Die Welle rollt weiter

Quelle: grok.com

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Renditen auf Mehrdekadenhochs und sogar der Strandkorb musste weg

Ungebrochener Abverkauf

„Zinstsunami“ haben wir unser „Großes Bild“ im neuen Substanz Investor 10/2026 überschrieben. Die Zahlen vom Redaktionsschluss sind bereits Makulatur. Die zehnjährige US-Rendite kletterte am Dienstag zeitweise auf 5,29%, so hoch wie seit 2007 nicht mehr, der 30-jährige Langläufer über 5,6%, den höchsten Stand seit 2002. Die großen US-Aktienindizes schlossen zwei Tage in Folge im Minus, die Bundesanleihe übersprang zeitweise 3,6%. Der Tsunami rollt, und das nicht nur in Amerika.

Auch Tokio wird von den Ausläufern getroffen. Die Bank of Japan hat ihren Leitzins auf 1,25% angehoben, die zehnjährige Rendite steht so hoch wie seit 1996 nicht mehr. Damit bröckelt das Fundament des Yen-Carry-Trades, den wir im Heft als „Gorilla im Nebel“ beschrieben hatten. Dessen Zerfall dürfte tatsächlich sogar eines der Epizentren des Abverkaufs sein. Es ist fast schon egal, was der Urgrund der Malaise am Anleihemarkt ist, das Ergebnis ist eine beschleunigte Abwärtsspirale bei langlaufenden Anleihen, die deren überwiegend institutionelle Halter in die Bredouille bringt. Erste Vermögensverwalter werben bereits für die Umkehrung: Ultralange Japan-Anleihen rentieren nach Währungsabsicherung höher als vergleichbare US-Papiere. Fließt japanisches Geld heim, fehlt es naturgemäß am amerikanischen Kapitalmarkt, also genau dort, wo Finanzminister Bessent jeden Käufer dringend braucht.

Die Notenbanken hinken der Entwicklung so auffällig hinterher wie selten zuvor. Erst im September hat die Fed erstmals seit 2023 den Leitsatz erhöht. Inzwischen hält der New Yorker Fed-Präsident John Williams einen weiteren Zinsschritt bis Jahresende für angemessen. Die heute veröffentlichten US-Inflationsdaten (PCE) für August fielen allerdings milder aus als befürchtet: Die Jahresrate verharrte bei 3,4%, die Kernrate bei 3,0% – erwartet worden waren 3,7% bzw. 3,3%. Einen guten Teil der Entlastung verdankt die Statistik allerdings der jährlichen Datenrevision, die auch die Vormonatswerte kräftig nach unten korrigierte. Die Märkte nahmen es dankbar auf: Die Renditen gaben etwas nach, der Dollar ebenfalls, und Gold sprang wieder über 4.200 USD. In Deutschland zeigt die Teuerung dagegen klar nach oben. Die Inflationsrate kletterte im September laut vorläufiger Schätzung des Statistischen Bundesamts von 2,9% auf 3,3%, getrieben von Energiepreisen, die um 14,9% über dem Vorjahr liegen. Die Kernrate verharrt bei 2,4%. Noch ist das vor allem ein Energieschock – aber einer, den der Ölpoker am Golf jederzeit verlängern kann.

Gleichzeitig, wird es für den Bund wird immer teurer: Der Finanzplan sieht nahezu eine Verdopplung der Zinsausgaben von 2027 bis 2030 auf rund 81 Mrd. EUR vor. Wie sich die Zinsentwicklung auf einen „mündelsicheren“ Langläufer des Bundes ausgewirkt hat, zeigen wir mit dem Beitrag „Zinstsunami“ im aktuellen Substanz Investor 10/2026. Leser dieses Newsletters können den kompletten Artikel bis zum Wochenende kostenfrei auf der Website des Substanz Investor lesen.

Auch die Unternehmensbilanzen der Immobiliengesellschaften werden vom Zinsanstieg stark in Mitleidenschaft gezogen. Die Aktien dieser Unternehmen bilden einen weiteren Schwerpunkt der neuen Ausgabe. Dabei beschäftigen wir uns mit einer unbestechlichen Mechanik, von der alle nach IFRS bilanzierenden Bestandshalter betroffen sind – und die wirkt bei steigendem Zins massiv gegen die Unternehmen.

Hormus-Poker 

Den Ölpreis bewegt der Poker um die Straße von Hormus im Tagestakt. Am Montag lehnte Trump Irans Angebot einer siebentägigen Waffenruhe ab, der Iran habe „überzogen“. Brent sprang auf über 107 USD. Am Dienstag verhandelten Vermittler bereits über eine Neufassung, zugleich exportieren die Golfstaaten wieder deutlich mehr, und Brent fiel auf rund 102 USD. Teheran nennt die Öffnung der Meerenge weiterhin „bedingt“. Seit Jahresbeginn liegt der Ölpreis dennoch rund 75% im Plus. Und während diese dunklen Wolken über der Weltwirtschaft hängen, gibt es natürlich auch Profiteure der Dauerkrise. Im neuen Substanz Investor stellen wir mit den kanadischen Ölsandförderern gleich eine ganze Branche vor, die fernab persischer oder arabischer Meerengen floriert. Ein besonderer Leckerbissen ist ein Einzelwert aus dem Ölservice-Bereich, den viele noch unter seinem alten Namen kennen dürften.

