Politik & Gesellschaft
Endzeitfanatiker wollen den Weltenlauf gestalten, wie es in ihren Schriften steht …
Verhandlungserfolg in Griffweite
Am 27.2. dieses Jahres meldete der als Vermittler agierende omanische Außenminister Badr Albusaidi einen deutlichen Verhandlungserfolg zwischen den Abgesandten der USA und des Irans, welche sich in einem Hotel im Schweizer Genf trafen. Albusaidi sprach im Anschluss an die Unterredungen zwischen den beiden Parteien, bei denen es vornehmlich um das iranische Atomprogramm ging, von „beispiellosen Fortschritten“ („unprecedented progress“) und sogar von einem „Frieden in Reichweite“ („peace within reach“). Die iranischen Vertreter sagten dabei zu, kein nukleares Material für eine Atombombe anzuhäufen („never stockpile enriched uranium for a bomb“). Die vertraglichen Ausarbeitungen dazu sollten in der darauffolgenden Woche in der österreichischen Hauptstadt Wien geschehen. Doch dazu kam es nicht mehr.
Epic Fury
Denn am Morgen des nächsten Tages (28.2.) erfolgte eine großangelegte, koordinierte Militäroperation („Epic Fury“) der israelischen und amerikanischen Streitkräfte, welche mit Hunderten von Luftschlägen vor allem via Marschflugkörpern, u.a. Tomahawk-Raketen, von US-Schiffen durchgeführt wurde. Dabei wurden v.a. militärische Einrichtungen (Raketen- und Luftabwehrsysteme), aber auch Regierungsgebäude (u.a. Verteidigungsministerium und Präsidentenpalast) sowie der Wohn- und Amtssitz des obersten schiitischen Führers Ayatollah Ali Khamenei in Teheran angeriffen. Letzterer sowie einige weitere Politiker und oberste Militärs wurden dabei getötet.
Ist Frieden unerwünscht?
Warum all das, wenn der Frieden doch so nah war? Diese Frage lässt sich kaum logisch beantworten, wenn man unterstellt, dass die gegenüberstehenden Parteien wirklich eine Einigung im Sinn hatten. Viel eher würde ein Schuh daraus, wenn die Angreifer von vorneherein gar nicht vorhatten, ein Friedensabkommen zu schließen, sondern womöglich die gegnerische iranische Seite nur in Sicherheit wiegen wollten, um dann den heimtückischen „Enthauptungsschlag“ erfolgreich durchführen zu können.
Double Tap
Zudem war eines der ersten Angriffsziele eine iranische Mädchenschule, wobei etwa 160 Menschen zu Tode gekommen sind. Vermutlich handelte es sich bei dem Anschlag um einen „double tap“, was man sich so vorstellen muss: Nach dem ersten Raketeneinschlag sind viele Sanitäter, Helfer und Angehörige vor Ort, um sich um die Verletzten zu kümmern oder die Toten zu betrauern. Etwa eine halbe bis eine ganze Stunde später erfolgt dann ein zweiter Raketeneinschlag an der exakt selben Stelle, mit der Folge, dass die Sanitäter und Angehörigen zu den nächsten Opfern werden. Ein solches Vorgehen wurde vielfach auch aus Gaza berichtet und ist geeignet, um eine extreme Wut, Rachegelüste und Verzweiflung in der Bevölkerung zu erzeugen.
Religious War
Beim Versuch, dieses widersprüchliche Verhalten Israels und der USA zu ergründen, landet man zwangsläufig bei einem Thema, welches bereits vor acht Monaten, nämlich im SI 7/2025, unter dem Titel „Konflikt im Nahen Osten: Armageddon voraus?“ beschrieben wurde. Die Rede ist von messianischen Endzeitsekten, welche seit vielen Jahrzehnten – manche sprechen gar von Jahrhunderten – auf den jetzigen Moment hinarbeiten und sogar hinfiebern. Der reichweitenstärkste US-Polit-YouTuber Tucker Carlson brachte in den ersten Märztagen zu diesem Thema einen viel beachteten Podcast mit dem Titel „Religious War“, in welchem er diese messianischen Umtriebe behandelte.
Endzeitfanatiker
Solche Endzeitgruppierungen gibt es in jeder der drei abrahamitischen Religionen. Im Islam, insbesondere im schiitischen Zweig (der im Iran vorherrscht), wird eine messianische Erlösergestalt namens „Zwölfter Mahdi“ erwartet, die am Ende der Zeiten erscheinen soll. Auch im fundamentalen Christentum, in welchem die Bibel wortgetreu ausgelegt wird, wird eine Endzeit herbeigesehnt. Insbesondere in den USA bezeichnen sich viele Gläubige als „christliche Zionisten“ – eigentlich ein Widerspruch, da der christliche Messias schon vor 2.000 Jahren auf der Welt war, der jüdische Messias aber erst noch kommen soll. Ein namhafter Vertreter dieser Gruppierung ist z.B. der US-Kriegsminister Pete Hegseth, welcher auf seiner Brust in großen Lettern den Schlachtruf „Deus vult“ („Gott will es“) der ersten Kreuzritter (1095 bis 1099) trägt. Aber auch Paula White, die als persönliche Pastorin von Donald Trump gilt, zählt sich zu den christlichen Zionisten.
Chabad Lubawitsch
Bereits im Artikel in SI 7/2025 wurde dargelegt, dass es innerhalb des Judentums vor allem eine mächtige und einflussreiche Strömung gibt, die sehr aktiv und „gestalterisch“ auf das Kommen des jüdischen Messias hinarbeitet. Diese wird als „Chabad“ oder auch als „Chabad Lubawitsch“ bezeichnet. Im Gegensatz dazu nehmen die zuvor erwähnten islamischen oder fundamental-christlichen Endzeit-apologeten eher eine passive bzw. „erwartende“ Haltung ein.
