Gewinne von der Seitenlinie
Welt ohne Arbeit
Microsoft (WKN: 870747) bietet jetzt rund 60.000 Mitarbeitern Abfindungen an. Dem Konzern geht nicht etwa die Arbeit aus. Sie wird nur zunehmend von anderen erledigt, genauer gesagt von KI-Agenten. Wie früher die Erfindung des mechanischen Webstuhls den Webern das Auskommen nahm, so beginnt heute Künstliche Intelligenz (KI) die Jobs der Hochqualifizierten zu schlucken.

Die Weber verarmten. In Schlesien probierten sie 1844 den Aufstand. Wird morgen KI in Roboter und Fahrzeuge gepflanzt, sind auch Tätigkeiten in Logistik und Montage bedroht. Sie sind dann zwar nicht weg, aber es erledigt sie jemand anders. Jemand, der nicht essen und schlafen muss, und der schon gar nicht streiken will. Mit einem Kännchen Öl ist er zufrieden und ein gelegentliches Update macht ihn glücklich. Falls der Algorithmus ihm hochgezogene Mundwinkel erlaubt.
Die Webseite „layoffhedge“ zählt für dieses Jahr bislang gut 712.000 angekündigte Stellenstreichungen, vor allem in den USA. Das sind knapp 2.400 am Tag, und KI ist dort einer der erfassten Gründe. Man muss davon ausgehen, dass der Trend anhalten wird. Zu Wochenbeginn legte KI-Entwickler Anthropic der US-Börsenaufsicht SEC seinen Prospekt für den Börsengang vor und die Unterlagen überzeugten die Anleger. Die Kurse zuvor gebeutelter Chipaktien sprangen an. Offensichtlich setzt der Markt darauf, dass die KI gekommen ist, um zu bleiben.
Arbeiter braucht sie nicht, aber sie benötigt Halbleiter und Rechenzentren. Heute Abend, nach Börsenschluss, meldet Microsoft seine Quartalszahlen, ebenso Alphabet (WKN: A14Y6F). Am morgigen Donnerstag folgt Amazon (WKN: 906866). Spannende Börsentage bzw. -abende …
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Welt ohne Deutschland
Die Abwicklung des einstigen Exportweltmeisters Deutschland läuft. Ablesen können das Investoren aus aller Welt an den lethargischen Kursentwicklungen deutscher Vorzeigeunternehmen wie Siemens (WKN: 723610), BASF (WKN: BASF11), Bayer (WKN: BAY001) und Continental (WKN: 543900). Zunehmend schriller werden die Hilferufe aus der Industrie.
„Die schwerste Krise der M+E-Industrie seit Gründung der Bundesrepublik hält weiter an“, sagt Gesamtmetall-Hauptgeschäftsführer Oliver Zander. Auf den ersten Blick scheinen die Auftragsbücher gut gefüllt. Die Rüstungsindustrie boomt. Doch der Schub kommt von Staatsaufträgen: Es ist das Geld von Nettosteuerzahlern, das zur Aufmunitionierung und zum Panzerbau verwendet wird. Wohlstand entsteht dadurch nicht und die öffentlichen Mittel sind endlich. Bei Lichte betrachtet, sind sie gar nicht da. Die Kasse des Finanzministers ist gähnend leer, der Staatshaushalt fährt immer tiefer in den Schuldensumpf. Tilgung und Zinsen bleiben später an den Bürgern hängen, da gibt es kein Entkommen.
Es ist also eine Scheinblüte. Selbst wenn alle Nato-Staaten ihre Ausgaben dauerhaft auf 3,5% ihrer Wirtschaftsleistung erhöhten, entstünden lediglich 144.000 neue Arbeitsplätze. Das haben DekaBank und EY-Parthenon ausgerechnet. Ziemlich genau so viele Stellen, nämlich 144.100, verlor allein das Verarbeitende Gewerbe in Deutschland innerhalb eines Jahres. So meldete es Destatis Mitte August für das Ende des ersten Halbjahres. Das Institut der deutschen Wirtschaft zählt seit 2019 rund 420.000 Arbeitsplätze weniger in der Industrie.
