„Jahresdurchschnitte im Stromnetz interessieren keinen“

Stefan Spiegelsperger

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Interview

Substanz Investor im Gespräch mit Stefan Spiegelsperger vom YouTube-Kanal @OutdoorChiemgau über Blackouts, Gasmangellage und Krisenvorsorge

Substanz Investor: Herr Spiegelsperger, was war die Motivation für Ihren YouTube-Kanal @OutdoorChiemgau zu Energie und Vorsorge? Wie hat sich der Fokus im Zeitablauf verändert?
Stefan Spiegelsperger: Tatsächlich war ich damals die ganze Zeit im Büro. Dann habe ich mir überlegt, wie ich da wieder mehr rauskomme. Kaufe ich mir einen Hund oder mache ich so einen Outdoor-Kanal? So kam @OutdoorChiemgau zustande. Nach ein paar Monaten hatte ich dann mal wieder das Buch „Blackout“ von Marc Elsberg gelesen. Ich war ziemlich überrascht, dass das Szenario zusammen mit dem Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) ausgearbeitet wurde. Dazu habe ich ein Video gemacht und das kam weit besser an als die Outdoor-Videos. So bin ich dann wieder zurück in meine alte Branche: die Energie-Elektro-Branche. So hat sich der Fokus mit der Zeit verändert zu Energie und Vorsorge.

SI: Gerade erst hat das Bundesamt wieder eine aktualisierte Vorsorgebroschüre herausgegeben. Aber eigentlich wurden diese Hefte von der breiten Masse lange Zeit nicht richtig ernst genommen, oder?
Spiegelsperger: Es gab vor einigen Jahren sogar mal Zeiten, da warst Du schon ein Rechter, wenn Du diese Broschüre gehabt hast, weil „Prepping“ rechts war. Tenor: Wir müssen ja keine Vorsorge treffen. Mit dem Ukrainekrieg 2022 und schon vorher mit Corona wurde Vorsorge doch ein wichtiges Thema, weshalb die Broschüre jetzt wieder erneuert wurde. Ich habe selbst eine Checkliste entwickelt, quasi die fortgeschrittene Version der BBK-Liste. Einige meiner Dinge sind jetzt auch in der neuen Broschüre gelandet. Jeder muss vorsorgen, denn den wenigsten ist klar, dass alle Katastrophenschutzpläne – ich bin ja selbst ehrenamtlich beim THW tätig – davon ausgehen, dass sich der normale Bürger zehn Tage lang komplett allein versorgen kann, mit Wasser, Essen und allem Drum und Dran. Es kommt also keiner vom THW oder von der Feuerwehr und bringt dann eine Butterbreze auf dem Silbertablett. Dem ist in einer echten Katastrophe nun einmal nicht so. Das ist es, was viele Menschen einfach nicht verstanden haben.

SI: Aber würden Sie sagen, dass das, was das BBK da herausgibt, durchaus sinnvoll ist, oder ist es, wie so manches in der Politik, eher ideologiegeleitet?
Spiegelsperger: Nein, tatsächlich ist das BBK nicht ideologiegeleitet. Es ist eine der wenigen Behörden in Deutschland, die wissen, was sie tun. Zwar halte ich eine Vorbereitung für nur zehn Tage für ein bisschen wenig, aber wer jetzt mit der Vorsorge anfängt, für den ist diese kostenlose Broschüre absolut top. Was da drin ist, sollte man wirklich alles daheim haben. Vieles davon hat man auch schon, aber weiß es oft gar nicht. Leider ist es so, dass man bei der BBK-Empfehlung von früher 14 Tage auf jetzt zehn Tage, bei manchen Sachen sogar auf drei Tage runtergegangen ist – nicht, weil sich etwas verbessert hat, sondern weil es dem Amt wohl lieber ist, dass sich 30% auf wenigstens drei Tage vorbereiten als die idealen 14 Tage, die aber nur von 5% umgesetzt werden. Jeder Einzelne, der wenigstens etwas vorbereitet ist, entlastet im Ernstfall. Es gibt nichts Schlimmeres für uns Hilfskräfte, als wenn in einer Katastrophe dann plötzlich ein Familienvater mit zwei Kindern dasteht und sagt, wir haben jetzt Hunger – liefert mal was, und wir haben nichts, weil es schlicht nichts gibt.

