Der teure Umbau der Volkswirtschaft
Eintausend MilliardenRund 1.000 Mrd. EUR hat die deutsche Energiewende bislang gekostet. Das sagt nicht die Opposition, das sagt Christian Kullmann, Chef des Spezialchemiekonzerns Evonik (WKN: EVNK01). Was hat die Wende bisher gebracht? Auf Anfrage konnte die Bundesregierung keine Gesamtrechnung vorlegen. Eine Aufteilung zwischen privaten und öffentlichen Investitionen sei „methodisch kaum durchführbar“. Man baut die halbe Volkswirtschaft um und führt keine Kostenrechnung durch. Würde sich das ein Unternehmen erlauben?

Wohl kaum. Denn verantwortliche Unternehmer werden die Kosten idealerweise im Griff behalten, zumindest aber im Auge. Sonst scheiden sie nämlich eher früher als später aus dem Markt aus und können dann gar keine Kundenwünsche mehr erfüllen. Das gilt besonders für Deutschlands börsennotierten Energiesektor, der sich trotz staatlicher Eingriffe bislang behauptet: auch weil ihm und seinen CEOs die internationalen Shareholder auf die Finger schauen und über aktuelle Börsenkurse unmittelbare Rückmeldung geben. Auf diese Steuerungshilfe müssen planende Politiker und exekutierende Verwaltungen verzichten. Ihre Instrumente sind nachlaufende Statistiken sowie mehr oder weniger gute Absichten und Pläne.
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Ein Blick auf drei einschlägige Werte zeigt, wie genau der Markt hinschaut und Rückmeldung gibt. Uniper (WKN: UNSE02) notiert Mitte Juli bei rund 43 EUR, deutlich über dem Zwölf-Monats-Tief von 27,30 EUR im November 2025, aber noch unter dem Hoch von 56,20 EUR aus dem Mai. Den Kurs drückt zurzeit die Anlegerbefürchtung, dass der Bund, klamm wie immer, überhastet weitere Uniper-Anteile aus Staatsbesitz in den Verkauf gibt. Verlässlich zahlt RWE (WKN: 703712) Dividende. Für 2026 sind 1,32 EUR in Aussicht gestellt. Es wäre eine Steigerung von 10% gegenüber dem Vorjahr, und das schätzen Anleger, zumal RWE für die Ausschüttung nicht die Substanz angreifen muss. Siemens Energy (WKN: ENER6Y) reagierte auf die Bundestagszustimmung zum Kraftwerksgesetz mit einem Kursrückgang von fast 3%. Hier dürfte die Börsenweisheit gelten: „Buy the rumor, sell the news.“

Um 22 Uhr schließt heute die Börse in New York. Um 23 Uhr wird dann IBM (WKN: 851399) seine Quartalszahlen vorlegen und einen Geschäftsausblick wagen. Vor einer Woche hatte Konzernchef Arvind Krishna die Anleger mit einer vorgezogenen Gewinnwarnung überrascht. Die Aktie brach prompt um 25% ein. Es war der schwärzeste Handelstag seit Jahrzehnten. Der Börsenwert fiel unter 200 Mrd. USD, kaum ein Neuntel dessen, was der einstige Zulieferer Broadcom (WKN: A2JG9Z) mittlerweile wert ist.
Heute Nacht wird sich zeigen, ob der Einbruch beim Hardwaregeschäft von IBM nur eine Momentschwäche war, da bisherige IBM-Kunden ihr Geld gerade in KI-Rechenzentren stecken. Oder sind Gewinnwarnung und Kursverfall bereits Zeichen für den Anfang vom Ende des klassischen Geschäfts? Dann könnte an der Wall Street bald sogar über die Zerschlagung des Konzerns spekuliert werden. Was dem Aktienpreis womöglich Auftrieb verliehe.

