Interview: „Vermögen ist Mittel zum Zweck“

Martin Siegel

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Substanz Investor im Gespräch mit dem Edelmetallexperten Martin Siegel über Gold, Silber und Platin sowie sein Stiftungsengagement

Substanz Investor: Herr Siegel, in unserer Juniausgabe hatten wir Ihre damals noch anhaltende Skepsis gegenüber der Silberpreisentwicklung aufgegriffen. Chapeau – das war exzellentes Timing. Woran hatten Sie Ihre Vorsicht festgemacht, und wie bewerten Sie die Lage heute?
Martin Siegel: Ich bin weiterhin vorsichtig, obwohl wir jetzt einen deutlichen Anstieg hatten. Der Goldpreis ist seinem fairen Wert weit vorausgelaufen und hat nur ungenügend zurückreagiert. Der wichtigste Faktor sind die Produktionskosten. Diese liegen bei den meisten Minen unter 2.000 USD. Bei einem Preis von 4.400 USD lässt sich die Produktion hervorragend steigern. Ich argumentiere immer über Gold, auch der Silberpreis hängt daran. Es waren viele schwache Hände in den Markt gekommen. Der große Hype bei den Anlegern ist vorbei. Was für Gold spricht, sind die Zentralbanken – aber die müssen nicht in steigende Preise kaufen und können abwarten. Längerfristig wird der Goldpreis selbstverständlich neue Höchststände erreichen, weil die weltweite Verschuldungssituation überhaupt nicht im Griff ist.

SI: Ein Argument gegen Gold ist die eher restriktive Linie der neuen Fed-Führung. Beeindruckt Sie das?
Siegel: Dieser Entwicklung gegenüber bin ich eher ein bisschen ignorant. Ich glaube, sie wird zu sehr gehypt. Viele haben ja immer gesagt: Dann fällt der Ölpreis, dann sinkt die Inflation. Und was haben wir in den letzten drei Wochen erlebt? Gold- und Ölpreis sind gestiegen, und die Zinsen sind auch oben geblieben. Das Ganze wird von der Inflationsentwicklung überrollt. Relevant ist der Cappuccino, für den man jetzt nicht mehr 2,70 EUR, sondern 5,50 EUR bezahlt. Gegen die Inflation haben wir völlig verloren. Wenn wir nur drei Jahre zurückdenken: Da waren wir bei 30.000 Mrd. USD US-Staatsverschuldung, jetzt sind es 40.000 Mrd. USD. Wenn wir alle Gewinne von NVIDIA, Exxon, Google und aller anderen US-Topkonzerne zusammenrechen und zu 100 % besteuern, reicht das für die Neuverschuldung von einem Monat. Das kriegen wir nicht mehr in den Griff. Ob die Zinsen steigen oder fallen, wird irrelevant, weil die Zentralbank diese Schulden dann aufkaufen muss – dann steigt die Geldmenge und damit die Inflation.

SI: Zwischenzeitlich flackerte die Meldung auf, dass die Golf-Notenbanken auf der Verkäuferseite standen – auch als freundlicher Akt gegenüber den USA. Was ist da dran?
Siegel: Natürlich machen die so etwas, und natürlich findet das in offiziellen Statistiken keine Berücksichtigung. Das wird über irgendwelche Leihgeschäfte abgewickelt. Grundsätzlich lassen sich die Zentralbanken nicht in die Bücher gucken; das ist ja gerade das Wesen der Goldpreismanipulation seit den 1980er und 1990er Jahren. Mein Szenario ist ein bisschen pessimistischer, und das ist einfach begründet: Der Goldpreis ist seit 2016 von 1.100 auf 4.400 USD gestiegen, und das war, gemessen am Kaufkraftverlust der Währungen, zu viel. Gerechtfertigt gewesen wäre eher ein Anstieg auf 3.200 bis 3.500 USD. Ohne Edelmetalle wird der Anleger die nächste Krise aber nicht gut überstehen. Auch wenn das Timing gerade schlecht ist: Wer noch nichts hat, sollte seine Position aufbauen.

SI: Sie trauen dem kleinen Zwischentief bei Gold und Silber also nicht? Wo liegen die Alternativen – und falls es doch ein Basisinvestment im Edelmetallbereich sein soll, was wäre interessant?
Siegel: Wenn ich das mal ganz neutral von außen betrachte, dann sehe ich durchaus sogar deutsche Aktien mit einer ordentlichen Perspektive – ich habe ja immer die Opportunitätskosten. Eine Münchener Rück z.B. – auf Sicht von drei Jahren sind das dreimal 5% Dividende plus Kursziel, oder eine BASF mit 4% Dividende, die steigerungsfähig ist. Eine Einzelaktie im Edelmetallbereich würde ich aber nie empfehlen, weil wir immer die typischen Risiken bei Bergbau, Genehmigungen und Politik haben. Das Richtige wäre eine Mischung aus fünf bis zehn Positionen. Gold braucht man in jedem Szenario. Das ist ein bisschen wie bei Kostolany und dem Dollar: Den muss man haben, ob er nun fällt, steigt oder gleich bleibt. Wir haben ja reihenweise Goldaktien mit einem KGV von zehn, die 3% Dividende zahlen. Dafür muss der Goldpreis dann aber über 4.000 USD bleiben.

