Die Rekord-Berichtssaison ruht auf zwei Aktien sowie einem Versprechen – aber die teuerste Frage der Börse vertagt sich auf den 26. August.
Rekorde auf PumpDie US-Berichtssaison, die diese Woche bis auf einen Namen abgearbeitet ist, war der Statistik nach die stärkste seit Jahren. 86% der Unternehmen im S&P 500 haben die Gewinnschätzungen übertroffen, so viele wie seit dem zweiten Quartal 2021 nicht mehr; das gemittelte Gewinnwachstum liegt bei gut 50%. Wer darin schon die ganze Story sieht, sollte einen zweiten Blick riskieren. Denn getragen wird dieser Rekord von zwei Aktien – Alphabet und Amazon. Die meldeten Gewinne, die jeweils rund 216% über den Erwartungen lagen – nicht, weil das operative Geschäft plötzlich explodiert wäre, sondern weil Buchgewinne auf ihre KI-Beteiligungen die Bilanz aufblähten. Bei Amazon ist es die Beteiligung an Anthropic, bei Alphabet sind es Bewertungsgewinne auf die Anteile an Anthropic und SpaceX – bereinigt hätte die Google-Mutter die Erwartungen sogar knapp verfehlt. Rechnet man die beiden heraus, bleiben rund 32% Wachstum – immer noch ordentlich, aber eben eine andere Geschichte. Der Markt bezahlt das Ganze mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 20 auf die Gewinne der nächsten zwölf Monate, deutlich über dem Schnitt der vergangenen zehn Jahre. Man feiert die Ernte, während ein wachsender Teil davon aus der Neubewertung des eigenen Saatguts stammt.

Das führt zur eigentlichen Geschichte der Woche, und die dreht sich immer sichtbarer im Kreis. NVIDIA (WKN: 918422), mit knapp 5,4 Bio. USD das wertvollste Unternehmen der Welt, beteiligt sich mit dreistelligen Milliardenbeträgen an seinen eigenen Kunden und Lieferanten, sichert sich Abnahmeverträge und finanziert den Bau der Rechenzentren gleich mit, in denen später die hauseigenen Chips werkeln sollen. Über 540 Mrd. USD an KI-Infrastruktur-Deals wurden allein in diesem Jahr angekündigt: eine Garantie über 250 Mrd. USD für die Rechenzentren von OpenAI, bis zu 350 Mrd. USD mögliche Finanzierung für dessen Chipkäufe, ein Paket von mehr als 500 Mrd. USD rund um SK hynix. Der Cloud-Anbieter CoreWeave, einer der größten NVIDIA-Kunden, sitzt auf über 25 Mrd. USD Schulden. Das Handelsblatt bringt es auf den Punkt: NVIDIA mache seine Kunden zu Abhängigen. Selbst dort, wo man nicht gerade zu den notorischen Blasenwarnern gehört, fragt man inzwischen offen, ob Jensen Huang „einen Teil der Nachfrage nach den eigenen Chips selbst finanziert“. Von Michael Burry bis zu den Analysten von Global X fällt das böse Wort der Kreislauffinanzierung.
Für den Leser des Substanz Investor ist das ein altbekanntes Muster in neuem Gewand. Ein kreditgetriebener Boom erzeugt seine eigene Nachfrage, solange billiges Geld und Zuversicht reichen; die Investitionen werfen heute Wachstum ab, keine Frage – nur ist die entscheidende Frage eine andere: Werfen die KI-Geschäftsmodelle je genug ab, um einen Ausbau in Billionenhöhe dauerhaft zu tragen? Solange das Kapital schneller wächst als der Umsatz, den es finanzieren soll, ist das keine Neubewertung, sondern schlicht eine Fehlleitung von Kapital.

