Tektonische Verschiebungen in Japan
Snap Elections?Japan – das Land der aufgehenden Sonne – erlebt gerade einen politischen Sonnenaufgang der besonderen Art. Premierministerin Sanae Takaichi, die gerne mit der „Eisernen Lady“ Margaret Thatcher verglichen wird, ist seit Oktober 2025 die erste Frau an der Spitze des Landes. Schon kokettiert sie mit der Auflösung des Unterhauses und der Anberaumung von Neuwahlen. Als Termine sind der 8. bzw. 15. Februar im Gespräch. Mit dem Schachzug solcher „Snap Elections“ will sie ihre hohe Popularität in eine komfortable Parlamentsmehrheit ummünzen. Denn Takaichi hat einiges vor.

Die Unterstützung benötigt sie für ihren Wirtschaftskurs der Sanaenomics (Kofferwort aus ihrem Vornamen Sanae + Economics), der auch als Abenomics on Steroids (nach dem ehemaligen Regierungschef Shinzō Abe, der 2022 auf offener Straße erschossen wurde) bezeichnet wird. Die wesentlichen Eckpunkte sind eine massive Fiskalexpansion („verantwortungsvolle proaktive Fiskalpolitik“), staatlich orchestrierte Investitionen in High-Tech und Rüstung, sowie der Versuch, die Zinsen dennoch halbwegs stabil zu halten. Das gleicht zwar der Quadratur des Kreises, zumal die japanische Rekordverschuldung mit den neuen Ausgabenprogrammen zügig die Grenze von 250% des BIP überschreitet, dem Aktienindex NIKKEI 225 mundete dieser Cocktail dennoch bestens.

Naturgemäß profitieren die begünstigten Branchen der staatlichen Ausgabenwut in besonderem Maße und ziehen den japanischen Leitindex von Allzeithoch zu Allzeithoch. Insbesondere am Dienstag ging es mit einem Aufwärts-Gap um 3,1% nach oben. Spiegelbildlich um NIKKEI fiel der japanische Yen gegen US-Dollar und Euro wie ein Stein. Selbst das ist günstig für die überwiegend exportorientierte japanische Volkswirtschaft. Allerdings gibt es in dieser schönen neuen Aktienwelt auch einige Wermutstropfen. Die Bank of Japan (BoJ) bleibt weiter eher auf der Bremse. Im Dezember hatte sie den Leitzins auf 0,75% erhöht und weitere Straffungen angekündigt. Damit schreitet sie hinsichtlich der Abkehr von der Negativ- und Nullzinspolitik vergangener Jahre voran und versucht die Normalisierung. Theoretisch sollten steigende Zinsen eigentlich den Yen stützen, doch andere Effekte konterkarieren die Stabilisierung. Der Mangel an fiskalischer Disziplin und der damit verbundene Schuldenaufwuchs schwächen die Währung weiter ab.
BoJ-DilemmaVor diesem Hintergrund sind die Zinsschritte der BoJ „too little, too late“. Andererseits sind ihr die Hände gebunden, will sie angesichts der Schieflage des Staatshaushalts nicht einen totalen Abriss riskieren. So beruhigt man sich mit der Feststellung, dass der Zins immerhin bereits der höchste seit mehr als 30 Jahren ist. Trotz Anhebung bleibt im Übrigen auch der Carry-Trade aktiv, denn entscheidend für dieses Geschäft ist nicht die absolute Zinshöhe in Japan, sondern die Differenz zu den USA. Solange dort nicht weiter gesenkt wird (s.u.), bleiben die Rahmenbedingungen intakt, zumal die frische Yen-Schwäche den Carry-Trade weiter unterstützt. Eines der Ventile in dieser Situation sind die Preise langlaufender Staatsanleihen. Die fallen, denn eine über die Währungsschwäche importierte Inflation, gegen welche die Notenbank nur halbherzig ankämpft, entwertet langlaufende Nominalforderungen, für die entsprechend eine deutlich höhere Verzinsung gefordert wird.

