Nüchternheit hilft mehr als Begeisterung
KI-Schulden
Bahnstrecken, Kanäle, Brücken und Stromleitungen sind große Errungenschaften vergangener Jahrzehnte und Jahrhunderte. Sofern sie aufgrund mangelnder Wartung nicht marode oder einsturzgefährdet sind, leisten sie uns bis heute gute Dienste. Die aktuellen KI-Chips jedoch werden in wenigen Jahren veraltet und ausgemustert sein. Nur die Anleihen, mit denen sie eingekauft wurden, die wollen weiter bedient werden.
Genau diese Überlegung stellen Anleger gerade an. Das Ergebnis: Innerhalb weniger Tage verloren die Notierungen von KI-Börsenlieblingen wie Dell (WKN: A2N6WP), Applied Materials (WKN: 865177), Micron (WKN: 869020) und AMD (WKN: 863186) im zweistelligen Prozentbereich. Ähnlich heftig traf es die Lieferanten von Strom und Kühlsystemen für Rechenzentren. Bloom Energy (WKN: A2JQTG) verlor in einer Woche mehr als ein Fünftel, Vertiv (WKN: A2PZ5A) hat sich seit dem Rekordhoch im Mai fast halbiert.

Heute legt Meta Platforms (WKN: A1JWVX) seine Quartalszahlen vor. Bis zum Monatsende folgen Microsoft (WKN: 870747), Amazon (WKN: 906866) und Alphabet (WKN: A14Y6F). Die Schwergewichte des Technologiesektors werden zeigen, wie das KI-Geschäft läuft. Ein Blick in die Geschichte hilft schon jetzt bei der Einordnung und womöglich der Zukunftsschau.
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1817 bis 1842 war die erste große Zeit des Kanalbaus. Der Erie-Kanal kostete 7 Mio. USD, aber er senkte auch die Frachtkosten zwischen Buffalo und New York um 90%. Bald war er abbezahlt. Sein Erfolg lockte Nachahmer, die weniger kalkulierten, dafür umso begeisterter waren. Indiana, Illinois und andere US-Staaten ließen eilig auf Kredit Kanäle graben, und schon 1841 und 1842 konnten acht Bundesstaaten ihre Schulden nicht mehr bedienen.
Ab 1870 war die Begeisterung für Eisenbahnen groß. Bis 1897 verlegten Bahngesellschaften weit über 100.000 Meilen Gleis in Amerika. Denn die Bahn würde das Transportproblem des riesigen Kontinents lösen und den Investoren große Gewinne bescheren. Stattdessen erlitten Aktionäre enorme Verluste: 1873 löste die Pleite des Bankhauses Jay Cooke, das die Northern Pacific finanzierte, an der Wall Street eine Panik aus. Der Crash von 1893 ließ Northern Pacific, Union Pacific und Santa Fe zusammenbrechen. Insgesamt gingen bis 1897 die Betreiber eines Drittels des US-Eisenbahnnetzes in die Insolvenz.
Von 1905 bis 1932 wurden mit gewaltigem Kapitalaufwand fast alle großen Städte in den USA elektrifiziert. Anleger begeisterten sich: Die Fabriken würden mit den neuen Elektromotoren viel produktiver werden. Unbeachtet blieb, dass die Fabrikanten davon erst einmal überzeugt werden mussten. Danach brauchte es Jahre, um die Produktion auf den neuen Antrieb umzustellen. Währenddessen liefen bei den Investoren die Zinskosten weiter und fraßen sich ins Kapital. Die Begeisterung war weg, die Realität da. Ein erstes Warnzeichen kam schon 1907, als Westinghouse unter Zwangsverwaltung gestellt wurde. 1932 folgte das Ende: Das Versorgerimperium von Samuel Insull brach zusammen. Rund 600.000 Aktionäre verloren große Teile ihres Geldes, Insull floh nach Europa.
Kanäle, Eisenbahnen und Elektrifizierung sind geblieben. Sie brachten der Gesellschaft Fortschritt und Wohlstand. Den damaligen Anlegern haben sie allerdings oft wenig beschert außer Kapitalverlusten. Was wird von den heutigen KI-Investitionen bleiben? Die Begeisterung der Investoren wird es kaum sein. Zumindest die neu gebauten Hallen werden überdauern, in denen die schnell veraltenden Server in klimatisierten Schränken gestapelt sind. Auch die Schulden bleiben. Bis sie zurückgezahlt sind. Von wem auch immer.
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Frankreich in Flammen
Das führt direkt zu den Problemen unseres Nachbarn Frankreich. Darüber haben wir bereits vor zwei Wochen an dieser Stelle berichtet. Wir müssen es wieder tun. Die Lage eskaliert. Im Land lodern die Flammen, im realen wie im übertragenen Sinn. Hunderttausende Demonstranten waren in den letzten Tagen auf den Straßen französischer Innenstädte. Ursache war zunächst die schlechte Ausstattung der Schulen, auf die Jugendliche lautstark hinweisen wollten. Doch schnell wurden daraus Randale und wilde Zerstörungswut. Die Staatsgewalt sollte getestet werden. Teilweise überrannten die überwiegend jungen, männlichen und migrantischen Plünderer/Randalierer die Polizei und Gendarmerie. Das Rathaus von Marseille wurde verwüstet, das von Limoges niedergebrannt. Dies waren Bilder eines aufflackernden Bürgerkriegs – und sie gingen um die Welt.
