Über Niedergang, Wohlstand und Einmischung
Niedergang in der BreiteSo viele Firmenpleiten wie seit 21 Jahren nicht: Das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) meldet für das zweite Quartal 2026 fast 5.000 Insolvenzen. Besonders leiden im Juni die Regionen Nordrhein-Westfalen und Hessen. Rund 45.500 Arbeitsplätze sind betroffen – mehr als im bisherigen Rekordjahr 2005. Allein in den größten 10% der insolventen Unternehmen verloren im Juni über 14.000 Beschäftigte ihren Job, ein Anstieg von 26% gegenüber dem Vormonat.
Erschreckend ist, wie weit der wirtschaftliche Niedergang inzwischen reicht. Nicht mehr nur bei DAX-Schwergewichten wie Volkswagen (WKN: 766403, siehe Weekly-Analyse vom 24.6.26) wird von Arbeitsplatzabbau und Werksschließungen gesprochen. In fast allen großen Branchen – Bau, Immobilien, Handel, Gastgewerbe, Dienstleistungen – herrscht Krisenstimmung. Der Frankfurter Marktbeobachter Ilker Akkaya sagt zu Substanz Investor Weekly: „Deutschland erlebt derzeit nicht einfach nur eine normale Marktbereinigung. Die Dimension und die Breite der Unternehmensinsolvenzen sind ein Warnsignal für den Wirtschaftsstandort. Es braucht jetzt keinen weiteren Krisengipfel, sondern einen Wachstumsplan: weniger Bürokratie, niedrigere Energie- und Steuerlasten sowie verlässliche Rahmenbedingungen für Investitionen.“
Patrik-Ludwig Hantzsch, Leiter der Creditreform Wirtschaftsforschung, sieht das Land in einer strukturellen Krise. Gegenüber Substanz Investor Weekly erklärt er: „Der Insolvenzhöhepunkt ist noch nicht erreicht. Eine Stabilisierung ist frühestens 2027 zu erwarten.“ Das Münchner Ifo-Institut kritisiert die steigenden Staatsausgaben. 2019 lagen sie im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung bei 45%, mittlerweile liegen sie bei 49%. Trotz Reformbemühungen der Regierung steigen die Steuerlasten bei Unternehmen und Bürgern, um die Ausgaben zu finanzieren. Ausweichreaktionen und schwächeres Wachstum sind die Folge. Vom Bundestag, der Vertretung des Volkes, ist vorerst keine Hilfe zu erwarten. Die Parlamentarier haben sich bis zum 7. September in die parlamentarische Sommerpause verabschiedet.
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46 Quellen des Wohlstands
Es waren nur 46 Aktien, die in den letzten 100 Jahren Wohlstand schufen. Dagegen hat mehr als die Hälfte der US-Aktien die Anleger nur Geld und Nerven gekostet. Das ist der nüchterne Befund über den Aktienmarkt, den aufgeklärte Anleger kennen sollten. Eine neue US-Studie enthüllt sie: 30.000 Aktien wurden über den Zeitraum 1926 bis 2025 ausgewertet. Lediglich 27 Prozent der Aktien schlugen den breiten Markt, nur 41 Prozent übertrafen US-Staatsanleihen.
Immerhin: Wer auf den Gesamtmarkt setzte, heutzutage beispielsweise über einen Indexfonds, der konnte aus einem angelegten Dollar von 1926 bis 2025 rund 15.000 USD machen. Verantwortlich für den Vermögensgewinn sind allerdings nur 1082 Unternehmen, und die Hälfte der Wertschöpfung entfällt eben auf gerade einmal 46 Firmen. Angeführt wird die Gewinnerliste von Apple (WKN: 865985) und Nvidia (WKN: 918422).
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10 Jahre Hayek-Club Weimar
Der Hayek-Club Weimar feiert sein zehnjähriges Bestehen und lädt am 15. August 2026 zu einer Tagung, die das Beste der Österreichischen Schule versammelt. Unter dem Titel „Zurück zur Vernunft: Mit der Österreichischen Schule gegen Planwirtschaft und Interventionismus“ sprechen unter anderem Gerd Habermann über die lebensfreundliche Botschaft der Austrians, Markus Krall über die metaphysischen Grundlagen der Freiheit und Thorsten Polleit über Kant und den Libertarismus. Wer fundierte Argumente und klare Gedanken schätzt, wird an diesem Tag auf seine Kosten kommen. Dazu gibt es reichlich Gelegenheit zum Austausch mit Gleichgesinnten in entspannter, sommerlicher Atmosphäre.
Karten und Anmeldung: hayek.club.weimar@mail.de
Zwei Erfolgsmuster sind zu erkennen: Langlebige Konsumwerte wie Altria (WKN: 200417) erzielten über Jahrzehnte moderate, aber verlässliche Renditen von rund 13% jährlich. Wachstumswerte wie Nvidia liefern extreme Jahresrenditen von bis zu 37%. Sie werden aber erkauft mit teilweise heftigen Kurseinbrüchen von zeitweise über 40%. Das müssen Nerven und Depot aushalten.
Da sich Gewinner vorab nicht bestimmen lassen, legt die Studie des Ökonomen Hendrik Bessembinder nahe, zu einem breit gestreuten Welt-ETF zu greifen, der nahezu den gesamten Markt abdeckt. Das dürften in etwa 9.000 Aktien aus 47 Ländern sein. Anleger müssen die Champions der Zukunft dann nicht erraten, sondern besitzen sie automatisch. Allerdings, auch das gehört dazu, schleppen sie so auch eine Menge von Minderleistern durch die Anlagejahre. Interessenten können sich unter anderem den Welt-ETF SPDR MSCI ACWI IMI (WKN: A1JJTD) ansehen.