Der größte Brocken der Berichtssaison steht noch aus, und an ihm hängt die halbe Erzählung. NVIDIA legt am 26.8. nach US-Börsenschluss die Zahlen zum zweiten Quartal seines – dem Kalender rund ein halbes Jahr vorauslaufenden – Geschäftsjahres 2027 vor; erwartet werden rund 91 Mrd. USD Umsatz und ein Gewinn von 2,01 USD je Aktie – eine Verdopplung gegenüber dem Vorjahr. Bis dahin bibbert die Börse. Denn die eigentliche Frage ist nicht, ob Künstliche Intelligenz real ist – sie ist es –, sondern ob eine Bewertung real sein kann, die bei NVIDIA und Broadcom (WKN: A2JG9Z) ein Kurs-Umsatz-Verhältnis jenseits von 30 unterstellt. In solch luftigen Höhen wurden in vergangenen Technologiezyklen die Anleger zuverlässig von ihrem gefühlten Reichtum getrennt.

Während die KI-Welt sich im Kreis finanziert, fassen die Edelmetalle nach einer Korrektur, die man – zumindest bei Silber – ohne weiteres auch als Blutbad bezeichnen konnte, sichtbar Tritt. Silber legte in diesem Jahr einen wahren Höllenritt hin. Nach dem Allzeithoch von 121,64 USD am 29.1. ging es bis zum 17.7. um rund 55% auf ein Tief von 54,78 USD nach unten. Zuletzt erholte sich der Kurs auf gut 66 USD, nachdem der von uns hier identifizierte mögliche Zwischenboden erfolgreich nach oben verlassen werden konnte. Bei Gold (vgl. Abb., Silberchart in der Vorwoche) ging es zwar per Saldo gemächlicher zu, aber in der Tendenz war ein hoher Gleichlauf beider Metalle zu beobachten. Technisch ist Gold sogar schon weiter, konnte es den abwärtsgerichteten Korrekturtrend doch bereits überzeugend brechen, während Silber gerade einmal erst daran kratzt. Wer unsere Titelgeschichte 6/2026 gelesen hat, kennt das Argument: Die monetäre Wiederentdeckung der Edelmetalle ist kein Ereignis, sondern ein Prozess – und Korrekturen wie die des Sommers sind darin keine Trendwende, sondern eine Gelegenheit für die Unverzagten.
Fundamental spricht wenig gegen den Aufschwung. Das Silver Institute erwartet für 2026 das sechste jährliche Angebotsdefizit in Folge, auch wenn es durchaus Wermutstropfen gibt – das Defizit wird kleiner und wesentlicher Treiber ist die stark schwankende physische Investmentnachfrage. In einer Welt, in der Notenbanken zwischen Teuerung und Konjunkturschwäche lavieren und Präsidenten die Welt per Dekret umbauen, ist das knappe Metall dem gedruckten Geld strukturell überlegen. Der Markt beginnt, das wieder einzupreisen.
Handel per FederstrichApropos Dekret: Es braucht dieser Tage nur einen Federstrich, um den Außenhandel Kanadas in eine tiefe Krise zu stürzen. Das Land wurde vom Bannstrahl Trumpscher Strafzölle getroffen. Premierminister Carney, früher Chef der Notenbank, gibt sich betont gesprächsbereit. Der Mann, der jahrelang die Unabhängigkeit der Geldpolitik gegen die Zumutungen der Politik verteidigt hatte, verhandelt nun als Bittsteller, unter anderem in Sachen Eishockeyschläger. Dabei sollte man eines nicht vergessen: Auch im Fall von Donald Trump sind Zölle nichts anderes als Steuern, die zwar als Sieg über das „unfaire“ Ausland vermarktet werden, aber letztlich von den eigenen Bürgern bezahlt werden müssen. Dass die Börsen auf jede neue Zollrunde inzwischen nur noch mit einem Achselzucken reagieren, darf nicht über die langfristige Rechnung hinwegtäuschen: Jede Art von Handelsschranke führt zu Preissteigerungen, Fehlallokationen und zur Zerstörung von Kapital.

