Der amerikanische Blick
To the MoonHeute nach Börsenschluss in New York wird der KI- und Chipgigant Nvidia (WKN: 918422) seine neuen Quartalszahlen veröffentlichen. Börsianer warten gespannt, und wie gut oder schlecht die Zahlen auch immer sein werden, einig ist sich die Wall Street in der Einschätzung, dass der KI-Trade weit gelaufen ist, vielleicht zu weit.
Raum für neue Fantasie, auch bei den Kursen, bietet das Weltall, und der talentierteste Anfacher auf diesem Gebiet ist Elon Musk: in Personalunion der reichste Mann der Welt, ihr erfolgreichster Raketenbauer und Marketingmaschine im Overdrive-Modus. Laut aktuellen Berichten plant Musks Lieblingsunternehmen SpaceX zum 12. Juni den Börsengang; es könnte der größte aller Zeiten werden. SpaceX strebt eine Kapitalaufnahme von bis zu 80 Mrd. USD an und dürfte an der NASDAQ unter dem Kürzel „SPCX“ notiert werden.
Die Berufsoptimisten an der Wall Street sind bereit für SpaceX. Die letzten Jahre haben ihre notorisch positive Grundeinstellung jedenfalls reich belohnt. Entsprechend geboostert sind die Egos. Nun geht der Blick nach oben, zum Mond und darüber hinaus. Es ist die amerikanische Perspektive der Pioniere, die in die Weite sehen und dort neue Freiheiten und Möglichkeiten entdecken. Andere, in engeren Räumen lebend, schauen häufiger nach unten und suchen Grund bzw. Sicherheit.
Ein IPO dieser Größenordnung bringt dem Raumfahrtsektor weltweite Aufmerksamkeit. Investoren, die bei SpaceX nicht zum Zuge kommen oder denen die Bewertung zu ambitioniert erscheint, halten nach Pure Plays Ausschau, die bereits etabliert sind.

Planet Labs (WKN: A3C84C) betreibt die wohl größte kommerzielle Flotte an Erdbeobachtungssatelliten und liefert täglich hochaufgelöste Bilder für Landwirtschaft, Verteidigung und Medien. Die Planet Labs-Marktkapitalisierung liegt bei rund 14 Mrd. USD. Im Vergleich zu den angestrebten 80 Mrd. USD von SpaceX wirkt das fast moderat. Sollte SpaceX erfolgreich debütieren, könnte der Markt auch dieses Unternehmen mit neuen Augen sehen. BlackSky Technology (WKN: A40JYA) liefert Echtzeit-Erdbeobachtung kombiniert mit KI. Mit einer Marktkapitalisierung von nur 1,5 Mrd. USD gehört die Aktie zu den spekulativeren Kandidaten im Weltraumrennen – hohes Potenzial bei entsprechenden Risiken. Wenn der Markt in den nächsten Wochen SpaceX als KI-Konzern im Weltraum begreift, wertet das die KI-Expertise von BlackSky auf, die dann womöglich weniger als spekulativer Wachstumskandidat, sondern mehr als ernstzunehmender Mitspieler gesehen werden.

Google und Blackstone wollen gemeinsam ein KI-Cloud-Unternehmen gründen, das mit Anbietern wie CoreWeave konkurrieren soll. Blackstone (WKN: A2PM4W) bringt 5 Mrd. USD Eigenkapital ein und wird die Mehrheit an den noch Namenlosen halten. Insgesamt soll das Vorhaben rund 25 Mrd. USD an Investitionen stemmen, inklusive Fremdkapital. Schon im Jahr 2027 könnte eine Kapazität von 500 Megawatt an Rechenleistung in Betrieb genommen werden. Google (Mutterkonzern Alphabet, WKN: A14Y6F) liefert die Hardware: sogenannte Tensor Processing Units (TPUs), spezialisierte Chips für KI-Anwendungen, sowie Software und Dienste. Als CEO ist Benjamin Treynor Sloss vorgesehen, ein langjähriger Google-Manager.
Der Deal ist Googles ambitioniertester Versuch, seine eigenen Chips kommerziell zu vermarkten. Bislang hat der Gigant die TPUs fast ausschließlich intern genutzt. Jas Khaira, Chef von Blackstones neuer KI-Einheit BXN1, bringt es auf den Punkt: „Kapital allein baut keine kategoriendefinierenden Plattformen. Googles TPUs, ein Jahrzehnt in der Entwicklung und grundlegend für die KI-Wirtschaft, sind genau die Art von Plattform, für die BXN1 gebaut wurde.“ Was im Deal-Enthusiasmus leicht untergeht: Die Ausgründung erlaubt es Google, große Infrastrukturpläne zu verfolgen, ohne die eigene Bilanz zu belasten. Das Joint Venture ist damit auch ein Bilanzierungsinstrument. Der Deal verschärft zudem den Wettbewerb zwischen Nvidia (siehe oben) und seinen größten Kunden: Google und Amazon entwickeln eigene Chips und bieten diese zunehmend zur Miete an – ein direkter Angriff auf das Geschäftsmodell, das Nvidia groß gemacht hat.

