Gastbeitrag von Dr. Hendrik Leber, ACATIS Investment GmbH
Der Börsengang von SpaceX war ein Warnsignal. Selten war ein Börsenprospekt derart mit heißer Luft vollgepackt. Obwohl die Aktie inzwischen unter Ausgabepreis gefallen ist, liegt der Börsenwert deutlich über 1 Bio. USD – gespeist weniger aus dem realen Raumfahrtgeschäft als aus Träumen von Asteroidenbergbau und Marskolonien. Es gehe darum, „überzeugt zu sein, dass die Zukunft besser sein wird als die Vergangenheit“. Sätze wie dieser von Elon Musk erinnern an Werbebotschaften der South Sea Company oder der Mississippi-Kompanie aus dem 18. Jahrhundert, von denen schon 1720 nicht mehr viel übrig war.
Dabeisein ist alles
Derlei Abzocke ist typisch für den Gipfel einer Börsenblase: Fundamentaldaten interessieren nicht, stattdessen treibt Anleger die Angst, etwas zu verpassen. Sie wollen dabei sein, ob das Geschäftsmodell taugt oder nicht. Musk nutzt das aus – er träumt wohl von seinem Superbonus, den er erhält, sobald eine Million Menschen auf dem Mars leben. Das ist kein Witz. Value-Nischen sind selten in solchen Zeiten, doch in vermeintlich langweiligen Börsensegmenten finden sich noch attraktive Preise und hohe Dividendenrenditen.
Güter des täglichen Bedarfs
Die erste Nische liegt dort, wo die Nachfrage nicht von Rechenleistung abhängt: Güter des täglichen Bedarfs wie Cornflakes, Ketchup oder Tierfutter werden gekauft, ganz gleich, wie schnell sich Künstliche Intelligenz durchsetzt. Weil Wachstumsfantasie fehlt, sind die Bewertungen bescheiden geblieben. Ähnliches gilt für Dienstleistungen wie Verpackung oder Gebäudeservice: unspektakulär, aber dauerhaft profitabel.
Der Gesundheitssektor
Die zweite trägt der Demografie Rechnung: Wir werden älter, der Gesundheitssektor wird einen wachsenden Anteil der Wirtschaftsleistung beanspruchen. Das ist keine Prognose, sondern Arithmetik. Augenlinsen, Dialyse, Hörgeräte, Zahnersatz: Produkte, die vom Konjunkturzyklus weitgehend unabhängig sind. Medizintechnik, Pharma und Biotech hat der Markt lange vernachlässigt, doch die Erträge werden strukturell steigen.
Hidden Champions
Die dritte findet sich abseits der großen Indizes, bei stillen Weltmarktführern aus dem Nebenwertesegment, häufig in Familienhand: Großküchentechnik, Getränkeabfüllanlagen, Flurförderzeuge, Spezialchemie. Am Stammtisch fällt keiner dieser Namen, in der Fachwelt sind sie als Hidden Champions feste Größen. Ein starker Ankeraktionär ist dabei kein Makel, sondern meist der Grund dafür, dass in Jahrzehnten statt in Quartalen gerechnet wird.
Aktienrückkäufe
Die vierte Nische mutet paradox an: Firmen ohne Wachstum. Wo ertragsstarke Stagnation, niedrige Bewertung und beharrliche Aktienückkäufe zusammenkommen, entsteht Wert: Die Zahl der Anteile, durch die der gleichbleibende Gewinn geteilt wird, sinkt. Der Gewinn je Aktie steigt, ohne dass das Unternehmen wachsen muss. Stillstand ist kein Mangel, solange das freie Kapital an die Eigentümer zurückfließt.
Wir leben im Hier und Jetzt
Entlädt sich die KI-Blase – und das ist wahrscheinlich –, wird zunächst alles mit nach unten gerissen. Danach folgt die Besinnung: Welche Geschäftsmodelle sind resilient? Welche Unternehmen gehen ihren Weg losgelöst von Halbleitern und KI weiter? Dann wird sich zeigen, dass Erträge im Hier und Jetzt mehr wert sind als in ferner Zukunft oder auf fremden Planeten.
Dr. Hendrik Leber, Jahrgang 1957, studierte Betriebswirtschaft in Saarbrücken und St. Gallen; ein Fulbright-Stipendium führte ihn in die USA an die Syracuse University und nach Berkeley. 1983 promovierte er in St. Gallen. Nach Stationen bei McKinsey und Metzler Consulting prägt er seit 1994 als geschäftsführender Gesellschafter die Frankfurter Fondsboutique ACATIS. Neben Klassikern wie dem Acatis Aktien Global verantwortet er gemeinsam mit Laetitia-Zarah Gerbes den Acatis Datini Valueflex, den Fonds mit den größten Freiheitsgraden des Hauses. Den Kern bilden rund 70 Einzelaktien, ergänzt um Anleihen, alternative Anlagen und (teils gehebelte) Zertifikate; Bitcoin liegt bereits seit 2016 im Portfolio. Nicht nur dort, auch in der Titelauswahl verbinden sich menschliche und Künstliche Intelligenz: Die im Oktober 2025 vollständig übernommene Acatis-Tochter NNAISENSE unterstützt das Fondsmanagement seit Jahren mit Analyse- und Optimierungstools. Seit Auflage im Dezember 2008 erzielte der Fonds 13,6% Wertzuwachs p.a. (Stand 31.7.2026).