SI: Mit welchem Zeithorizont sollte man Ihrer Meinung nach handeln? Gibt es einen Sweet Spot zwischen dem Extremprepper mit Fünfjahresvorrat und dem Luftikus, der gar nichts tut?
Spiegelsperger: Ich halte einen Bedarf für drei Wochen für sinnvoll. Der Blackout in Spanien hat uns gezeigt, wie schnell das gehen kann und wie lange es dauert, bis das Netz wieder aufgebaut wird. Zehn Tage ist das Minimum; zehn Tage ohne Supermarkt, Tankstelle und Wasser aus dem Wasserhahn. Mein Tipp: Nicht sofort losrennen und alles auf einmal kaufen, sondern einfach bei jedem Einkauf mal ein bisschen mehr mitnehmen, eine Kiste Wasser, zwei Dosen Ravioli, oder was man gerne mag. So baut sich das Lager langsam auf. Wer die zehn Tage schon hat, kann weiter aufbauen.

SI: Wie gehen Sie eigentlich vor, wenn Sie künftige Mangellagen oder Versorgungskrisen identifizieren? Kann man das so allgemein sagen oder ist jede Krise anders?
Spiegelsperger: Grundsätzlich ist jede Krise natürlich anders. Ich sitze meistens im Studio und habe sechs Bildschirme gleichzeitig offen, wo ich mir die Daten zum Stromnetz anschaue, die Frequenz überwache, aber auch das Gas etc. Dann sind bei mir natürlich die Nachrichtenportale offen. Und ich habe mittlerweile den großen Vorteil, dass ich eine sehr große Zuschauerschaft mit zahlreichen Insidern habe. Ich bekomme oft Informationen, bevor sie in den Nachrichten sind, und kann dementsprechend agieren bzw. nachrechnen. Jüngstes Beispiel war die Hellbrise, die wir an Ostern hatten. Da war einfach viel zu viel Strom im Netz, und das war schon einen Tag vorher bekannt.

SI: „Hellbrise“ – das ist ein Begriff, der den meisten wahrscheinlich nicht geläufig ist.
Spiegelsperger: Es wurde ja immer vor der Dunkelflaute gewarnt – keine Sonne und kein Wind. Die Hellbrise ist praktisch das Gegenteil davon – zu viel Sonne und zu viel Wind. Den Begriff habe ich vor zwei Jahren nach zwei Gläsern Wein aufgebracht. Mittlerweile ist er internationaler Standardgebrauch. Bei der Hellbrise haben wir einfach viel zu viel Strom im Netz,und das ist genauso gefährlich wie zu wenig Strom im Netz: Denn die Regel Nummer eins im Stromnetz ist immer noch, wir müssen exakt, wirklich exakt so viel produzieren, wie wir verbrauchen, und das in jeder einzelnen Sekunde. Deshalb helfen irgendwelche Jahresdurchschnitte im Stromnetz keinem, die interessieren auch keinen.

SI: Und die Überschüsse bzw. Deckungslücken werden dann vom Ausland abgefangen?
Spiegelsperger: Absolut richtig, da hilft uns das Ausland. Würden wir jetzt vom Ausland getrennt, würde es wahrscheinlich innerhalb weniger Stunden zum Stromzusammenbruch kommen. Jedes Land hängt am anderen. Wir haben ein europäisches Stromnetz. Das Problem ist aber mittlerweile, dass auch andere Länder wie Polen, Österreich und Dänemark auf Wind und Solar setzen. Wenn bei uns zu viel Strom vorhanden ist, dann haben die mittlerweile auch zu viel Strom. Wir haben dann gar nicht mehr die Möglichkeit, den ins Ausland abzutransportieren. In der Hellbrise mussten wir noch Strom von Polen aufnehmen, weil deren Solaranlagen nicht abgeregelt werden konnten. Das spitzt sich immer mehr zu. Wenn nichts dagegen unternommen wird, so wie Bundeswirtschaftsministerin Reiche es langsam vorhat, dann wird es irgendwann einfach zum großen Knall kommen.

SI: Im Prinzip wird das Netz immer wackliger, je mehr ich von diesen nicht genau kalkulierbaren Energieträgern einspeise?
Spiegelsperger: Da gibt es eine schöne Zahl dazu, die sogenannten Redispatch-Maßnahmen oder das Engpassmanagement, wie es die Übertragungsnetzbetreiber nennen. Die Netzbetreiber müssen eingreifen, damit die Stabilität bei zu viel oder zu wenig Strom wiederhergestellt wird. Im Jahr 2000 mussten wir im Jahr drei- bis sechsmal eingreifen. Im letzten Jahr waren es dann 19.300 Notfalleingriffe, um unser Stromnetz stabil zu halten; 2021 noch 8.600. Daran merkt man, wie unser Netz jedes Jahr instabiler wird. Zudem verliert dieser Redispatch immer mehr an Wirkung, weil viel zu viel Wind und Solar ins Stromnetz drängt. Rein physikalisch ist das Irrsinn.