Apple (WKN: 865985) ist an der Börse plötzlich angesagt und erfreut seine Aktionäre mit knapp 20% Kursgewinn seit den letzten Zwischentiefs. Die restlichen Mag7 dagegen werden abgestraft. Wir greifen beispielhaft Microsoft (WKN: 870747), Nvidia (WKN: 918422) und die Google-Mutter Alphabet (WKN: A14Y6F) heraus, die Kursrückgänge von 4%, 6% und 8% erlitten. Halbleiterhersteller wie Micron (WKN: 869020) erschütterten Investoren gar mit prozentualen Rückgängen von 25% und mehr allein im laufenden Monat. Dahinter steckt ein Wechsel der Börsenerzählungen. Bisher galt Folgendes: Wie im kalifornischen Goldrausch der 1850er-Jahre verdienen nicht die Goldschürfer in den Bergen das Vermögen, sondern die Schaufelhersteller in den Städten, die den Schürfern die Ausrüstung verkaufen.
Die Schaufelhersteller des KI-Booms der letzten drei Jahre sind die Halbleiter-, Speicherchip-, Grafikkartenproduzenten. Apple gehört nicht dazu. Für den Hersteller schicker Wisch-Telefone lautete die Einschätzung: Das iPhone ist toll, es wird aber wegen der anziehenden Speicherpreise immer teurer. Apples Siri ist weniger toll und überhaupt hat Apple den Trend zur Künstlichen Intelligenz (KI) verpasst. Es besitzt kein eigenes konkurrenzfähiges Large Language Model (LLM) und tätigt keine großen Investitionen in Rechenzentren. Doch die Erzählung über einen schlafmützigen Smartphone-Riesen gilt nicht länger. Plötzlich ist und war Apple immer besonders clever, nur haben das die Anleger bislang nicht verstanden. Jetzt aber haben sie und kaufen. Denn Apple hat seine riesigen Cash-Vorräte eben nicht durch teure Entwicklungsversuche eigener KI verbrannt oder durch das hektische Hochziehen von KI-Rechenzentren. Stattdessen verkauft Apple schlank nur den Zugang zur KI. Man steht an der Pforte und hält die Hand auf. Das funktioniert, kostet wenig, bringt viel ein.
In China hat man sogar die Genehmigung für Apple Intelligence bekommen. Schlau hat sich Apple dafür mit den örtlichen Platzhirschen Alibaba (WKN: A117ME) und Baidu (WKN: A0F5DE) verpartnert. China ist für das Unternehmen nach den USA der zweitwichtigste Markt. Die Chinesen sind verrückt nach iPhones und nach KI-Funktionen. Wenn es nun beides in einem Gerät gibt, dürfte das die Nachfrage zusätzlich ankurbeln. Der erste harte Realitätscheck für die neue Erzählung ist nächste Woche: Am 30. Juli legt Apple Zahlen für das dritte Quartal vor. Dann zeigt sich, ob die jüngste Rally von Umsatz- und Gewinnzahlen gestützt wird. Oder ob Apple-Investoren weiter auf eingängige Börsenerzählungen hoffen müssen. Die Bank HSBC jedenfalls traut dem Konzern einiges zu. Sie hob gerade ihre Einstufung von „Hold“ auf „Buy“ und schraubte das Kursziel von 260 auf 366 USD hoch.
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10 Jahre Hayek-Club Weimar
Der Hayek-Club Weimar feiert sein zehnjähriges Bestehen und lädt am 15. August 2026 zu einer Tagung, die das Beste der Österreichischen Schule versammelt. Unter dem Titel „Zurück zur Vernunft: Mit der Österreichischen Schule gegen Planwirtschaft und Interventionismus“ sprechen unter anderem Gerd Habermann über die lebensfreundliche Botschaft der Austrians, Markus Krall über die metaphysischen Grundlagen der Freiheit und Thorsten Polleit über Kant und den Libertarismus. Wer fundierte Argumente und klare Gedanken schätzt, wird an diesem Tag auf seine Kosten kommen. Dazu gibt es reichlich Gelegenheit zum Austausch mit Gleichgesinnten in entspannter, sommerlicher Atmosphäre.
Karten und Anmeldung: hayek.club.weimar@mail.de

Silberstreif für die zweite Stufe
Im Juniheft (SI 6/2026) widmeten wir uns dem Rohstoff Silber als Titelstory. Nach der extremen Hausse vom Jahresanfang und dem anschließenden Kurseinbruch fragten wir uns, ob es das mit der Erfolgsgeschichte des weißen Metalls bereits war. Oder waren wir nur Zeugen einer Korrekturphase, die es an Ruppigkeit mit dem vorangegangenen Anstieg aufnehmen konnte. Unsere Hauptthese bestand darin, dass es – nicht zuletzt aufgrund der überzeugenden Fundamentaldaten und der anhaltenden Defizitsituation – zu einer weiteren Haussebewegung kommen könnte. Der aktuelle Blick auf den Chart deutet an, dass der Rückschlag nun in die Bodenbildung übergegangen sein dürfte und die Kursbewegung zunehmend konstruktiver wird. Zwar wurde in den letzten Tagen zunächst ein neues Bewegungstief erreicht, der Kurs schnalzte aber unmittelbar danach wieder nach oben. Das Angebot für einen weiteren Abwärtsschub wurde also klar zurückgewiesen. Zudem liegen knapp unter dem aktuellen Preis zwei massive Unterstützungen – das Ausbruchsniveau des Vorjahres und die einsame Spitze aufgrund der Hunt-Spekulation im Jahre 1980. Zwar ist nicht auszuschließen, dass beide Linien im Rahmen eines letzten Ausschüttlers noch einmal kurzfristig verletzt werden, für uns bleibt es aber dabei: Der Rücksetzer ist nur eine Korrektur, keine Trendwende. Wer das Zünden der ersten Stufe verpasst hat, bekommt vor der zweiten eine neue Chance.