Eine geradezu atemberaubende Beschleunigung zeigt sich seit dem Jahreswechsel bei den Brandherden dieser Welt. Die Gefangennahme des venezolanischen Diktators Nicolás Maduro war noch frisch, da brachen im Iran erneut Massenunruhen aus, die das Teheraner Regime erbarmungslos niederschießen ließ. Bruchstückhaft sickern Meldungen aus dem vom Internet fast vollständig abgeklemmten Land heraus. Es ist von mehreren Tausend Toten die Rede. Ein Aufschrei westlicher Politiker oder Medien, die sich sonst gerne recht menschenrechtsbewegt geben, ist fast nicht zu hören.
Beide Länder, Venezuela und der Iran, gehören zu den erdölreichsten der Welt. Tatsächlich kennt der Ölpreis seit Tagen nur eine Richtung – nach oben. Allerdings verläuft dieser Anstieg relativ geordnet. Von Panikkäufen kann im Moment keine Rede sein. Die Kursentwicklung ist wohl auch deshalb eher verhalten, weil sich das Blatt jederzeit wenden könnte. Insbesondere wird über ein militärisches Eingreifen der USA und Israels spekuliert. Doch bislang hat sich die US-Regierung lediglich verbal hinter die Aufständischen gestellt und ansonsten die eigenen Bürger aufgefordert, den Iran umgehend zu verlassen.
Was auch auffällt: Inmitten dieser höchst brenzligen Situation beherrscht schlagartig das Grönland-Thema die Schlagzeilen. Gut möglich, dass hier auf internationaler Bühne – „All eyes on Greenland!“ – gerade ein gewaltiges Ablenkungsmanöver stattfindet; es würde jedenfalls zu Donald Trump passen.
Zwar ist noch etwas Zeit bis zur nächsten Zinssitzung der US-Notenbank Fed am 27./28.1., aber die Spannungen zwischen der Fed und dem Weißen Haus sind unverändert hoch. Denn Donald Trump drängt auf Zinssenkungen, um seinen Haushalt zu entlasten und die Konjunktur am Laufen zu halten. Noch Fed-Chef Jerome Powell kann und wird sich aller Voraussicht nach von diesem Ansinnen im Januar unbeeindruckt zeigen. Eine dritte Amtszeit steht nicht an, und die laufende, zweite Amtsperiode ist für ihn regulär am 15. Mai zu Ende. Bis dahin finden noch drei Zinssitzungen statt (Januar, März und April).

Spannender ist derzeit die US-Berichtssaison, welche diese Woche traditionell mit den Quartalszahlen der Großbanken eröffnet wurde. Deren Ergebnisse gelten oft als „Seismograph“ für den Rest der Börse.
So legte J.P. Morgan Chase am Dienstag als erstes Institut seinen Quartalsbericht mit gemischten Ergebnissen vor. Obwohl der bereinigte Quartalsgewinn auf 14,7 Mrd. USD stieg, musste die Großbank unter dem Strich einen Rückgang des Gewinns auf 13 Mrd. USD Dollar hinnehmen – verglichen mit einem Vorjahresgewinn von 14 Mrd. USD. Hauptgrund hierfür war die Übernahme der Apple-Kreditkartenpartnerschaft von Goldman Sachs: Im Zuge dessen bildete die Bank vorsorglich Rückstellungen in Höhe von 2,2 Mrd. USD für potenzielle Kreditausfälle.
An der Börse wurden die Zahlen mit Vorsicht aufgenommen. Die Aktie von J.P. Morgan Chase reagierte zunächst verhalten, um am Ende mit einem deutlicheren Kursrückgang von -4,2% zu schließen. Die höheren Rückstellungen und der Gewinnrückgang befeuerten die Sorgen vor einer abkühlenden Konjunktur und steigenden Kreditausfällen.

