die Kooperation mit der Staatsanwaltschaft Köln ein bewusster Bruch mit meinem früheren Umfeld. Ich habe mich damit gegen ein internationales Bankensystem gestellt, in dem ich zuvor selbst tätig war. Das war kein taktischer Schritt, sondern eine existenzielle Entscheidung. Aber ich hatte keine Ahnung, was auf mich zukommt.

SI: Was denn?
Steck: Ich bin 2017 davon ausgegangen, dass meine umfassende Kooperation im Sinne der Kronzeugenregelung zu einem Absehen von Strafe führen würde. So habe ich die damalige Situation verstanden. In der Folge habe ich bis einschließlich 2025 in zwölf Verfahren als Kronzeuge ausgesagt und dem Staat mein gesamtes Wissen zur Verfügung gestellt. Im Anschluss wurde ich selbst angeklagt. Offensichtlich gab es über Jahre hinweg unterschiedliche Vorstellungen darüber, wie die rechtlichen Konsequenzen meiner Kooperation zu bewerten sind. Ob das ein Missverständnis war, eine unterschiedliche juristische Auslegung oder schlicht eine Fehleinschätzung auf meiner Seite – das lasse ich hier unkommentiert. Es ist Teil der Geschichte. Fakt ist, ich habe meinen Beitrag zur Aufklärung geleistet. Der Rest ist entschieden. Ausschlaggebend ist für mich weniger die persönliche Bewertung, sondern die grundsätzliche Frage: Wenn man Insider zur umfassenden Kooperation bewegen will, braucht es einen klaren, transparenten und verlässlichen Rahmen – nur so entsteht Vertrauen auf beiden Seiten.

SI: Welche prinzipielle Kritik haben Sie an der Kronzeugenregelung in Deutschland?
Steck: Was ich heute, mit dem Abstand der Jahre, kritisch sehe, ist der institutionelle Umgang mit Kronzeugen in Deutschland. Wer umfassend auspackt, setzt sich enormen Risiken aus – wirtschaftlich, sozial und persönlich. In anderen Rechtsordnungen, insbesondere in den USA, sind Schutzmechanismen, Verlässlichkeit und vertragliche Absicherung deutlich stärker ausgeprägt. Dort wird der Wert von Insiderwissen systematisch anerkannt und geschützt. In Deutschland habe ich erlebt, dass der Staat mein Wissen genutzt hat, der Schutz und die strukturelle Absicherung jedoch nicht in vergleichbarer Weise institutionalisiert waren. Mit meiner heutigen Erfahrung würde ich sehr genau prüfen, unter welchen Rahmenbedingungen ich erneut kooperiere und wem ich vertraue. Wahrscheinlich würde ich eine andere Jurisdiktion wählen, nämlich die USA. Das ist keine Abrechnung, sondern eine nüchterne Analyse aus der Perspektive eines Beteiligten. Wenn man möchte, dass Insider künftig in Deutschland zur Aufklärung beitragen, muss man ihnen auch ein verlässliches System anbieten.

SI: Warum brauchte es überhaupt einen Kronzeugen?
Steck: Cum-Ex war kein gewöhnliches Delikt, sondern ein hochkomplexes, international organisiertes Finanzkonstrukt. Die Transaktionen liefen über mehrere Jurisdiktionen, Banken, Fonds und Verwahrstellen. Außenstehende Ermittler sehen zunächst nur Buchungen und Zahlungsströme. Um die innere Logik, die Rollenverteilung und die tatsächlichen Entscheidungswege zu verstehen, braucht man jemanden aus dem Maschinenraum; das bin ich. In solchen Verfahren sind Kronzeugen deshalb oft entscheidend, weil sie Strukturwissen liefern, also nicht nur einzelne Dokumente, sondern das Verständnis der Mechanik und der handelnden Personen. Ich konnte über Jahre hinweg erklären, wie die Modelle funktionierten, wer welche Rolle spielte und warum bestimmte Entscheidungen getroffen wurden. Das war für die Aufklärung zentral.

