Die kühlen Rechner gewinnen
Strom ist das Öl des KI-Zeitalters
Billige Energie erzeugt Wohlstand. Teure Energie kostet ihn. Die Empirie ist in dieser Hinsicht so eindeutig, dass man sich über jene nur noch wundern kann, die sie noch immer ignorieren oder sogar aktiv dagegen anarbeiten. Die immensen Kosten der deutschen Energiepolitik, die vom Wall Street Journal schon 2019 zur dümmsten der Welt gekoren wurde, schlüsseln wir im Beitrag „Deutscher Sonderweg“ vom 22.7. auf. Star-Investoren wie der in Frankfurt geborene Peter Thiel oder Berkshire Hathaways (WKN: A0YJQ2) neuer CEO Greg Abel kennen den Zusammenhang nur zu gut und berücksichtigen ihn bei ihren Anlagen. So sind entscheidende Teile ihrer Portfolios mit Aktien aus dem Energiesektor bestückt. Das zeigen frisch veröffentlichte 13F-Meldungen, die institutionelle Vermögensverwalter bei der amerikanischen Aufsichtsbehörde SEC einreichen müssen.

Bei Peter Thiels Fondsvehikel Thiel Macro macht der Sektor rund 72% des neu aufgebauten Portfolios aus, mit Positionen bei Versorgern wie American Electric Power (WKN: 850222), DTE Energy (WKN: 853943), FirstEnergy (WKN: 910509), CMS Energy (WKN: 850795) und dem texanischen Stromproduzenten Vistra (WKN: A2DJE5). Größte Einzelposition ist Amazon (WKN: 906866). Auch das passt ins Bild. Der Konzern treibt seinen Einstieg in die Atomkraft voran, um die Stromversorgung seiner neuen Rechenzentren zu sichern. Bei Berkshire Hathaway wiederum bildet Ölförderer Occidental Petroleum (WKN: 851921) zusammen mit Chevron (WKN: 852552) seit Langem den Energie-Anker im Depot. Buffett-Nachfolger Abel hat daran in seinem zweiten Quartal als CEO nichts geändert. Die Chevron-Position war allerdings bereits im ersten Quartal 2026 um 35,2% reduziert worden.
Tausende neuer Rechenzentren werden gerade gebaut oder geplant. Jedes einzelne hat einen Stromhunger, welcher dem Bedarf einer Kleinstadt gleichkommt. Ohne zuverlässigen Kraftwerksstrom wären die klimatisierten Hallen voller Racks schnell Investitionsruinen. Wie weit dieser Bauboom trägt und an welcher Stelle er kippen kann, haben wir in der aktuellen Print-Ausgabe „Das große Bild: Der Rausch der Rechenzentren“ untersucht. Der Strom muss fließen, koste es, was es wolle.

Möchte man in das Öl des KI-Zeitalters nicht über Einzelaktien investieren, so bieten sich ETFs an, die den Sektor breit, aber mit unterschiedlichen Schwerpunkten abdecken. Wer auf den Netzausbau als Renditebringer setzt, wählt den First Trust Nasdaq Clean Edge Smart Grid Infrastructure (WKN: A3DGK5) oder die europäische Variante Global X European Infrastructure Development (WKN: A40E7B). Als Allrounder gilt der iShares Global Infrastructure (WKN: A0LEW9). Defensive Anleger greifen zum SPDR Morningstar Multi-Asset Global Infrastructure (WKN: A12EAR), der über Branchen, Regionen und Anleihen streut.