SI: Interessanterweise ist der Strom in der allgemeinen Wahrnehmung nicht mehr das große Thema. Die jährlichen Warnungen vor dem Blackout wurden inzwischen von der Gasmangellage abgelöst. Wie ist hier der Stand?
Spiegelsperger: Aktuell sind die Gasspeicher zu ungefähr 23% gefüllt. Wir hatten tatsächlich ein Riesenglück dieses Jahr, denn ungefähr ein, zwei Tage, bevor wir unter die magische 20%-Grenze der beginnenden Gasmangellage kamen, hat das Wetter komplett umgeschlagen. Von heute auf morgen hatten wir zehn bis 15 Grad mehr, und das über Wochen hinweg. Der Verbrauch sank von über 4.000 GWh im Schnitt auf 2.400 GWh. Ausschließlich das hat uns vor einer Gasmangellage bewahrt. Noch nie haben wir so viel Gas verstromt wie im letzten Winter, weil wir keine Atomkraftwerke mehr haben und immer weniger Kohlekraftwerke. Die Frage ist, ob wir die Gasspeicher diesen Sommer wieder voll bekommen. Wir starten mit noch weniger als im letzten Jahr, und mit der Straße von Hormus fehlen fast 20% LNG auf dem Weltmarkt. Das wird spannend.

SI: Das heißt, man legt den Grundstein für die Gasmangellage im nächsten Winter schon jetzt im Frühjahr? Gibt es im Jahresverlauf eine Art „Point of no Return“ für die Füllstände?
Spiegelsperger: Im Moment will keiner einspeichern, weil der Gaspreis für den Winter noch niedriger ist als für den Sommer. Da wird nur eingespeichert, was Pflicht ist. Aber das wird niemals reichen, um einen vernünftigen Gasspeicherstand zu bekommen. Ich denke, im nächsten Winter erwarten uns Probleme. Es könnte sein, dass wir dann vielleicht die Gasverstromung reduzieren. Die Atomkraftwerke aus Frankreich können nicht alles abfangen, was bei uns zu wenig an Strom vorhanden ist. Ich rechne regelmäßig hoch, wie es aussieht, wenn der momentane Import mit dem momentanen Export und dem Verbrauch der letzten Jahre zusammenkommt. Das wird sehr knapp. Wir müssten etwas ändern. Das Problem ist: Wir können nichts ändern. LNG ist gerade ziemliche Mangelware in der Welt, weil die Asiaten, die über die Straße von Hormus nichts mehr bekommen, auf Einkaufstour gehen. Viele der Schiffe mit LNG für Europa drehen plötzlich um und fahren nach Asien, weil die Asiaten einen besseren Preis bezahlen.

SI: Bietet Europa bei diesem Wettbewerb nicht mit?
Spiegelsperger: So wie es aktuell ausschaut, nicht. Man sieht ja, wie die Schiffe umdrehen. Natürlich hängen wir vom Kriegsausgang ab. Wenn die Straße von Hormus wieder geöffnet ist, dauert es trotzdem mehrere Wochen, bis von dort wieder Gas kommt. 5% bis 6% der weltweiten Produktion wurden zerstört. Da kann gar nicht mehr so viel Gas kommen wie vorher. Es dauert drei, vier oder fünf Jahre, das wieder aufzubauen.

SI: Was ist im Moment denn der größere Engpassfaktor: Gas oder Öl? Mit dem unglücklichen 12-Uhr-Gesetz war Benzin ja sehr präsent, aber Frühling und Sommer dauern nicht ewig.
Spiegelsperger: Genau. Im nächsten Winter wird uns das Thema wieder auf die Füße fallen. Aber eigentlich ist da noch viel, viel mehr, wenn es um die Straße von Hormus geht. Ich sage jetzt nur mal Harnstoff, Urea, Düngemittel. Es fehlt in vielen Ländern momentan an Düngemitteln, weil allein der Kataranteil bei 15% am Welthandel lag. Insgesamt reden wir von knapp 30% aus der Region. Wir werden Probleme beim AdBlue für Dieselkraftstoffe bekommen, bei Kosmetikcremes, bei Fleisch, Getreide und Obst, weil dort Dünger gebraucht wird. In Deutschland haben wir den Vorteil, dass wir ein halbwegs wohlhabendes Land sind. Wir haben dann nur mit höheren Preisen zu kämpfen, aber in anderen Ländern ist der Dünger komplett aus. Den hätten sie jetzt zum Ausstreuen gebraucht. Es könnte durchaus zu Hungersnöten kommen. Aber es gibt noch viel mehr, z.B. Polymere, Plastik, Helium, Aluminium, Methanol; es sind so viele Dinge. Das Öl merkt man sofort an der Tankstelle, die anderen Sachen im Supermarkt. Manche Regale sind etwas leerer, andere Sachen sind teurer geworden. Wenn die Grundstoffe fehlen, wird alles knapper und teurer oder wird teilweise gar nicht mehr verfügbar sein. Auch in der Chipproduktion bekommen wir ein Problem. Computer mit hohem RAM-Speicher haben mittlerweile drei Monate Lieferzeit. Sony hat bei manchen SD-Karten Lieferprobleme. Die Grundstoffe fehlen. Helium aus Katar muss durch die Straße von Hormus, und das fehlt jetzt komplett in der Herstellung von High-End-Chips.