Zu den Märkten
Der DAX (blau) zeigt sich in der Nähe seiner Rekordstände weiter erstaunlich unbeeindruckt von den aktuellen Turbulenzen. Nach dem Allzeithoch von rund 25.900 Punkten Anfang Juli hat sich der Leitindex bei etwas über 25.000 eingependelt. Charttechnisch bedeutsam dürfte der Unterstützungsbereich zwischen 24.500 und 24.000 sein. Sollte dieser nicht halten, könnte sich eine mögliche Kursschwäche dynamisch nach unten entladen. Obwohl sich der deutsche Leitindex im Moment noch da befindet, wo er sich in den letzten Monaten schon so oft befand – im Niemandsland, haben die Bären derzeit doch leichte Vorteile. Der gescheiterte Ausbruch nach oben ist klar negativ. Ebenso ist die Marktreaktion auf die überraschend festen ZEW-Konjunkturerwartungen, die im Juli kräftig zulegten, doch eher verhalten. Belastungsfaktoren bleiben der Ölpreis und die schwelende Eskalation am Golf.
Nun könnte man denken, dass insbesondere die Kriegsängste und das kräftig angekurbelte Rüstungsgeschäft mit dem Schwergewicht Rheinmetall (WKN: 703000, rote Linie) einen echten Gewinner produziert hätten. Phasenweise war das auch so, aber diese Zeit ist vorbei. Beim Substanz Investor setzten wir den Titel schon im August 2025 auf die K.O.-Liste. Zwar trieb die allgemeine Rüstungseuphorie das Papier noch auf ein Rekordhoch bei rund 2.000 EUR im September 2025, von dort hat das Papier jedoch gut die Hälfte eingebüßt und markierte Ende Juni bei 902,50 EUR ein Zwölf-Monats-Tief. Zuletzt konnte sich die Aktie auf rund 1.000 EUR zurückkämpfen. Warum der Titel trotz überquellender Auftragsbücher und eines für 2026 in Aussicht gestellten Umsatzsprungs auf über 14 Mrd. EUR nach unten durchgereicht wurde, muss man eigentlich nur Nicht-Börsianern erklären. Es handelt sich um ein „fait accompli“, wie es Börsenaltmeister André Kostolany nannte – Zeitenwende und Aufrüstungsprogramm waren längst im Kurs eingepreist.
Musterdepots
In unserer Rubrik Musterdepot berichten wir heute über den volatilen und per Saldo wenig erfreulichen Monat Juli. Davon lassen wir uns aber nicht entmutigen. In einigen Bereichen haben wir nun regelrechte Schnäppchenpreise erreicht, die wir durch umfangreiche Käufe nutzen wollen. Mehr dazu in unserem heutigen Musterdepotteil. Ferner finden Sie dort heute auch unsere große Übersichtstabelle für den Juli inklusive Transaktionsliste. Im Musterdepotbereich können Sie sich durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die Transaktionen der letzten Wochen verschaffen. Um diesen Bereich zu lesen, müssen Sie Abonnent des Substanz Investor Magazins sein und sich auf der Substanz-Investor-Website einloggen. Sollten Sie Ihr Passwort vergessen haben, fordern Sie bitte ein neues an bei Mailto: abo@substanzinvestor.de.
Fazit
Das beherrschende Thema dieser Woche bleibt die Künstliche Intelligenz, wenn auch mit vertauschten Rollen. Apple gilt nun als der clevere Zaungast, während sich für die anderen immer mehr herauskristallisiert, was wir beim Substanz Investor schon vor Monatsfrist schrieben: „Die KI-Revolution frisst ihre Kinder“.
Ralf Flierl, Frank Sauerland, Ralph Malisch


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Die Charts wurden erstellt mit stock3 und Tai-Pan von Lenz+Partner. Diese Rubrik erscheint jeden Mittwochnachmittag.