Staatliche Einmischung
Das Weiße Haus hat Intels Sanierung zu seinem Lieblingsprojekt gemacht. Die US-Regierung ist inzwischen mit 10% größter Anteilseigner von Intel (WKN: 855681) und drängt inzwischen auch Apple, Nvidia und SpaceX (WKN: A42D4F) zu Verträgen mit dem Chiphersteller. Unter Intel-CEO Lip-Bu Tan hat sich die Intel-Aktie seit März 2025 mehr als vervierfacht, während Tan monatlich mit Handelsminister Howard Lutnick über Kundenbeziehungen und Geschäftszahlen spricht.
Kritiker warnen jedoch vor staatlichem Einfluss (siehe auch „Das Garagenmärchen“ im aktuellen Substanz Investor 7/26). Weder weiß der Staat besser als der Markt, welche Produkte zu welchem Preis Konsumenten brauchen, noch ist der Staat stärker als der Markt. Sollte Intel seine Probleme in der Auftragsfertigung nicht in den Griff bekommen, wird der Aktienkurs unter die Räder kommen. Nach dem beispiellosen Höhenflug sind die letzten acht Handelstage mit einem schnellen Kursverlust von 20% eine Warnung. Intels Auftragsfertigung, der große Hoffnungsträger des Konzerns, verzeichnet mittlerweile in vier Folgequartalen operative Verluste von 10 Mrd. USD.
Um die Tücken staatlicher Beteiligung zu sehen, brauchen deutsche Anleger nicht in die Ferne zu schweifen. An Volkswagen hält das Land Niedersachsen seit Jahrzehnten 20% der Stimmrechte. Die Debatte über politischen Einfluss auf Konzernentscheidungen in Wolfsburg reißt bis heute nicht ab. Erst kürzlich bremste der Aufsichtsrat, in dem Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies sitzt, Vorstandsüberlegungen zur Schließung der Werke Hannover, Zwickau und Emden sowie des Audi-Standorts Neckarsulm, obwohl der Konzern weltweit laut Medienberichten bis zu 100.000 der rund 657.000 Stellen streichen will. Im selben Zeitraum fiel die VW-Vorzugsaktie auf ein Zehnjahrestief von rund 70 EUR. Der Kursverfall zeigt, wie teuer politisch bedingter Reformstau für Investoren werden kann. Immerhin: Investoren können verkaufen, wenn sie staatliche Einmischung als das Problem und nicht als dessen Lösung begreifen. Den Bürgern des Landes und erst recht den Arbeitnehmern steht eine solche Lösung nicht zur Verfügung. Ihnen bleibt nur das Problem.

Zu den Märkten
Wir wiederholen uns — und tun es bewusst. Schon vergangene Woche mahnten wir zur Vorsicht, und die Ereignisse der letzten Tage bestärken uns darin. Der DAX kletterte Anfang Juli auf ein Allzeithoch nahe 25.900 Punkten, ehe unmittelbar Gewinnmitnahmen einsetzten. Seither pendelt der Index um die 25.000er Marke und schloss am Dienstag bei 25.147 Zählern, wobei zwischen Tageshoch und -tief über 300 Punkte lagen. Für uns trägt dieses Bild die Handschrift einer Top-Bildung: Ein Rekordhoch, das binnen Tagen abverkauft wird, gefolgt von nervösem Hin und Her — Stärke sieht anders aus.
Für den eigentlichen Zündstoff sorgt Washington. Binnen einer Woche hat Donald Trump vorgeführt, wie wenig eine Vereinbarung wert sein kann: Drei Nächte in Folge griffen US-Streitkräfte iranische Ziele an, während der Präsident einen Deal weiterhin für möglich erklärte — den Juni-Vertrag bezeichnete er nachträglich als bloßen „Test“. Das Tempo der Kehrtwenden erreichte am Wochenanfang seinen vorläufigen Höhepunkt: Am Montag verkündete Trump, die USA träten künftig als „Beschützer der Straße von Hormus“ auf und erhöben 20% Gebühr auf sämtliche Ladungen. Am Dienstag war die Idee wieder vom Tisch, nach „sehr produktiven“ Gesprächen mit den Führern der Region, die stattdessen „GEWALTIGE“ Investitionen in Amerika versprachen. Längst nimmt der Ölmarkt solche Volten nicht mehr gelassen: Brent kletterte auf über 85 USD je Barrel und notierte zeitweise oberhalb von 87 USD — Anfang Juli lag die Nordseesorte noch bei gut 70 USD. Die Kriegsprämie ist zurück, kaum dass wir sie verpuffen sahen. Von einem ruhigen Sommer kann keine Rede mehr sein.
Musterdepots
In unserer Rubrik Musterdepot berichten wir über einen Verkauf und eine Short-Spekulation. Die große Übersichtstabelle für den Juni finden Sie in Ausgabe 26/2026 dieses Newsletters. Im Musterdepotbereich können Sie sich durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die Transaktionen der letzten Wochen verschaffen. Um diesen Bereich zu lesen, müssen Sie Abonnent des Substanz Investor Magazins sein und sich auf der Substanz-Investor-Website einloggen. Sollten Sie Ihr Passwort vergessen haben, fordern Sie bitte ein neues an bei Mailto: abo@substanzinvestor.de.
Fazit
Was verbindet eine Rekord-Insolvenzwelle, 46 Gewinneraktien und einen Staat, der Chipkonzerne dirigiert? Die Antwort ist unbequem: In allen drei Fällen zahlt am Ende jemand die Rechnung, der sie nicht bestellt hat.
Ralf Flierl, Frank Sauerland, Peter Seufert-Heyne


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Die Charts wurden erstellt mit stock3 und Tai-Pan von Lenz+Partner. Diese Rubrik erscheint jeden Mittwochnachmittag.