SI: Wie haben denn die Cum-Ex-Nutznießer, allen voran Großbanken, auf Ihre Kooperation mit der Staatsanwaltschaft reagiert? Haben Sie Drohungen erhalten?
Steck: Meine Kooperation wurde in Teilen der Finanzelite nicht als loyale Aufklärung, sondern als Verrat wahrgenommen. Das war mir bewusst. Wer aus einem geschlossenen System aussteigt und offen spricht, stellt Machtstrukturen bis in die Spitzenpolitik infrage. Ja, es gab erheblichen Druck, wirtschaftlich, sozial und auch persönlich. Konkrete Drohungen kommentiere ich nicht im Detail. Aber ich kann sagen: Die Zeit als Kronzeuge war keine geschützte Phase und gefährlich. Wer ein solches Netzwerk verlässt und belastet, muss wissen, dass er sich exponiert. Das gehört zur Realität, und genau deshalb braucht es verlässliche Schutzmechanismen für Menschen, die sich zur Aufklärung entscheiden. Dass ich noch lebe, ist ein Wunder oder pures Glück.

SI: Wie ging das Ganze finanziell für Sie aus?
Steck: Finanziell habe ich einen erheblichen Preis gezahlt. Mein früheres Vermögen ist verloren gegangen, hinzu kamen Honorare für Anwälte in Höhe von rund 10 Mio. EUR, Entschädigungszahlungen an den Staat und eine Bewährungsstrafe. Jüngst hat der deutsche Staat sogar meine Rente gepfändet. Wer in Deutschland Kronzeuge wird, führt kein bequemes Leben.

SI: Wie viele Mittäter wurden inzwischen bestraft?
Steck: In Deutschland gibt es in Sachen Cum-Ex rund 1.800 Beschuldigte. Seit über einem Jahrzehnt wird ermittelt, aber nur ein sehr kleiner Teil der Verfahren – etwa 2% – ist bislang rechtskräftig abgeschlossen. Das zeigt die enorme Dimension und Komplexität dieses Falls. Man muss nüchtern feststellen: Ein Rechtsstaat gerät bei Verfahren dieser Größenordnung an strukturelle Grenzen. Darüber wird öffentlich nur ungern gesprochen. Aber wenn man ehrlich analysiert, sieht man, wie überfordert Justiz und Verwaltung in einem solchen Megaverfahren sind. Das ist keine Anklage, sondern eine Realität, die man benennen muss. Allerdings hören die Politik und Justiz das nicht gerne, weil es die Frage nach Verantwortung aufwirft.

SI: Hat die Politik denn eine Verantwortung?
Steck: Ja, Politik trägt Verantwortung, nicht im strafrechtlichen Sinne – sondern im institutionellen. Gesetzgebung und Aufsicht sind staatliche Kernaufgaben. Wenn über Jahre hinweg Modelle möglich sind, die den Fiskus massiv schädigen, dann stellt sich zwangsläufig die Frage nach regulatorischer Weitsicht und politischer Kontrolle.

Ein zentrales Beispiel ist das Jahressteuergesetz 2007. Nachdem das Bundesfinanzministerium frühzeitig im Jahr 2001 auf Cum-Ex-Strukturen hingewiesen worden war, wurde erst 2007 ein Gesetz eingeführt, das maßgeblich auf Vorarbeiten des Bankenverbands beruhte. Die Folge war keine effektive Beendigung der Praxis, sondern eine Regelung, die in der Umsetzung sogar neue Ausweichmöglichkeiten eröffnete. Der Großteil des Schadens entstand erst nach dieser verunglückten gesetzlichen Intervention. Das wirft zumindest Fragen nach politischer Steuerung und Nähe zur Finanzindustrie auf.

SI: Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?
Steck: Ich meine hier vor allem die Rolle staatlicher Institute. So veröffentlichte die WestLB im April 2007 eine Ad-hoc-Mitteilung, wonach sie zeitweise über 14% der Daimler-Aktien hielt, ein Transaktionsvolumen in Milliardenhöhe. Diese Struktur wurde später als Cum-Ex-bezogen eingeordnet. Wenn Landesbanken in dieser Größenordnung agieren, stellt sich zwangsläufig die Frage nach Aufsicht, Governance und politischer Mitverantwortung. In den Kontrollgremien solcher Institute saßen politische Mandatsträger.

SI: Ihr Fazit?
Steck: Es geht mir nicht um Schuldzuweisungen im Einzelfall. Aber Cum-Ex ist eben nicht nur eine Geschichte von Banken und Beratern: Es ist auch eine Geschichte verspäteter Gesetzgebung, institutioneller Blindstellen und staatlicher Beteiligung über Landesbanken. Verantwortung heißt hier vor allem: Transparenz schaffen und aus diesen strukturellen Fehlern dauerhaft Konsequenzen ziehen. Das ist nur halbherzig geschehen.

SI: Herr Steck, haben Sie herzlichen Dank für Ihre offene und verständliche Darstellung der Cum-Ex-Thematik.

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