Die deutsche Autoindustrie strich binnen zwölf Monaten 42.300 Stellen. Die Fahrzeuge sind im In- und Ausland immer weniger gefragt. Der frühere Exportweltmeister muss feststellen: Die Welt braucht Deutschland nicht, aber Deutschland braucht die Welt. Ex-ifo-Präsident Hans-Werner Sinn analysierte die schlimme Wirtschaftslage gerade bei einer Tagung am IWP der Universität Luzern: „Wir sind in einer so großen Krise, wie es sie seit dem Krieg nicht gegeben hat, und die auch kaum zu überwinden ist.“ Seine Empfehlung: „15 Jahre Merkel rückabwickeln!“

Welt ohne Ordnung
Die Ukraine wird zerbombt. Der Bürgerkrieg im Jemen eskaliert. Saudi-Arabien wird immer tiefer hineingezogen. Der Krieg zwischen den USA und Iran schwelt weiter. Kommenden Dienstag sind Zwischenwahlen in den USA. Nicht wenige Beobachter rechnen damit, dass der amerikanische Präsident nach dem Wahltermin neue Bombenangriffe auf iranische Atom- und Ölanlagen befehlen wird.
Börsianer mögen keine Unordnung: Sie bedeutet Unsicherheit. In solchem Umfeld investiert niemand gern anvertrautes oder hart verdientes Geld. Die Kurse spiegeln das große Zögern. Bei den breiten Aktien-Indices geht es seit Wochen nicht recht voran. In einer unklaren Situation kann die Seitenlinie die richtige, rationale Anlageentscheidung sein. Man parkt Teile seines Kapitals in Geldmarktfonds und kassiert Zinsen, während man darauf wartet, dass sich ein Aufwärtstrend etabliert. Fallen die Aktienkurse stattdessen, genießt man das Gefühl, bald billiger einsteigen zu können. Erfahrene Vermögensverwalter empfehlen, einen Anteil von 5 bis 20% in Geldmarkt-ETFs oder -Fonds zu halten: je nach individueller Portfoliostruktur und Marktlage.

Zu den Märkten
Heute Abend um 19 Uhr MEZ verkündet die US-Notenbank ihre Zinsentscheidung, eine halbe Stunde später tritt Fed-Chef Kevin Warsh vor die Presse. Eine Überraschung ist nicht eingepreist: Laut CME FedWatch rechnen die Terminmärkte zu rund 93% damit, dass der Leitzins in der Spanne von 3,75 bis 4,00% verbleiben wird. Zuletzt am 16.9. hatte die Fed ihn zum ersten Mal seit 2023 angehoben, einstimmig. Für die Sitzung am 8. und 9.12. ist der nächste Schritt nach oben bereits zu rund 84% eingepreist. Den Grund liefern die Verbraucherpreise, die im September um 3,7% zum Vorjahr stiegen. Die Kernrate ohne Energie und Lebensmittel lag allerdings bei nur 2,6%. Den Rest besorgt das Öl: Brent kostet mehr als 115 USD je Barrel, und gegen einen Ölpreisschock ist ein Leitzins weitgehend machtlos. Gleichzeitig entstanden in den USA im September nur 29.000 neue Stellen.
