Friendly Reminder

Titelbild: grok.com

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Vorbote aus dem Fernen Osten?

Brot, Spiele und Raketen

Der Zeitpunkt könnte kaum besser gewählt sein. Während morgen in Mexiko-Stadt mit dem Eröffnungsspiel die Fußball-WM beginnt und die Welt für die nächsten 39 Tage gebannt auf den Ball blickt, drängt am Kapitalmarkt eine andere Inszenierung ins Rampenlicht: Übermorgen, am 12.6., geht SpaceX an die NASDAQ (Ticker: SPCX). Mit einem Emissionsvolumen von rund 75 Mrd. USD und einer angestrebten Bewertung von 1,75 Bio. USD wäre es der größte Börsengang der Geschichte. Das sind sportliche Dimensionen für ein Unternehmen, das im ersten Quartal 2026 rund 4,3 Mrd. USD Verlust schrieb (Gesamtjahr 2025: -4,9 Mrd. USD Verlust). Morningstar veranschlagt den fairen Wert auf etwa 780 Mrd. USD, also nicht einmal die Hälfte der angestrebten Bewertung. Michael „The Big Short” Burry vergleicht die laufende Welle von Börsengängen bereits mit dem Jahr 2000. Man muss kein Spielverderber sein, um die Choreografie zu erkennen: Wenn die größte Ablenkungsshow und das größte Börsenversprechen zusammenfallen, lohnt der Blick dorthin, wo sich die Realität langsam schon wieder Bahn bricht, etwa nach Seoul.

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Rekord-Index unter Druck

Der südkoreanische KOSPI stand seit Jahresanfang auf dem Siegertreppchen unseres Relative-Stärke-Universums (vgl. Substanz Investor 6/2026, S. 38), davon allein in den beiden letzten Monaten auf Platz 1. Fraglich, ob es dabei bleiben wird, denn die Risse zeigten sich über das Wochenende. Diesen Montag brach der Leitindex um -8,3% auf 7.484 Punkte ein und löste den neunten Circuit Breaker seiner Geschichte aus. Keine vier Minuten nach Handelsbeginn stand die Börse in Seoul still. Samsung und SK Hynix, die zusammen rund die Hälfte des Index ausmachen, fielen zweistellig. Der Won rutschte auf rund 1,560 je USD. Interessantes Detail am Rande: Die auf Pump gekauften Aktienpositionen der koreanischen Privatanleger hatten zuvor mit 37,74 Bio. Won einen Rekordstand erreicht. Während die Kurstafeln rot glühten, stand ausgerechnet Nvidia-Chef Jensen Huang an diesem Tag in Seoul vor den Kameras und verkündete neue Partnerschaften mit SK Hynix, Naver und LG. Ein Index, der mittlerweile zur Hälfte aus zwei Chipwerten besteht, bildet keinen breiten Markt ab, sondern eine gehebelte Wette auf eine einzige Erzählung. Genau das wurde Seoul zum Verhängnis. Der Einbruch war kein Betriebsunfall, sondern die verspätete Rechnung für eine Konzentration, die in der Euphorie als Stärke galt. Die Halbleiter-Hausse hatte Korea, Taiwan und die NASDAQ gleichermaßen nach oben getragen. Nun wirkte dieselbe Klumpenbildung in die Gegenrichtung.

Kein „Broad”, kein Com

Schon im Vorfeld des KOSPI-Crashs kam es zu einer Enttäuschung, die eigentlich gar keine war. Broadcom (WKN: A2JG9Z) meldete am 3.6. nach Börsenschluss einen Rekordumsatz und übertraf die Erwartungen – nur die Prognose für das KI-Chipgeschäft im laufenden Quartal blieb mit rund 16 Mrd. USD unter den erhofften 17,2 Mrd. USD, und die Jahresprognose hob der Konzern nicht an. Das genügte. Zwei Tage später, am 5.6., kippte der gesamte Halbleitersektor: Der Philadelphia-Halbleiterindex verlor zweistellig, Broadcom selbst rund 13%, und der NASDAQ Composite schloss mit -4,18% bei 25.709 Punkten – der schwächste Tag seit dem Zollschock im April 2025. Befeuert wurde der Ausverkauf von einem überraschend starken US-Arbeitsmarktbericht: 172.000 neue Stellen im Mai trieben die Anleiherenditen nach oben, und steigende Renditen sind Gift für Aktien, deren Bewertung von weit in der Zukunft liegenden Gewinnen lebt. 