Strandkorb vs. „Vulgärdemokratie“

Seit dem 22.9. zeigt das ZDF die zweite Staffel der Dokumentation „Inside CDU“. Einer der Hauptdarsteller ist Philipp Amthor, seit Ende Juli Staatsminister im Kanzleramt, im Dienstwagen, vor den Porträts früherer Kanzler, unterlegt mit klassischer Musik. Den Höhepunkt liefert ein Strandkorb von Usedom auf dem Balkon des Kanzleramts. „Das sieht doch super aus“, kommentiert Amthor. Bezahlt hat er ihn privat, nach heftiger Kritik reist der Korb nun aber doch zurück in die Heimat. Dort, in Mecklenburg-Vorpommern, war die CDU gerade zum ersten Mal überhaupt aus einem Landtag geflogen. Den Landesvorsitz übernahm kommissarisch, richtig, Amthor. Die Strandkorbepisode war nicht nur eine der skurrileren Episoden über unser politisches Personal; sie war symptomatisch für eine Partei, die nicht nur ihren Kompass verloren hat, sondern regelrecht aus dem Tritt geraten ist. Angesichts der größten, teils durch die Politik selbst verschuldeten Krise des Landes lassen einen solche Sendungen mit einem Gefühl der Beklemmung zurück. Was hängen bleibt, ist allerdings weniger, dass es die CDU nicht mehr kann, sondern eine tiefe Skepsis gegenüber dem hiesigen Typus des Berufspolitikers an sich. Das ist bitter und das Thema lag schon vor der ZDF-Doku in der Luft. Nicht umsonst hatten wir die Titelgeschichte des neuen Hefts der Demokratie und ihren aktuellen Wirrungen gewidmet. Jammern über den Status Quo ist leicht, wir präsentieren im neuen Substanz Investor einen interessanten Vorschlag zur Wiederbelegung der Demokratie im Sinne der Väter des Grundgesetzes; für den amtierenden Bundespräsidenten wäre das wohl „Vulgärdemokratie“.

Warnhinweis als Verkaufsargument

Unter der Frage „‚Sorge als Marketinginstrument?“ haben wir im neuen Substanz Investor den geplanten Börsengang von Anthropic beleuchtet. Seit Montag sind Details des noch unveröffentlichten Prospekts bekannt. Der Umsatz hat sich 2025 auf knapp 4,6 Mrd. USD verzwölffacht, der Nettoverlust von 42 Mrd. USD geht überwiegend auf Buchungseffekte zurück. Operativ blieben gut 8 Mrd. USD Verlust, im zweiten Quartal 2026 lag der Umsatz aber bereits bei 11,5 Mrd. USD. Rund 80 der 261 Seiten sind Risiken gewidmet, bis hin zu „katastrophalen oder existenziellen“ Gefahren für die Menschheit. Michael Burry hatten wir im Heft mit der passenden Deutung zitiert: Börsengänge bräuchten Hype, und wer vor der eigenen Gefährlichkeit warne, mache Werbung.

Die Konkurrenz liefert das Anschauungsmaterial. OpenAI hat seine stärksten Modelle zum zweiten Mal binnen drei Monaten stillgelegt, nachdem ein Agent aus seiner Testumgebung ausgebrochen war. Die Chipwerte gaben kräftig nach, erholten sich aber wieder. Trump setzt übrigens auf Selbstverpflichtung statt Regulierung. Aufschlussreicher als jede Risikowarnung ist eine nüchterne Zahl: Anthropic hat sich zu Ausgaben von 518 Mrd. USD für Rechenleistung und Infrastruktur verpflichtet, aber das Unternehmen hatte Ende 2025 nur gut 20 Mrd. USD in der Kasse und knapp ein Viertel des Umsatzes stammt von gerade einmal zwei (!) Kunden. Die Lücke soll ein Börsengang bei mehr als 2 Bio. USD Bewertung schließen, frühestens nach den US-Zwischenwahlen im November.

Bemerkenswert ist, wer das Anleihenblutbad bislang gelassen nimmt: die Magnificent Seven. Monatelang hielten Anleger den Tech-Riesen ihre ausufernden KI-Ausgaben vor, vergangene Woche markierten sie dennoch Rekordhochs. Im September liefen sie deutlich besser als der S&P 500, angeführt von Meta. Zuvor waren ihre Bewertungskennzahlen – nicht die Kurse – auf historische Tiefs gefallen, nun gelten Bilanzen und Cashflows der Giganten plötzlich als „sichere Häfen“. Die Erklärung ist schlicht: Wer die KI-Rechnung aus dem eigenen Cashflow bezahlt, braucht den Kapitalmarkt nicht. Wer 518 Mrd. USD an Verpflichtungen hat, schon – und zwar bei Zinsen von über 5%.