Unterdessen wächst die Verschuldung des Landes rasant. Allein im ersten Halbjahr kamen 135 Mrd. EUR hinzu, rund 750 Mio. EUR an jedem Tag. Dagegen solle die Wirtschaft 2026 lediglich um ein 0,5% zulegen; die Zinszahlungen des Staates stiegen im ersten Halbjahr um 18%. Für 2027 erwartet die Regierung eine Schuldenquote von fast 122% – das Doppelte der europäischen Obergrenze. Zehnjährige französische Staatspapiere rentieren 140 Basispunkte über deutschen Bundesanleihen, so viel wie seit 2012 nicht mehr.
Man könne die Staatsanleihen im Besitz der Banque de France „ins Feuer werfen“, schlug der erklärte Präsidentschaftskandidat Jean-Luc Mélenchon als Problemlösung vor. Niemand werde merken, dass sie verschwunden seien. Möglicherweise werden diejenigen, die das Land noch immer mit Anleihenkäufen finanzieren, weniger begeistert sein. Aber was will man von einem Links-Außen-Politiker erwarten?! Der Mann, Gründer von La France Insoumise (LFI – etwa: „Das aufsässige Frankreich“), hat Chancen, nächstes Jahr bei der Präsidentschaftswahl in die Stichwahl zu gelangen. Frankreich ist die zweitgrößte Volkswirtschaft des Euroraums. Mehr als die Hälfte seiner handelbaren Schulden liegt bei Anlegern im Ausland. Wenn Paris wankt, zahlt Europa.

Teslas Kopfstand
Das waren spektakuläre Bilder. Elon Musk präsentierte der Weltöffentlichkeit den Nachfolger seines Roadster-Prototyps von 2008. Der neue Sportwagen von Tesla (WKN: A1CX3T) fuhr zunächst eine Rampe steil hinauf, und das erinnerte ergraute Auto-Aficionados sofort an eine legendäre Audi-Werbung aus der Zeit, als die deutsche Autoindustrie unangefochten Technologie- und Faszinationsführer war. In dem Spot fuhr ein Vierrad-Quattro eine schneebedeckte Skisprungschanze immer steiler hinauf, ohne wegzurutschen, und mit stockendem Atem sah man im Kino- oder Fernsehsessel zu. Teslas Roadster kann jetzt mehr. Er fährt sogar über Kopf. Er dreht sich in der Luft und landet wieder auf den Rädern. Er springt mit Kaltgas-Düsen von SpaceX über eine Reihe parkender Fahrzeuge. Porsche (WKN: PAG911) sieht dagegen alt aus.
Natürlich war das alles eine große Musk-Show. Es war Marketing für Tesla. Das Unternehmen legt heute Abend nach Börsenschluss die Zahlen zum dritten Quartal vor. Doch die Show war auch mehr als Spektakel. Musk bot Anlegern einen Blick in die Zukunft. Nicht die Zukunft der fliegenden Autos, sondern der gesamten Autoindustrie. Bei der Präsentation sagte Musk nämlich etwas, das neben dem Stunt kaum beachtet wurde: Der Roadster sei das letzte neue Auto, das Tesla für Menschen am Steuer anbieten werde. Tesla setzt stattdessen künftig auf Roboter und fahrerlose Robotaxis. Den Massenmarkt überlässt Tesla den Chinesen, analysiert WSJ-Experte Tim Higgins. Schon Anfang 2024 hat Visionär Musk gewarnt, ohne Handelsschranken überrollten chinesische Hersteller bald die meisten Autokonzerne der Welt.
Ein chinesisches Elektroauto ist in der Herstellung rund 11.000 USD billiger als ein europäisches, rechnet die Beratung AlixPartners vor. Westliche Hersteller könnten zu Nischenanbietern werden, sagt der Autoberater Michael Dunne dem Wall Street Journal. Als Ausweg bleibt das Luxussegment. Allerdings: Den Weg nach oben in die Luxussparte hat Mercedes (WKN: 710000) in den vergangenen Jahren unter der Leitung von Ola Källenius bereits versucht, mit überschaubarem Erfolg. Nüchternen Aktionären bleibt nur, strikt die Realität und damit die Kurse im Auge zu behalten. Nüchternheit hilft dem Depot in diesem Herbst mehr als Begeisterung.