Die Notenbank in der Zwickmühle

Heute Nachmittag um 14:30 Uhr richteten sich dann alle Augen auf die US-Verbraucherpreise für Mai. Im April war die Teuerung auf 3,8% gestiegen, der höchste Stand seit Mai 2023. Treiber waren vor allem die Energiepreise, welche infolge des Irankriegs um knapp +18% zulegten. Für Mai erwarten Volkswirte eine Inflationsrate von rund +4,2% gegenüber dem Vorjahr und ein Monatsplus von +0,5%, die Kernrate soll bei etwa +2,9% liegen. Heute um 14:30 Uhr trafen die Zahlen die Erwartungen praktisch punktgenau und der Markt holte erst einmal Luft. Die Erleichterung darüber, dass es nicht noch schlimmer gekommen ist, war mit Händen zu greifen, zumindest für den Moment. Für 2026 rechnet trotzdem kaum mehr jemand mit einer Zinssenkung; immer mehr Einzelstimmen halten sogar eine Erhöhung für denkbar. Damit ist auch der wahre Brandbeschleuniger des Tech-Ausverkaufs benannt. Nicht Broadcom allein hat die Kurse gedrückt, sondern die Aussicht auf anhaltend hohe Zinsen. Die Fed bleibt in der bekannten Zwickmühle, zumal die Inflation durch die Geopolitik der eigenen Regierung mit angeheizt wird.

Hormus meldet sich zurück

In der Nacht zum 7.6. feuerte der Iran erstmals seit der Waffenruhe vom April wieder Raketen auf Israel. Der Ölpreis sprang über 93 USD je Barrel, die Risikoprämie war zurück. Über die Lesart lässt sich streiten: Für die einen ist es eine kalkulierte Eskalation mit Blick auf die Straße von Hormus, für die anderen ein innenpolitisches Signal einer bedrängten Führung in Teheran. Für die Märkte zählt weniger das Motiv als die Mechanik, und die ist unbequem. Teurere Energie schiebt die Inflation in eine zweite Runde und fesselt die Notenbanken. Die wiederum schnüren den hoch bewerteten Wachstumswerten die Luft ab. Mit dem Abschuss eines US-Hubschraubers in dieser Woche eskalierte die Lage weiter. Der Iran scheint nun die Karten zu spielen, die den USA richtig weh tun. Vor den anstehenden Mega-Börsengängen, der 250-Jahr-Feier und den Zwischenwahlen im November braucht Präsident Trump dringend Erfolge, aber sicher keinen Börsencrash. Auch das dürfte erklären, warum er geradezu verzweifelt versucht, einen Deal unter Dach und Fach zu bekommen. Die Raketen über dem Nahen Osten und der Circuit Breaker in Seoul sind zwei Seiten derselben Medaille.

Die sicheren Häfen, die keine waren

Wer geglaubt hatte, im Sturm in die üblichen Zufluchtsorte fliehen zu können, wurde am 5.6. eines Besseren belehrt. An diesem „Red Friday“ fielen Gold, Silber und Bitcoin gemeinsam. Kein Fluchtimpuls also, sondern ein Liquiditätsereignis mit der Folge steigender Renditen, eines festeren US-Dollars und der Auflösung von „crowded trades”. Wer Verluste decken oder Nachschuss leisten muss, verkauft, was sich verkaufen lässt. Die Zahlen zeigen das Auseinanderlaufen. Silber notiert bei rund 64 USD je Feinunze und liegt im so fulminant gestarteten Jahr 2026 inzwischen mehr als 16% im Minus. Das weiße Metall ist diesmal auch die Titelgeschichte der Substanz Investor Juni-Ausgabe. Extreme Bewegungen gehören hier fast schon zum guten Ton. Dennoch fragen wir nach dem Rekord-Bullrun zum Jahresauftakt und der massiven Korrektur: „Wann zündet die zweite Stufe?” Je tiefer das weiße Metall in der Zwischenzeit fällt, desto überzeugender dürfte der nächste Aufwärtstrend werden, denn für diesen gibt es reichlich gute Argumente abseits der Tagesbewegungen.

