Knirschen im System
Boom oder Blase
Um mehr als 15% sollen Nvidias KI-Server teurer werden. Kaum sickerte die Meldung durch, setzten hektische Aktienverkäufe im Tech-Sektor ein. Allein am Montag verlor die Nvidia-Aktie (WKN: 918422) knapp 3%. Es war der siebte Verlusttag in Folge und damit die längste Negativserie seit 2022. Speicherhersteller wie Micron (WKN: 869020) und Western Digital (WKN: 863060) sackten zeitweise über 6% ab. Sie litten zusätzlich unter Berichten, die US-Regierung könne Apple den Bezug von DRAM bei CXMT und NAND bei YMTC erlauben. Für Nvidia-Chef Jensen Huang ist das eine denkbar schlechte Ausgangslage. Heute Abend nach US-Börsenschluss tritt er vor die Weltöffentlichkeit und präsentiert die Geschäftszahlen des abgelaufenen Quartals und – wichtiger noch – wagt einen Ausblick.
Dieser muss einerseits visionär sein, um dem jüngsten Kursrutsch Einhalt zu gebieten. Andererseits hat der Ausblick glaubwürdig zu sein, um … nun ja, dem Kursrutsch Einhalt zu gebieten. Es ist eine fast unlösbare Aufgabe. Die der Kroko-Lederjacken-Fan Huang allerdings schon mehr als einmal mit Bravour gemeistert hat. Marktakteure zeigen sich im Vorfeld skeptisch, das heißt, sie zögern mit Aktienkäufen. Ob Microsoft, Google und Oracle die kolportierten Aufschläge bei Nvidia-Produkten ohne Bestellkürzungen schlucken werden, entscheidet in den kommenden Monaten, wie es um die Preissetzungsmacht des KI-Taktgebers bestellt ist.

Der eigentliche Test in der Nacht zum Donnerstag ist nicht, ob Nvidia die erwarteten 91 Mrd. USD Umsatz übertrifft, das gilt als Formsache. Entscheidend ist der Ausblick aufs dritte Quartal. Eine Guidance jenseits von 104 Mrd. USD würde als Befreiungsschlag gewertet, dazu jedes Signal bezüglich China, wo Nvidias Prognosen für das Rechenzentrumsgeschäft bislang mit null (!) Umsatz kalkulieren. Der US-Finanzdienst TIKR beschreibt die Nvidia-Aktie als „priced for near-perfection“. Die großen Gewinne dürften Anleger vorerst gesehen haben. Gegen eine zum unmittelbaren Bersten ausgewachsene KI-Blase spricht aber das aktuelle Realitätsbewusstsein, um nicht zu sagen: die Angst im Markt, etwa die, dass es gewaltig im Kursgebälk knirschen wird, sollte Huang in den nächsten Stunden enttäuschen.

Plattfuß bei VW
Das Volk kann sich Volkswagen kaum noch leisten. Die Besserverdiener können es. Aber die wollen oft nicht. Sie suchen und finden Passenderes. Folglich notiert die VW-Vorzugsaktie (WKN: 766403) rund 20% unter ihrem 200-Tage-Durchschnitt. Hoffnung ist erst einmal nicht in Sicht.
Da hilft auch die tapfere Tournee von Oliver Blume durch neun Betriebsversammlungen wenig. In Wolfsburg, Braunschweig, Salzgitter, Emden, Zwickau, Chemnitz, Dresden, Kassel und zum Abschluss am 31. August 2026 in Hannover wird sich der Konzernchef die verbalen Backpfeifen von Belegschaft, Gewerkschaft und Medien abholen. Trotzdem reicht es nicht, mit glühenden Wangen bewiesen zu haben, ein Steher zu sein. Das zeigt schon der Auftakt in Wolfsburg:
Blume hatte im Intranet vorgerechnet, VW habe einen Kostennachteil von rund 20% gegenüber Vergleichsunternehmen. Ohne eine Verringerung der Arbeitskosten ergäbe sich daraus ein nötiger Abbau von „theoretisch“ 50.000 Stellen weltweit. Betriebsratschefin Daniela Cavallo kritisierte Blumes Rechnung öffentlich; die bedeute: „Wenn Ihr es für die Hälfte der Bezahlung macht, wollen wir nur 25.000 rausschmeißen.“ Cavallos Urteil: Das Vertrauen in den Vorstand sei beschädigt.
Überzeugende Aussagen zur Richtung, die VW einschlagen will, fehlen in Blumes Ausführungen. Die Autos verkaufen sich allein durch Sparen schließlich kaum besser. 1974 stand VW schon einmal am Abgrund. Der Käfer war alt. Der Heckmotor-Nachzügler 411 ein Flop, das Käfer-Nachfolgeprojekt EA 266 eine Sackgasse. Vorstandschef Rudolf Leiding, mit dem Rücken zur Wand, stoppte das Projekt und setzte alles auf eine Karte: den mutigen Entwurf des Italieners Giorgetto Giugiaro. Der kantige Golf I mit Frontmotor kam und rettete den Konzern, wurde ein Weltbestseller. Leiding sparte VW nicht aus der Krise, er gab dem Konzern eine frische Idee.