Zu den Märkten
Neben Silber gilt Kupfer als Metall der KI-Ära: kein Rechenzentrum ohne Stromleitungen, keine Stromleitung ohne Kupfer. Umso bemerkenswerter ist, wie wenig das rote Metall vom Ausverkauf der KI-Aktien bislang abbekommen hat. An der Londoner Metallbörse LME kostete die Tonne am Montag 14.342 USD, nur gut 3,5% unter dem Rekordhoch von 14.875 USD vom 10.9. Im Jahresvergleich steht an der New Yorker Comex noch immer ein Plus von rund 30%. Getragen wurde der Preis allerdings weniger von der Nachfrage als vom Angebot. In Chile streikten die Arbeiter der Antofagasta-Mine Centinela zehn Tage lang, und am Dienstag meldeten BHP Group (WKN: 850524) und Anglo American (WKN: A41BF3) eine rückläufige Kupferproduktion.
Ein Teil der Sonderkonjunktur verabschiedet sich gerade. Monatelang lenkten Händler Kupfer in US-Lager, weil Washington Zölle auf raffiniertes Kupfer angekündigt hatte: 15% ab 2027, 30% ab 2028. Ende September verstrich die Entscheidungsfrist ohne Ankündigung. Inzwischen rechnet der Markt eher damit, dass die Zölle vor den Zwischenwahlen fallen. Der Aufschlag der Comex gegenüber London schmolz von rund 420 USD je Tonne Ende Juli auf zuletzt 135 USD. Wer Kupfer als Wette auf den KI-Ausbau gekauft hat, sollte wissen, dass ein guter Teil der Rally aus Streiks und Zollspekulation bestand. Wie es denen ergeht, die Kupfer nicht fördern, sondern verarbeiten, zeigte am Dienstag Aurubis (WKN: 676650; akt. Kurs: 140,80 EUR). Die Aktie verlor 4,7% und notiert gut ein Drittel unter ihrem Aprilhoch. Weniger Minenproduktion heißt für eine Hütte knapperes Konzentrat und schmalere Verarbeitungsmargen.
Veranstaltungshinweise
In rund zwei Wochen, am 6. und 7.11., öffnet „Die Rohstoffmesse“ in der Motorworld München ihre Tore. Anleger und Interessenten im Bereich Minenaktien und Explorer sollten sich diesen Termin vormerken, gerade in der aktuell turbulenten Marktsituation. Unternehmen aus aller Welt stellen sich dort nicht nur vor, die Besucher können sogar direkt mit den Vorständen ins Gespräch kommen. Auch Substanz Investor wird mit einem Stand vor Ort sein, Chefredakteur Ralf Flierl am Freitag (6.11.) auch persönlich. Auf der Rednerliste stehen unter anderem Florian Grummes, Prof. Dr. Torsten Dennin, Matthew Piepenburg sowie der Investor und Substanz-Investor-Kolumnist Björn Paffrath. Der Eintritt ist frei, vorherige Online-Registrierung auf der Seite der Rohstoffmesse München genügt.
Nur eine Woche später findet die Deutsche Goldmesse am 13. und 14.11. im The Westin Grand in Frankfurt statt. Unter den Rednern sind der Edelmetallveteran Alasdair Macleod und Col. Douglas Macgregor. Der pensionierte Militär hat sich mit seinen geostrategischen Analysen und Einschätzungen eine große Fangemeinde erarbeitet. Auch hier spricht Björn Paffrath, Herausgeber des „Der Rohstoff-König“-Anlegerbriefs. Ein besonderes Highlight sind die knapp 50 Minen- und Explorationsgesellschaften, die im Rahmen der Messe ausstellen. Hier gibt es nicht nur die Gelegenheit, sich mit anderen Investoren auszutauschen, sondern auch 1:1-Meetings mit Vertretern der Gesellschaften. Wer mehr wissen will, findet schon jetzt alle relevanten Infos auf der Seite der Deutschen Goldmesse, auf der auch die Möglichkeit zur kostenlosen Registrierung besteht.
Musterdepots – heute mit zwei echten „Schmankerln“
In unserer Rubrik Musterdepot werfen wir heute einen Blick auf die neuesten Entwicklungen bei ausgewählten Depottiteln. Der erste ist ein äußerst wachstumsstarkes Unternehmen aus dem Gesundheitsbereich, dessen Kurs zuletzt zurückgeblieben war. Das zweite Papier ist ein wahrer „Superprofiteur“ der Ölklemme. Welche Papiere das sind? Klick genügt (nur für Abonnenten des Substanz Investor). Die Septemberdaten zum Aktienmusterdepot sind in der Ausgabe vom 23.9. erschienen und auf unserer Website abrufbar. Im Musterdepotbereich können Sie sich durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die Transaktionen der letzten Wochen verschaffen. Um diesen Bereich zu lesen, müssen Sie Abonnent des Substanz Investor Magazins sein und sich auf der Substanz-Investor-Website einloggen. Sollten Sie Ihr Passwort vergessen haben, fordern Sie bitte ein neues an bei abo@substanzinvestor.de.
Fazit
Kanäle, Eisenbahnen, Stromnetze: Die Werke blieben, das Geld der ersten Investoren oft nicht. Bei der KI dürfte es kaum anders laufen.
Ralf Flierl, Frank Sauerland, Ralph Malisch


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Die Charts wurden erstellt mit stock3 und Tai-Pan von Lenz+Partner. Diese Rubrik erscheint jeden Mittwochnachmittag.