Zu den Märkten

Minenaktien sind der Hebel auf den Goldpreis, und dieser Hebel wirkt in beide Richtungen. Von Ende Juli bis Mitte September legte der VanEck Gold Miners ETF (GDX) um fast ein Drittel zu, dann scheiterte er an seinen Widerständen. Am Montag folgte der Rückschlag: Der GDX verlor 5,4%, Gold gut 3%, Silber 4,5% auf den tiefsten Stand seit dem Frühsommer. Gold rutschte dabei unter die 200-Tage-Linie, für den September steht ein Minus von knapp 6% auf der Uhr. Vom Januarhoch bei rund 5.600 USD ist die Feinunze inzwischen rund 1.400 USD entfernt.

Am härtesten traf es Gold Fields (WKN: 856777; akt. Kurs:  31,90 EUR) mit einem Minus von fast 13%. Ein hausgemachter Grund verstärkte hier allerdings die Abwärtsbewegung: Northern Star lehnte ein Übernahmeangebot über 38,7 Mrd. AUD als „höchst opportunistisch“ ab, zumal der Kaufpreis überwiegend in Gold-Fields-Aktien beglichen werden sollte. Das Signal bleibt: Die Großen wollen Unzen kaufen, statt sie zu suchen. Wer den Rücksetzer nutzen will, findet im neuen Substanz Investor eine Auswahl interessanter Titel – von unseren Musterdepotwerten Agnico Eagle (WKN: 860325; akt. Kurs: 163,50 EUR) und Wheaton Precious Metals (WKN: A2DRBP; akt. Kurs: 120,25 EUR) bis zu Produzenten mit Growth-Appeal.

Herbstzeit, Messezeit

Am 17.10. findet im Hotel Bayerischer Hof in München zum 14. Mal die Jahreskonferenz des Ludwig von Mises Instituts Deutschland statt. Leitthema ist der „Kulturkampf um den Westen“. Wie heftig dieser inzwischen tobt, weiß der Veranstalter aus eigener Erfahrung. Schon zum zweiten Mal nahm die Münchner „Abendzeitung“ die Konferenz ins Visier – diesmal mit dem zweifelhaften Erfolg, dass sich das Institut für das nächste Jahr einen neuen Veranstaltungsort suchen muss. Einen ausführlichen Bericht zu diesem Vorgang finden Sie im neuen Substanz Investor 10/2026. Für dieses Jahr bleibt alles noch einmal beim Alten. Hochkarätige Referenten wie Prof. Philipp Bagus und Prof. Thorsten Polleit schärfen den Blick des Publikums für die höchst realen Angriffe auf die Freiheit. Nähere Informationen finden Sie auf der Website des Instituts oder im Substanz Investor 9/2026 auf S. 19.

Etwas mehr Zeit bleibt bis zur Deutschen Goldmesse, die am 13. und 14.11. im The Westin Grand in Frankfurt stattfindet. Unter den Rednern sind der Edelmetallveteran Alasdair Macleod und Col. Douglas Macgregor. Der pensionierte Militär hat sich mit seinen geostrategischen Analysen und Einschätzungen eine große Fangemeinde erarbeitet. Zu den Vortragenden gehört auch Björn Paffrath, Herausgeber des „Der Rohstoff-König“-Anlegerbriefs und Kolumnist des Substanz Investor. Ein besonderes Highlight sind die aktuell rund 40 Minen- und Explorationsgesellschaften, die im Rahmen der Messe ausstellen. Hier gibt es nicht nur die Gelegenheit, sich mit anderen Investoren auszutauschen, sondern auch 1:1-Meetings mit Vertretern der Gesellschaften. Wer mehr wissen will, findet schon jetzt alle relevanten Infos auf der Seite der Deutschen Goldmesse, auf der auch die Möglichkeit zur kostenlosen Registrierung besteht.

Musterdepots

In unserer Rubrik Musterdepot finden Sie heute Updates zu unseren Musterdepotwerten und die Übersicht für September zu unserem Fondsmusterdepot inklusive Tabelle. Die Septemberdaten zum Aktienmusterdepot sind in der Ausgabe vom 23.9. erschienen und auf unserer Website abrufbar Um diesen Bereich zu lesen, müssen Sie Abonnent des Substanz Investor Magazins sein und sich auf der Substanz-Investor-Website einloggen. Sollten Sie Ihr Passwort vergessen haben, fordern Sie bitte ein neues an bei Mailto: abo@substanzinvestor.de.

Fazit

Die Anleihemärkte haben das Kommando übernommen, von Washington über Frankfurt bis Tokio. Erstaunlich, wie gelassen die Aktienmärkte bislang auf die rapide Verteuerung zweier zentraler volkswirtschaftlicher Preise reagieren – des Langfristzinses und des Ölpreises.

Ralf Flierl, Ralph Malisch

 

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Die Charts wurden erstellt mit stock3 und Tai-Pan von Lenz+Partner. Diese Rubrik erscheint jeden Mittwochnachmittag.

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