Der Chart zeigt, wie abrupt der Kurswechsel kam: Im Herbst 2025 senkte die Fed das Zinsband dreimal in Folge, zuletzt im Dezember 2025 auf 3,50 bis 3,75%. Neun Monate später ging es wieder nach oben. Zweijährige US-Staatsanleihen rentieren mit 4,70% deutlich über dem Leitzinsband, auch das ist eine Wette auf weitere Erhöhungen. Mit der zehnjährigen Treasury, deren Rendite Anfang Oktober über 5,3% und damit auf den höchsten Stand seit fast zwei Jahrzehnten stieg, beschäftigen wir uns ausführlich im neuen Substanz Investor 11/2026 auf S. 38. Das Heft erscheint zum Wochenende. Pikant ist die Personalie: Ausgerechnet unter Warsh, den Donald Trump an die Spitze der Fed geholt hat, zog die Notenbank die Zügel an. Der Präsident verlangt öffentlich niedrigere Zinsen, „AND FAST!“. Mit Beth Hammack (Cleveland) und Lorie Logan (Dallas) sitzen zugleich zwei Falken im stimmberechtigten Gremium, die schon heute für eine Erhöhung votieren könnten. Weil Warsh auf Vorabsignale verzichtet, wird jede Silbe der Pressekonferenz gewogen. Den nächsten Härtetest liefern am Donnerstag um 13:30 Uhr MEZ der Preisindex der persönlichen Konsumausgaben (PCE) und die erste Schätzung des US-Wachstums im dritten Quartal.
Veranstaltungshinweise
Nächste Woche ist es so weit: Am 6.11. beginnt „Die Rohstoffmesse“ in der Motorworld München. Zwei volle Tage können sich Anleger und Interessierte hier über die neuesten Entwicklungen bei Minen und Explorern informieren. Anleger sollten sich diesen Termin vormerken, gerade in der aktuell turbulenten Marktsituation. Unternehmen aus aller Welt stellen sich dort nicht nur vor, die Besucher können sogar direkt mit den Vorständen ins Gespräch kommen. Substanz Investor wird mit einem Stand ebenfalls vor Ort sein, Chefredakteur Ralf Flierl am Freitag (6.11.) auch persönlich. Auf der Rednerliste stehen unter anderem Florian Grummes, Prof. Dr. Torsten Dennin, Matthew Piepenburg sowie der Investor und Substanz-Investor-Kolumnist Björn Paffrath. Der Eintritt ist frei, vorherige Online-Registrierung auf der Seite der Rohstoffmesse München genügt.
Nur eine Woche später findet die Deutsche Goldmesse am 13. und 14.11. im The Westin Grand in Frankfurt statt. Unter den Rednern sind der Edelmetallveteran Alasdair Macleod und Col. Douglas Macgregor. Der pensionierte Militär hat sich mit seinen geostrategischen Analysen und Einschätzungen eine große Fangemeinde erarbeitet. Auch hier spricht Björn Paffrath, Herausgeber des „Der Rohstoff-König“-Anlegerbriefs. Ein besonderes Highlight sind die knapp 50 Minen- und Explorationsgesellschaften, die im Rahmen der Messe ausstellen. Hier gibt es nicht nur die Gelegenheit, sich mit anderen Investoren auszutauschen, sondern auch 1:1-Meetings mit Vertretern der Gesellschaften. Wer mehr wissen will, findet schon jetzt alle relevanten Infos auf der Seite der Deutschen Goldmesse, auf der auch die Möglichkeit zur kostenlosen Registrierung besteht.
Musterdepots
In unserer Rubrik Musterdepot blicken wir heute auf den Oktober zurück und der hatte es leider in negativer Hinsicht in sich. Im Musterdepotbereich können Sie sich durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die Transaktionen der letzten Wochen verschaffen. Um diesen Bereich zu lesen, müssen Sie Abonnent des Substanz Investor Magazins sein und sich auf der Substanz-Investor-Website einloggen. Sollten Sie Ihr Passwort vergessen haben, fordern Sie bitte ein neues an bei abo@substanzinvestor.de.
Fazit
KI ersetzt Arbeit, aber Staatsaufträge ersetzen keine Wettbewerbsfähigkeit, und gegen einen Ölpreisschock hilft keine Leitzinserhöhung.
Ralf Flierl, Frank Sauerland, Ralph Malisch


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Die Charts wurden erstellt mit stock3 und Tai-Pan von Lenz+Partner. Diese Rubrik erscheint jeden Mittwochnachmittag.