Nachricht aus einer Beteiligungsgesellschaft (Gastbeitrag)
Weitere Konzentration im Royalty- & Streaming Sektor
Die zunehmende Konzentration im Royalty- & Streaming-Sektor setzt sich fort und verdeutlicht einen strukturellen Trend, der für Investoren zunehmend an Bedeutung gewinnt. Ein aktuelles Beispiel ist die Übernahme von Lithium Royalty (WKN: A3D76R) durch Altius Minerals (WKN: 172912). Die Transaktion im Gesamtwert von 520 Mio. CAD unterstreicht, dass Größe, Diversifikation und Kapitalstärke in diesem Geschäftsmodell immer wichtiger werden.
Royalty- und Streaminggesellschaften profitieren von stabilen Cashflows, geringer operativer Komplexität und attraktiven Renditen auf das eingesetzte Kapital. Gleichzeitig ist der Wettbewerb um hochwertige Royalties in den vergangenen Jahren deutlich intensiver geworden. Größere Plattformen verfügen hier über klare Vorteile: Sie können Transaktionen schneller strukturieren, flexiblere Finanzierungslösungen anbieten und Risiken über ein breiteres Portfolio streuen. Die Übernahme von Lithium Royalty erweitert Altius gezielt um Exposure zu einem strategisch relevanten Rohstoff und stärkt die Position im Bereich Zukunftsmetalle. Die Akquisition bringt 37 neue Lithium-Royalties ins Portfolio von Altius, davon vier produzierende Anlagen und zwölf fortgeschrittene Projekte.
Für den Sektor insgesamt ist diese Entwicklung richtungsweisend. Kleinere, spezialisierte Royalty-Gesellschaften stoßen zunehmend an Grenzen, sei es bei der Finanzierung größerer Deals oder bei der Portfoliodiversifikation. Gleichzeitig suchen größere Akteure nach Möglichkeiten, ihr Wachstum zu beschleunigen, Skaleneffekte zu realisieren und ihre Verhandlungsmacht gegenüber Projektentwicklern zu erhöhen. Konsolidierung wird damit zu einem logischen Mittel der Wertschöpfung.
Für Investoren bedeutet dies zweierlei: Zum einen steigt die Attraktivität etablierter Plattformen mit kritischer Größe, belastbarer Bilanz und disziplinierter Kapitalallokation. Zum anderen könnten kleinere Anbieter zunehmend als Übernahmekandidaten in den Fokus rücken. Die Transaktion zwischen Altius Minerals und Lithium Royalty ist daher weniger ein Einzelfall als vielmehr Ausdruck eines Reifeprozesses im Royalty- & Streaming-Segment – mit potenziell langfristig positiven Effekten für Struktur, Stabilität und Renditeprofile der Branche.
Gunter Burgbacher (Portfoliomanager des AFB Global Equity Select Fonds (WKN: A2PE00)

Zu den Märkten
Vergleichsweise unbeeindruckt von der Weltlage zeigte sich bis zum heutigen Tag der DAX. Nach dem Überwinden des Widerstands im Bereich von gut 24.800 Punkten und dem Durchschlagen der 25.000er Marke ging es weiter schnurstracks nach oben. Erst mit dem heutigen Handelstag scheinen die Anleger beim deutschen Leitindex Angst vor der eigenen Courage zu bekommen. Zum ersten Mal seit rund drei Wochen fallen die Kurse etwas deutlicher zurück. Unabhängig von den Rahmenbedingungen ist eine solche Korrekturbewegung alles andere als überraschend und auch alles andere als ungesund. Tatsächlich hätte der DAX sogar noch ein paar Hundert Punkte Spielraum nach unten, ohne, dass dies den Aufwärtstrend ankratzen würde. Erst bei Kursen unter 24.800 Punkten müsste man darüber nachdenken, ob die Hausse der letzten Wochen scheitert.
Musterdepots & wikifolio
In der Rubrik Musterdepots & wikifolio soll es heute um eine Aktie gehen, welche die Künstliche Intelligenz als Top Pick im Rahmen der Jahresempfehlungen unserer Redakteure in Substanz Investor 1/2026 ausgewählt hat. Welche Aktie das ist, verraten wir Ihnen in unserem heutigen Bericht zum Musterdepot. Den Tabellenteil zum Dezember finden Sie in der Ausgabe vom 17.12.2025. Im Musterdepotbereich können Sie sich durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die Transaktionen der letzten Wochen verschaffen. Um diesen Bereich zu lesen, müssen Sie Abonnent des Substanz Investor Magazins sein und sich auf der Substanz-Investor-Website einloggen. Sollten Sie Ihr Passwort vergessen haben, fordern Sie bitte ein neues bei abo@substanzinvestor.de an.
Fazit
Venezuela, Iran, Japan … aber die Welt blickt auf Grönland.
Ralf Flierl, Ralph Malisch


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Die Charts wurden erstellt mit stock3 und Tai-Pan von Lenz+Partner. Diese Rubrik erscheint jeden Mittwochnachmittag.