SI: Bei diesen Themen denkt man natürlich an Substitution. Was gibt es realistisch an Möglichkeiten, einzelne Stoffe wie den Kunstdünger zu ersetzen, etwa durch Kali, oder die Produktion in anderen Regionen hochzufahren? Im Zusammenhang mit Helium wird von optischen Chips gesprochen, an denen nun verstärkt geforscht wird.
Spiegelsperger: Anpassungen wird es geben, aber wie schnell kann das hochgefahren werden, wenn solche wesentlichen Teile wegbrechen oder ausfallen? Wenn hier 35% der LNG-Weltproduktion wegfallen, kann man das nicht einfach ersetzen. Das eine oder andere kann man ein bisschen ersetzen, und vielleicht fährt der eine oder andere die Produktion noch etwas hoch. Aber im letzten Februar hat Europa noch 15,6 Mrd. Kubikmeter gekauft, diesen März sind es nur noch 11,9 Mrd. Wir haben eine Just-in-Time-Gesellschaft und kaum Speicher. Das ist ein Riesenproblem.

SI: Gibt es eigentlich Dinge, welche die Menschen bei der Vorsorge häufig übersehen?
Spiegelsperger: Oh ja, das erlebe ich regelmäßig. Es gibt zwei Klassiker. Wasser wird am meisten unterschätzt. Es braucht leider viel Platz. Man muss hier mit zwei Liter pro Person und Tag rechnen, die man mindestens daheim haben sollte, plus vielleicht Brauchwasser fürs Kochen, Händewaschen etc. Ein zweiter Punkt, der vollkommen unterschätzt wird, ist das Licht. Beim großen Stromausfall in Berlin wurde es stockfinster; da kommt auch kein Licht mehr von der Straßenlaterne. Irgendwann fahren keine Autos mehr, weil die Tankstellen nicht funktionieren. Und wenn es dann total leise ist, hört man plötzlich Dinge in der Wohnung, die man vorher nicht gehört hat. Dann fängt die Psyche an durchzudrehen. Ich empfehle mehrere vernünftige Taschenlampen. Kurz gesagt: Licht ist Pflicht!

SI: Müssten nach einer solchen Krise nicht wieder die Energiepragmatiker gegenüber den Energieideologen Oberwasser bekommen?
Spiegelsperger: Ich hoffe es. Als Beispiel nenne ich gerne den Spanien-Blackout. Der müsste eigentlich die letzte Warnung gewesen sein. Trotzdem hört man aus der Regierung weiter, wir brauchen mehr Solar und Wind, obwohl diese die Verursacher des Ganzen waren. Der 490-seitige Abschlussbericht zeigt ganz klar, dass die Solar-Wechselrichter die Auslöser waren. Zudem verkraftet das Netz momentan gar keinen weiteren Aufwuchs der Solarenergie. Trotzdem wird es gemacht. Intern wurde aber tatsächlich dazugelernt. Zum Zeitpunkt des Blackouts hatten wir 74% Wind und Solar im Netz, seit dem Blackout sind es nur noch maximal 62%. Eigentlich müsste man den Solarausbau in Spanien mindestens so lange stoppen, bis alle Wechselrichter umgerüstet sind.

SI: Herzlichen Dank für Ihre hochinteressanten Ausführungen.

Stefan Spiegelsperger ist Anlagenelektroniker und Fachjournalist Energie und Katastrophenschutz. Sein YouTube-Kanal @OutdoorChiemgau mit über 212.000 Abonnenten ist der größte zu den Themen Energie und Vorsorge im deutschsprachigen Raum. Spiegelsperger engagiert sich zudem ehrenamtlich beim THW im Katastrophenschutz.

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