SI: Vor gut einem Jahr haben Sie die kleinen Silberproduzenten als „spekulativstes Segment“ mit gewaltigem Kurspotenzial bezeichnet. Wann läutet hier erneut die Glocke zum Einstieg?
Siegel: Da bin ich gerade etwas auf dem falschen Fuß erwischt worden. Ich bin schon davon ausgegangen, dass wir gar keine Zwischenerholung bekommen, sondern einfach noch ein Stück weiter fallen – meine Zielgrößen wären etwa Gold 3.500 und Silber 40 USD, vielleicht sogar tiefer. Wenn sich jetzt bestätigen sollte, dass im Hintergrund doch die Chinesen weiter aggressiv aufbauen, dann sehen wir dieses Szenario nicht mehr, sondern steigen weiter, vielleicht doch auf die 5.000 bis 6.000 USD, die Goldman Sachs zum Jahresende prognostiziert hat. Rund 90% sind ja eher positiv zum Gold, und ich bin einer der wenigen, die ein bisschen negativ sind. Für dieses Szenario bin ich aber perfekt aufgestellt: Der Goldminenfonds ist zu 100% investiert und profitiert voll. Als wir bei über 5.000 USD waren oder Silber über 100 USD, da habe ich die kleinen Werte Stück für Stück abgebaut – die waren ja teils 200%, 300% und 400% gestiegen. Umso höher die Kurse steigen, umso mehr Risiko nehme ich raus; umso tiefer die Kurse, umso mehr baue ich wieder auf. Ich versuche also, antizyklisch zu handeln, um dann wieder im Zyklus dabei zu sein.

SI: Ein Weißmetall wird stiefmütterlich behandelt: Platin, mit dem inzwischen dritten Angebotsdefizit in Folge. Trauen Sie ihm ein Eigenleben zu?
Siegel: Bedingt ja. Ich bin da ein wenig aus Silber raus und in Platin rein, auch im Silber+Weissmetalle-Fonds. Aber das sind immer nur kleinere Prozentanteile: Ich baue Silber 1% ab und Platin 1% auf, keine radikalen Schnitte. Der Rest ist ohnehin Gold – ich brauche immer ca. 20% gute Goldwerte, weil die Liquidität in vielen Silberwerten gar nicht vorhanden ist. Im Übrigen sind meine Fonds stets voll investiert; das Makro-Timing muss der Anleger steuern. Ob man am Ende recht hat, ist eigentlich völlig einerlei – wichtig ist, ob man hinterher mehr in der Kasse hat.

SI: Blicken wir über den Tellerrand: Im November 2023 haben Sie mit 250.000 EUR die Stiftung Lebensrecht für Alle gegründet. Sie sind zudem stellvertretender Bundesvorsitzender der Aktion Lebensrecht für Alle (ALfA). Was treibt Sie hier an?
Siegel: Das Thema Lebensrecht ist in ganz vielen Bereichen relevant – Leihmutterschaft, Sterbehilfe, Schwangerschaftsabbruch, Organspende mit Widerspruchslösung. Dass sich Einzelne einfach im Katalog ein Kind bestellen können, ist für mich schlicht Menschenhandel. Der Organhandel wird verboten, der Kinderhandel erlaubt – das ist doch irre. Da engagiere ich mich, damit das nicht aus dem Ruder läuft und man die Frauen unterstützt, damit sie ihre Kinder bekommen können. Zum letzten Jahresbericht 2025 lag das Volumen der weiter stark wachsenden Stiftung bei 1,9 Mio. EUR. Den Jahresgewinn von über 80.000 EUR konnten wir der ALfA zur Verfügung stellen, vor allem für die Jugend.

SI: Zum Schluss: Wofür ist Vermögen am Ende da?
Siegel: Vermögen ist für mich Mittel zum Zweck – dass ich meine Unabhängigkeit bewahren, anderen helfen und etwas weitergeben kann. Das mache ich mit der Stiftung. Der reichste Mensch ist der, der gibt – nicht der, der hat.

SI: Vielen Dank für Ihre sehr interessanten Ausführungen.

Martin Siegel ist einer der führenden Edelmetallexperten des deutschen Sprachraums. Er leitet seit 2011 die operativen Geschäfte und die Beratung der STABILITAS-Rohstofffonds. Siegel ist Autor von insgesamt acht Büchern, die sich mit der Analyse des Goldmarkts und Investitionsmöglichkeiten in Goldminenaktien beschäftigen. Er ist gefragter Interviewpartner und regelmäßiger Kommentator auf www.goldseiten.de. Zudem engagiert er sich als stellvertretender Bundesvorsitzender der Aktion Lebensrecht für Alle (ALfA) und gründete 2023 die Stiftung Lebensrecht für Alle (siehe Anzeige auf S. 13).

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