Kalkulation schlägt Vision
Am Automarkt wird 2026 nicht länger die zeitgeistigste Zukunftsvision belohnt, sondern die kühlste Kalkulation. Chinas Vorzeige-Autobauer Geely (WKN: A0CACX) steigert den Quartalsgewinn gerade um 36% und die Exporte im ersten Halbjahr um 157,6%, was deutschen Autobauern bekanntlich die Schweißperlen auf die Stirn treibt. General Motors (WKN: A1C9CM), von Mainstream-Medien lange abgeschrieben, reagiert auf die Nachfrageverschiebungen, drosselt die E-Autoproduktion und erfreut Kunden und Kurse jetzt mit neuen, starken Benzinern. Verlierer im umkämpften Weltautomarkt sind aktuell die vermeintlichen Visionäre. BYD (WKN: A0M4W9) setzt voll auf das E-Auto und wächst – vor allem dank Kampfpreisen – außerhalb Chinas beim Absatz um erstaunliche 124%. Dennoch verringert sich der Börsenwert. Auf dem Heimatmarkt läuft es schlecht und der Aufbau des europäischen Marktes ist teuer.
Bei Tesla (WKN: A1CX3T), dem eigentlichen Pionier des modernen E-Autos, parken unverkaufte Wagen auf firmeneigenen Arealen in engen Reihen. Die US-Behörde NHTSA untersucht seit Ende Juli Fahrwerksprobleme an 1,2 Mio. Tesla-Fahrzeugen. Immerhin wird die Robotaxi-Fantasie von Tesla-Chef Elon Musk wachgehalten. In der Gesamtschau sorgt die Aktie bei ihren Eignern dennoch für Verdruss mit bislang rund 25% Minus in diesem Jahr. Analysten stufen das Unternehmen mehrheitlich nur noch mit „Halten“ ein. Deutschen Autobauern geht es bekanntlich kaum besser. Der Kurs von BMW (WKN: 519000) brach Mitte Juni um 7% ein, nachdem die Münchner die Gewinnprognose gesenkt hatten. Dabei galt BMW bislang als wahrscheinlich bestgeführter deutscher Autokonzern. Ein Vergleich der Notierungen in einem Chart zeigt, dass Geely und GM sich im laufenden Jahr derzeit am besten entwickelt haben, Geely mit knapp 5%, GM mit knapp 3% Gewinn. BMW verschreckt Aktionäre mit rund 36% Verlust auf der Kurstafel. Ernsthafte Gegenwehr ist in der Kursentwicklung kaum zu erkennen. Das mahnt weiter zur Vorsicht.
Wachstum ohne Wohlstand
Es scheint paradox. Aktien steigen überwiegend, aber am Arbeitsmarkt ist von den Firmenerfolgen wenig zu merken. Der amerikanische Leitindex S&P 500 legt seit Jahresbeginn um 13% zu und die Unternehmensgewinne wachsen zweistellig. Neue Arbeitsplätze entstehen in Amerika jedoch kaum. Im Gegenteil, in den USA gehen im Juli unter dem Strich 23.000 Stellen verloren, und die Zahlen für Mai und Juni werden nachträglich um zusammen 103.000 nach unten revidiert. Die wenigen neuen Jobs finden sich vor allem im Gesundheits- und Sozialsektor. Die Lohnsteigerungen bleiben mit 3,2% unter der Inflationsrate von 3,4%.
In Deutschland ist die Lage anders: nämlich schlechter. Aber das darunterliegende Muster ist ähnlich – und die Aussichten können geradezu alarmieren. Der Zuwanderung gering qualifizierter Menschen steht ein schrumpfender Arbeitsmarkt gegenüber. Innerhalb der letzten zwölf Monate sind in Deutschland 144.100 Industriearbeitsplätze verschwunden. Bleiben Zuwanderer dauerhaft auf staatliche Leistungen angewiesen, belasten sie das Sozialsystem strukturell. Gleichzeitig macht eine steigende Abgabenlast einfache Arbeit immer teurer. Bei Lohnnebenkosten über 40% werden Automatisierung und Robotik menschliche Arbeit zunehmend ersetzen. Welche Unternehmen von dieser Verschiebung leben, zeigte schon unser Beitrag „Die kommende Roboterrevolution“ aus Substanz Investor 3/2026. Es entsteht eine Wirtschaft, die zwar wächst, dabei aber kaum Wohlstand für Beschäftigte generiert.
Anleger sind Kapitalgeber. Über Aktien profitieren sie von der Automatisierungswelle, die von Künstlicher Intelligenz (KI) und der Abgabenbelastung menschlicher Arbeit noch verstärkt wird. Ein breit investierender ETF wie der iShares Core MSCI World (WKN: A0RPWH) kann als Basisinvestment dienen. Als Ergänzung eignet sich Gold, falls der Staat den ausufernden Bedarf der Sozialsysteme über neue Schulden decken will und dabei die Geldmenge weiter aufbläht.