Die härteste Währung
Ab dem morgigen Donnerstag treffen sich rund 120 Geldpraktiker und Geldtheoretiker zum Jackson-Hole-Symposium in Wyoming. Wichtig für die Börsen ist nur ein Mann: Fed-Chef Kevin Warsh. Der US-Zentralbankchef hält dort am Freitag, 28. August 2026, seine erste Grundsatzrede im Amt. Sie wird Kurse beeinflussen. Warsh hat seit seinem Amtsantritt im Mai kaum klare Signale gegeben, und sein FOMC-Gremium ist gespalten: Beim Juli-Treffen stimmten drei Mitglieder gegen einen weiter unveränderten Leitzins; sie wollten sofort anheben.
Die eigentliche Frage, die in Jackson Hole beantwortet wird, ist keine Zinsfrage. Sie lautet vielmehr: Kann Warsh das Vertrauen zurückgewinnen, das US-Finanzminister Scott Bessent letzte Woche erschüttert hat? Bessents hastig verkündetes Anleihen-Rückkaufprogramm sollte die Märkte beruhigen. Stattdessen hat es sie alarmiert. Es wirkte nur rund 48 Stunden. Die Rendite dreißigjähriger Staatsanleihen notiert seither nahe ihrem 19-Jahres-Hoch.
Der Finanzminister lässt in der Aktion letztlich nur langfristige Staatsschulden gegen kurzfristige Staatsschulden tauschen, die Summe bleibt gleich. Offenbar durchschauten Marktteilnehmer die Sache schnell. In der Folge schoss der Kurs des Bitcoins nach oben, der Euro gewann gegenüber dem Dollar hinzu und auch Gold, ultimativer Krisenanzeiger, drehte hoch.
Der Hedgefonds-Manager Ray Dalio analysiert seit Längerem, dass die meisten Staaten Schuldenprobleme hätten. Er erwartet „in den Volkswirtschaften einen Anpassungsprozess, der von hoher Verschuldung und einer Entwertung der jeweiligen Währungen geprägt sein wird“. Das sind beunruhigende Langfrist-Aussichten. Für den Rest dieser Woche gilt aber zunächst: Zeigt Warsh in Jackson Hole, dass die Fed die Lage versteht und im Griff zu haben scheint, dann kehrt Ruhe ein in den Markt. Wirkt Warsh jedoch wie ein Getriebener, hilft kein Rückkaufprogramm der Welt. Die letzte, flüchtigste, paradoxerweise aber härteste Währung der Welt heißt Vertrauen.

Zu den Märkten
Bitcoin kannte zuletzt nur zwei Aggregatzustände: Langeweile oder Vollgas – letzteres durchaus in beide Richtungen. Seit dem Allzeithoch vom 6.10.2025 bei über 126.000 USD wurde der Kurs in einer Folge tieferer Hochs nach unten durchgereicht. Nachdem der Rebound am 14.1.2026 bei knapp 98.000 USD scheiterte, ging es in einem Rutsch bis Anfang Februar auf rund 60.000 USD in die Tiefe. Einer weiteren Zwischenrally bis an knapp 83.000 USD ging in der ersten Maihälfte die Luft aus. Es folgte ein Abverkauf bis unter 58.000 USD am 1.7.2026.
Dann wurde es ruhig und der Bitcoin schwankte unter geringen Umsätzen in einer engen Handelsspanne. Dass wieder Leben in den Kurs kam, war auch US-Finanzminister Bessent zu verdanken (s.o.). Sein Herumrudern zeigte den Marktteilnehmern, wie wichtig es ist, in US-Dollar-Alternativen zu denken. Plötzlich waren Edelmetalle und Kryptos wieder im Spiel. Ein Teil der Aufwärtsdynamik beim Bitcoin ist durch die Zwangsliquidierung von Shorts in Höhe von rund 3 Mrd. USD zu erklären. Einige Marktteilnehmer waren schlicht auf dem falschen Fuß erwischt worden. Im Zuge dieses Short Squeezes konnte auch der Abwärtstrend kraftvoll durchbrochen werden. In der Folge kam es zu knapp 2 Mrd. USD an Zuflüssen in die Spot-ETFs. Wie viel echte Kraft jenseits der Short-Covering-Rally im Kurs steckt, wird sich aber erst noch zeigen müssen.
Deutsche Goldmesse in Frankfurt
Am 13. und 14. November 2026 trifft sich die Minenbranche im Westin Grand Frankfurt zur Deutschen Goldmesse. Gut 40 überwiegend kanadische, vereinzelt australische Explorations- und Produktionsgesellschaften stellen sich vor – von 1911 Gold über First Majestic bis Troilus. Dazu Vorträge von Alasdair Macleod, Warren Gilman, Clem Chambers und Neil Adshead. Interessant dürfte auch der Rahmen werden: Die Veranstalter vermitteln Einzelgespräche zwischen Anlegern und Vorständen. Wer wissen will, wie belastbar eine Bohrmeldung ist, fragt am besten den, der sie unterschrieben hat. Die Teilnahme ist für qualifizierte Investoren kostenlos, Anmeldung über deutschegoldmesse.online.
Musterdepots
In unserer Rubrik Musterdepot berichten wir heute unter anderem über die Entwicklung unserer Musterdepots im August inklusive Tabelle und Transaktionsliste. Ferner geben wir Kauforders für zwei gute alte Bekannte ein. Im Musterdepotbereich können Sie sich durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die Transaktionen der letzten Wochen verschaffen. Um diesen Bereich zu lesen, müssen Sie Abonnent des Substanz Investor Magazins sein und sich auf der Substanz-Investor-Website einloggen. Sollten Sie Ihr Passwort vergessen haben, fordern Sie bitte ein neues an bei Mailto: abo@substanzinvestor.de.
Fazit
Die Woche ist bereits zur Hälfte rum, doch richtig börsenbewegend wird es erst noch. Heute Abend kommen die Nvidia-Zahlen und am Freitag die Jackson-Hole-Rede von US-Notenbankchef Warsh. Überraschungen sollten in beiden Fällen nicht ausgeschlossen werden.
Ralf Flierl, Frank Sauerland, Ralph Malisch


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Die Charts wurden erstellt mit stock3 und Tai-Pan von Lenz+Partner. Diese Rubrik erscheint jeden Mittwochnachmittag.