Von Omaha hinein ins Silicon Valley
Bei Berkshire Hathaway (WKN: A0YJQ2) übernimmt der neue CEO Greg Abel das Ruder. Warren Buffett hat die Kommandobrücke verlassen. Der Kurswechsel ist deutlich: Mit dem Einstieg bei Delta Air Lines (WKN: A0MQV8) im Umfang von rund 2,6 Mrd. USD kehrt Berkshire in ein Segment zurück, das Warren Buffett nach Verlusten während der Corona-Pandemie aufgegeben hatte. Parallel dazu setzt Abel auf Big Tech. Berkshire verdreifacht seine Alphabet-Position auf nun über 20 Mrd. USD. Da Alphabet an SpaceX (siehe oben) beteiligt ist, kann man sagen, dass Berkshire unter Abel versuchen wird, stärker am Puls der Zeit zu sein und offensiver Investmentthemen zu spielen, die Zukunft, Fantasie und Rendite versprechen. Analyst Vito Racanelli von Motley Fool: „Wir erleben den Beginn einer neuen Ära bei Berkshire Hathaway – mit Technologieaktien fest auf der Speisekarte.“
Vollständig veräußert wurden die Engagements bei Visa, Mastercard, Amazon, UnitedHealth, Charter und Domino’s Pizza. Die Position bei Chevron wurde um rund 8 Mrd. USD reduziert. Offensichtlich will Greg Abel kein Erbe verwalten, er will es gestalten, eine moderne Berkshire schaffen. Für manche Aktionäre geht dabei etwas verloren. Sophia Deng, Berkshire-Investorin, fasste es nach dem jüngsten Aktionärstreffen in Omaha so zusammen: „Die meisten kommen wegen Investmentwissen und Lebensphilosophie. Das war einer der Gründe, warum mich Berkshire anzog. Bei Greg Abel war die Betonung sehr, sehr anders. Es wurde eher eine Konferenz über operative Exzellenz.“ Eigentlich hört sich das gar nicht schlecht an. Das Börsengeschäft bedarf solcher operativer Exzellenz. Gelingt sie, kann man sich die Lebensphilosophie dann nebenbei aus der Portokasse gönnen.

Zu den Märkten
An der Börse gibt es zwei grundsätzliche Herangehensweisen – die zurückgelehnte und die nervöse. Bei letzterer wird jedes Zick und jeder Zack unmittelbar mit Bedeutung aufgeladen. Jede kleine Richtungsänderung könnte der Anfang von etwas ganz Großem sein. In aller Regel ist sie das nicht. “Hin und her macht Taschen leer” ist nicht von ungefähr eine der beliebteren Börsenweisheiten, deren Sinnhaftigkeit sich vielen aus eigener leidvoller Erfahrung nur allzu gut erschließt.
Betrachtet man dennoch das DAX-Geschehen der zurückliegenden Handelstage, dann kann man feststellen, dass der deutsche Leitindex gestern das Abwärts-Gap der Inselkorrektur aus der Vorwoche schließen konnte – mehr aber auch nicht. Das ist eher negativ, ist doch die Lehrbuchmeinung, dass es nach dem Schließen des Gaps wieder in Richtung des Gaps weitergehen sollte. Tatsächlich drehte der Kurs noch in der gestrigen Sitzung nach Süden. Allerdings ging dieser Bewegung eine sehr starke Aufwärts-Candle voraus und auch heute ist der DAX bis zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe durchaus freundlich.
Die Signale sind also ein “Mixed Bag” und das ganze Kursgeschehen findet weiter in dem Kursband statt, das – abgesehen von 2,5 Fehlausbrüchen – nun schon mehr als ein Jahr währt. Vor diesem Hintergrund spricht einiges für oben genannte zurückgelehnte Herangehensweise – beobachten, Füße still halten und erst dann handeln, wenn eine bedeutende Kursbewegung einen Ausbruch aus der Handelsspanne anzeigt.
Musterdepots & wikifolio
In unserer Rubrik Musterdepots & wikifolio berichten wir heute über unsere Ölaktien und über einen Verkauf. Die große Monatsübersicht für April finden Sie in der Ausgabe vom 22.4.2026. Im Musterdepotbereich können Sie sich durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die Transaktionen der letzten Wochen verschaffen. Um diesen Bereich zu lesen, müssen Sie Abonnent des Substanz Investor Magazins sein und sich auf der Substanz-Investor-Website einloggen. Sollten Sie Ihr Passwort vergessen haben, fordern Sie bitte ein neues bei abo@substanzinvestor.de an.
Fazit
Während sich viele Börsianer von Trump-Tweets und dem geopolitischen Tagesgeschehen beeindrucken lassen, blicken die Visionäre bereits auf die Kommerzialisierung des Weltraums. Dazu braucht es allerdings eine gute Portion amerikanischen Optimismus.
Ralf Flierl, Frank Sauerland, Ralph Malisch


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Die Charts wurden erstellt mit stock3 und Tai-Pan von Lenz+Partner. Diese Rubrik erscheint jeden Mittwochnachmittag.