Zu den Märkten
Der DAX führte in der vergangenen Woche vor, wie schmal der Grat zwischen Rekord und Rücksetzer ist. Am 12.8.2026 markierte der Index bei 26.573 Punkten ein neues Allzeithoch, gab von dort aber gleich wieder nach. Das könnte zwar eine normale Korrektur sein, aber schon der technische Zustand des Hochs ist wenig überzeugend. Im Gipfelbereich überwiegen die roten, abwärtsgerichteten Tageskerzen, und die Umsätze stiegen ob des Kurszuwachses nicht etwa an, sie gingen zurück.
Bedenklich ist vor allem der Auslöser, und der heißt wieder einmal Iran-Krieg. Das 60-tägige Verhandlungsfenster schloss sich ohne eine sichtbare Lösung oder Vereinbarung. Danach wurden erneut Drohungen ausgestoßen. Zuletzt kokettierte US-Präsident Trump gar mit der Idee, aus der Straße von Hormus amerikanisches Territorium zu machen. Der Iran wird die Frist, da sind sich die Experten ausnahmsweise einmal einig, genutzt haben, militärische Anlagen zu reparieren und die Raketenproduktion wieder hochzufahren. Dass die iranische Führung die eigene Haut so teuer wie möglich verkaufen will, ist gegenüber einem unberechenbaren Gegner durchaus rational. Der Ölpreis tat, was er in solchen Situationen immer tut, er stieg.
Zu allem Überfluss nahm zuletzt noch ein weiterer Belastungsfaktor Fahrt auf. Die dreißigjährige US-Rendite notiert so hoch wie seit fast zwei Jahrzehnten nicht mehr. Die Anleger sorgen sich ein wenig um die Inflation, derzeit vor allem aber um den Kapitalhunger des KI-Ausbaus. In dieser Situation brach gestern die sicher geglaubte Erholung der Halbleiter-Aktien ab. Der Philadelphia Semiconductor Index verlor 5%, in Asien folgten der Kospi mit 5,4% und der Nikkei mit einem Minus von 3%.
Konsequenterweise führten am selben Tag Infineon und Siemens Energy die DAX-Verlierer-Liste an, ausgerechnet jene beiden Werte, die den DAX in diesem Jahr als Zulieferer des Rechenzentrumsbooms nach oben getragen haben. Gibt es Bedenken hinsichtlich der Finanzierbarkeit, leiden auch die Schaufelverkäufer des KI-Booms. Am nächsten Mittwoch, den 26.8., kommt es dann nachbörslich ohnehin zum Schwur – Chip-Gigant Nvidia (WKN: 918422) liefert seine Quartalszahlen und der Spielraum für Enttäuschungen ist in dieser Situation minimal. Noch ein Datum für den Terminkalender: Vom 27. bis 29.8.2026 trifft sich die Notenbankwelt in Jackson Hole. Im Vorfeld dürfte mit größeren Wetten ebenfalls eine gewisse Zurückhaltung herrschen.
Musterdepots
In unserer Rubrik Musterdepot berichten wir heute unter anderem über die Entwicklung bei unseren Edelmetall-Aktien. Unsere große Monatsübersicht für den Juli, inklusive Tabelle und Transaktionsliste, finden Sie in Ausgabe 30/2026. Im Musterdepotbereich können Sie sich durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die Transaktionen der letzten Wochen verschaffen. Um diesen Bereich zu lesen, müssen Sie Abonnent des Substanz Investor Magazins sein und sich auf der Substanz-Investor-Website einloggen. Sollten Sie Ihr Passwort vergessen haben, fordern Sie bitte ein neues an bei Mailto: abo@substanzinvestor.de.
Fazit
Wohlstand entsteht dort, wo Energie billig ist und Kapital ideologiefrei investieren darf. Thiel und Abel kaufen deshalb Kraftwerke statt (grüner) Visionen. Der Strom muss fließen, und bezahlt werden will er auch.
Ralf Flierl, Frank Sauerland, Ralph Malisch


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Die Charts wurden erstellt mit stock3 und Tai-Pan von Lenz+Partner. Diese Rubrik erscheint jeden Mittwochnachmittag.