Jared Kushner
Übrigens ist Jared Kushner, der Schwiegersohn von Donald Trump, ein Mitglied dieser Lubawitscher Sekte. Bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist, dass Kuschner bei den eingangs erwähnten Genfer Verhandlungen für die US-Seite anwesend war, welche im Nachhinein nur als Show bzw. Einlullungstaktik gesehen werden können. Und schließlich hatte Donald Trump neben Außenminister Marco Rubio und dem Sonderbeauftragten Steve Witkoff auch seinen Schwiegersohn öffentlich als Haupteinflüsterer benannt, welche ihn vom Kriegseintritt der USA gegen den Iran – und entgegen vielen Fachleuten wie dem US-Anti-Terror-Chef Joe Kent – überzeugt hatten. Wohlgemerkt: Kuschner ist zwar Trumps Schwiegersohn, hat jedoch keinerlei offizielle Funktion.
Bibi erwartet den Messias
Aber auch der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu (Spitzname „Bibi“) bewegt sich klar im Dunstkreis von Chabad Lubawitsch. So wurde Bibi von Rabbi Schneerson, der inzwischen verstorbenen Chabad-Galionsfigur, bereits 1996 auf Vorbereitungen für das Kommen des Messias eingeschworen. Und Netanjahu verwendet auch heute bisweilen messianische Formulierungen: So verkündete er etwas kryptisch in einer Videobotschaft am 12.3., zwei Wochen nach Kriegsbeginn, dass „wir [Israel] es bis zur Rückkehr des Messias schaffen, aber das wird nicht bis nächsten Donnerstag passieren“.
Laut Altem Testament geht dem Kommen des Messias eine Endzeitschlacht voraus, die als „Armageddon“ auch Einzug in unseren Sprachgebrauch gefunden hat. Im Zuge dieser soll der gesamte Nahe Osten in ein einziges Flammenmeer verwandelt werden. Selbst Israel soll dabei massiven Schaden nehmen. Ist das nicht genau das, was wir gerade erleben? Schließlich muss gemäß der Talmudischen Lehre noch die islamische Al-Aksa-Moschee auf dem Jerusalemer Tempelberg zerstört werden, woraufhin der jüdische dritte Tempel dort errichtet wird; erst dann kann der Messias kommen. Bis dahin soll der Staat Israel in seiner regionalen Dimension stark zunehmen. Libanon, Syrien, Irak, Jordanien, aber auch Teile von Ägypten und Saudi-Arabien sollen dann ein „Erez Israel“ („Groß-Israel“) ergeben. Diesbezügliche militärische Schläge – zumindest, was die ersten drei genannten Länder betrifft –, sind bereits zu beobachten.

Edom muss fallen
Armageddon bzw. die Endzeit soll aber auch Auswirkungen auf die restliche Welt haben. „Edom muss fallen“, so werden einige jüdische Schriftgelehrte zitiert. Dabei steht Edom im engeren Sinne für das Römische Reich zur Zeit der Niederschrift der Bibel, im weiteren und heutigen Kontext jedoch für den gesamten – aus Sicht von Chabad „verkommenen“ – Westen, also für Europa und die USA. Der messianische US-jüdische Autor Jonathan Cahn verfasste bereits im Jahre 2011 seinen Roman „The Harbinger“ (zu Deutsch: „Der Vorbote“), in welchem er sich auf biblische Analogien beruft und den Niedergang Amerikas vorhersagt, weil es sich von Gott abgewandt hat.
Fatale Auswirkungen
Schon jetzt lässt sich absehen, dass der tobende Nahostkrieg zu massiven Auswirkungen auf die Öl- und Gasversorgung Europas und Asiens führen wird. Viele Anlagen zur Förderung und Verarbeitung sind zerstört, sodass auf Sicht von Monaten, wenn nicht Jahren nur eingeschränkt mit Lieferungen aus dieser Region zu rechnen sein wird. Eine Weltwirtschaftskrise gepaart mit hoher Inflation ist daher wahrscheinlich (siehe hierzu „Das große Bild“ ab S. 30). Auch Vorprodukte für die Düngemittelherstellung können nur noch unzureichend geliefert werden, weshalb im Laufe des Jahres mit deutlichen Rückgängen bei der weltweiten Nahrungsmittelproduktion zu rechnen ist. Hungerkatastrophen mindestens in den ärmeren Ländern dürften damit vorprogrammiert sein.
Selbst Terroranschläge radikaler Islamisten in westlichen Metropolen werden inzwischen bei Sicherheitskräften und in den Medien diskutiert. Vor diesem Hintergrund ist zu beachten, dass US-Präsident Donald Trump in diesem Jahr die Midterm-Wahlen im November sowie die 250-Jahre-Feier der USA („Semiquincentennial“) im Juli vor sich hat, bei denen er jeweils Pluspunkte für sich sammeln will – was in Anbetracht des Kriegsverlaufs in Nahost immer schwieriger werden dürfte. Ist Trump und damit die USA am Ende nur ein willfähriger Erfüllungsgehilfe für Wahnsinnige mit Endzeitfantasien?
Fazit
Als aufgeklärter Europäer tut man sich natürlich schwer mit solchen religiösen Vorstellungen, wie sie hier dargelegt wurden. Fakt aber ist, dass es erstens solche Ideen gibt, und dass zweitens deren Vertreter den Zugang zu wichtigen Entscheidungsträgern wie Donald Trump oder Benjamin Netanjahu haben. Inwieweit die hier wiedergegebenen Prophezeiungen tatsächlich eintreten werden, bleibt abzuwarten.