Die eigentliche geldpolitische Geschichte liefert derweil Tokio. Der US-Dollar erreichte zuletzt ein Vier-Dekaden-Hoch von rund 164 JPY/USD gegenüber dem Yen. Ende Juli griffen dann Japan und die USA in einer seltenen gemeinsamen Intervention ein, die den Kurs der amerikanischen Währung rasch und kräftig drückte und so dem Yen etwas Luft zum Atmen verschaffte. Der Sinkflug des Yens, der sich aus Sicht der Japaner wie ein Höhenflug des US-Dollars darstellt (vgl. Abb.) ist damit aber nicht gestoppt. Denn Premierministerin Takaichi treibt ihre „Sanaenomics“ fast trotzig voran – mehr Ausgaben für Technologie und Verteidigung und sanfter, aber anhaltender Druck auf die Bank of Japan, ihren Leitzins von 1,0% nicht weiter anzuheben. Zum Vergleich: In Frankfurt verharrt die EZB seit ihrer ersten Zinserhöhung bei einem Einlagensatz von 2,25%, während die Inflation mit 2,8% über dem Zielkorridor klebt. Wer glaubt, eine hochverschuldete Industrienation könne ihre Währung dauerhaft schwach und ihre Zinsen dauerhaft niedrig halten, ohne dass sich die dadurch aufgestauten Marktkräfte irgendwann Bahn brechen, sollte die japanische Zinskurve im Auge behalten. Dies ist der Widowmaker-Trade der vergangenen Jahre – und bei dem werden, bildlich gesprochen, immer mehr Dynamitstangen aufgetürmt, bis schließlich ein einziger Funke genügt.

Zu den Märkten
Während wir uns hier vorzugsweise mit Aktien und Rohstoffen beschäftigen, geraten die Anleihen leicht aus dem Blickfeld. Dabei ist der Markt für Staatspapiere der mit Abstand größte der Welt. Aus gutem, nein, eigentlich aus schlechtem Grund, denn die Verschuldungsorgie der Regierungen scheint schier grenzenlos. Natürlich hat das irgendwann Auswirkungen auf die Wertbeständigkeit ihrer Zahlungsversprechen – zwangsläufig. Aktuell macht beispielsweise ein möglicher Verlust des AAA-Ratings für die Bundesrepublik Deutschland die Runde. Der Druck auf Zinspapiere ist allerdings kein isoliert deutsches Phänomen. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen liegt bei 4,68%, am langen Ende hält sich die dreißigjährige hartnäckig über 5%, zuletzt bei 5,23%. Getrieben werden die Sätze von stabilisierten Ölpreisen und der wiedererwachten Sorge, die Notenbank könnte eher anheben als senken. Das ist der leise Dauerbass unter der Aktieneuphorie: Solange das lange Ende nicht nachgibt, steht hinter der Nachhaltigkeit jedes neuen Aktienrekords ein dickes Fragezeichen. Ein nicht weniger dickes Fragezeichen steht hinter dem Geld, das ihn trägt. Am Ende diszipliniert nicht die Notenbank den verschuldeten Staat, sondern der Anleihemarkt – langsam, aber unerbittlich.
Musterdepots
In unserer Rubrik Musterdepot berichten wir heute unter anderem über die Entwicklung bei unseren Edelmetall-Aktien. Unsere große Monatsübersicht für den Juli, inklusive Tabelle und Transaktionsliste, finden Sie in Ausgabe 30/2026. Im Musterdepotbereich können Sie sich durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die Transaktionen der letzten Wochen verschaffen. Um diesen Bereich zu lesen, müssen Sie Abonnent des Substanz Investor Magazins sein und sich auf der Substanz-Investor-Website einloggen. Sollten Sie Ihr Passwort vergessen haben, fordern Sie bitte ein neues an bei Mailto: abo@substanzinvestor.de.
Fazit
Die Rekord-Berichtssaison ruht auf zwei Aktien und den Buchgewinnen ihrer KI-Wetten, das größte Unternehmen der Welt finanziert seine eigene Nachfrage, und die wichtigste Börsenfrage wird am 26.8. beantwortet. Gold und Silber ziehen derweil wieder an – ganz ohne fremde Hilfe und zirkuläre Geschäfte.
Ralf Flierl, Ralph Malisch


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Die Charts wurden erstellt mit stock3 und Tai-Pan von Lenz+Partner. Diese Rubrik erscheint jeden Mittwochnachmittag.