Selbst Gold hat mit dem anhaltenden Kursrutsch die neutrale Zone nach unten verlassen. Das „Krisenmetall” fiel zuletzt mit dem Markt. Am deutlichsten trifft es das selbsternannte „digitale Gold“. Bitcoin notiert nur noch bei rund 61.000 USD und damit gut 50% unter seinem Oktoberhoch von rund 124.000 USD – ein Kursverlauf, der eher an ein gehebeltes Technologiepapier erinnert als an einen Wertspeicher. Selbst Strategy (WKN: 722713), größter börsennotierter Bitcoin-Hodler und jahrelanger Bannerträger einer kompromisslosen „Halten auf Biegen und Brechen”-Strategie, brach zuletzt mit dem „Never sell”-Dogma, wenn auch nur mit einem symbolischen Verkauf von 32 Coins zur Finanzierung der Vorzugsdividenden (vgl. Substanz Investor Weekly vom 3.6.2026):

Zu den Märkten

Vergleichsweise glimpflich kommt bislang der DAX davon. Wo es anderenorts zuletzt sturzbachartig nach unten ging, erfolgen die Kursverluste hier im Moment noch tröpfchenweise. Angesichts einer deutschen Wirtschaftslage, die nur als desolat bezeichnet werden kann, ist das durchaus bemerkenswert. Allerdings gilt es zwei wesentliche Punkte zu beachten: Zum einen sind im DAX40 stark internationalisierte Unternehmen vertreten. Nur Teile des Geschäfts sind noch von den sich rapide verschlechternden deutschen Standortbedingungen betroffen. Dazu kommt der deutsche Rückstand in der KI-Thematik, der sich ausnahmsweise sogar einmal positiv auswirkt. Während in den USA und Südkorea vor allem die Hightech-Schwergewichte gerade Luft ablassen, bleibt Deutschland davon verschont, weil es vergleichbare Unternehmen hier gar nicht gibt. Positiv ist das auf lange Sicht dennoch nicht, denn der deutsche Leitindex blieb auch von den vorangegangenen Kursgewinnen an der NASDAQ „verschont”. Per Saldo kam der DAX über mehr als ein Jahr nicht einen Cent voran.

Veranstaltungshinweis für Kurzentschlossene

Das legendäre Roland Baader Treffen findet am Samstag, den 13. Juni 2026 ab 13:00 Uhr auf dem Gelände des Radfahrvereins Kirrlach e. V., St. Leoner Straße, 68753 Waghäusel-Kirrlach statt. Das Treffen ist – wie immer – entspannt, offen, freiheitsliebend und erkenntnisreich. Geehrt wird zudem der diesjährige Roland Baader Preisträger Stefan Blankertz. Nähere Infos gibt es hier.

Musterdepots

In unserer Rubrik Musterdepot berichten wir diesmal über die Ausführung mehrerer Transaktionen im Aktien- und Fonds-Bereich. Unsere große Monatsübersicht für Mai inklusive des Tabellenteils finden Sie in der Ausgabe vom 27.5.2026. Im Musterdepotbereich können Sie sich durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die Transaktionen der letzten Wochen verschaffen. Um diesen Bereich zu lesen, müssen Sie Abonnent des Substanz Investor Magazins sein und sich auf der Substanz-Investor-Website einloggen. Sollten Sie Ihr Passwort vergessen haben, fordern Sie bitte ein neues an bei Mailto: abo@substanzinvestor.de.

Fazit

KOSPI und Broadcom haben diese Woche gezeigt, dass die schmalbandige Aktienrally auf löchrigem Fundament steht – ein friendly reminder.

Ralf Flierl, Ralph Malisch

 

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Die Charts wurden erstellt mit stock3 und Tai-Pan von Lenz+Partner. Diese Rubrik erscheint jeden Mittwochnachmittag.

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