Märkte vs. Leitartikel
Marktbeben – vorläufig ausgeblieben
43,8% – so viel holte die AfD am Sonntag bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, angeführt von Spitzenkandidat Ulrich Siegmund. Die CDU des amtierenden Ministerpräsidenten Sven Schulze schrumpfte um mehr als die Hälfte. Dritte wesentliche Entwicklung: die Wahlbeteiligung stieg von 60,3 auf 76,9%. Vor allem die politischen Kommentatoren waren danach aus dem sprichwörtlichen Häuschen und beschworen landauf, landab den Untergang von Demokratie und Wirtschaft. Das Ganze wirkte einigermaßen einstudiert, ging doch jede einzelne Umfrage seit Wochen von diesem „blauen Wunder“ aus. Entsprechend gelassen fiel die Reaktion der Finanzmärkte aus. DAX und MDAX schwankten um den Freitagsschluss und die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen stieg um einen weiteren Basispunkt. Von Panik und Ausverkauf keine Spur.
Stunde der Rechenschieber
Das Ergebnis für die AfD war zwar eine Sensation mit Ankündigung, regieren lässt sich damit aber dennoch nicht – zumindest nicht allein. Die Brandmauer-Parteien wollen ganz grundsätzlich nicht, beim BSW gibt es vorsichtige Signale. Siegmunds größte Hoffnung besteht nun in den sogenannten „Überläufern“. Sollten sich diese allein aus der CDU rekrutieren, müsste jeder Fünfte der auf 15 Mitglieder geschrumpften Fraktion die Seiten wechseln. Statistisch erscheint das weit hergeholt, ganz auszuschließen ist es seit gestern aber nicht mehr. Noch-Ministerpräsident Sven Schulze stellte erneut seinen Mangel an politischem Instinkt zur Schau und ließ sich nach der krachenden Wahlniederlage zum Vorsitzenden seiner Minifraktion wählen. Dank der eigenen Stimme reichte es am Ende sogar für ein 8:7. Die Spaltung ist tief, die Abspaltung möglich.
Musk vs. Tusk
Am interessantesten war vielleicht die Reaktion des Auslands auf eine Landtagswahl in einem vergleichsweise kleinen deutschen Bundesland. US-Präsident Donald Trump teilte auf Truth Social zunächst eine Prognosegrafik und gratulierte der „populistischen Partei in Deutschland“ zum Wahlsieg, verbunden mit der Einschätzung, die Bürger hätten es „endlich satt“. Auch Elon Musk reagierte schneller als manche Berliner Parteizentrale mit einem „Well done!“ in Richtung AfD-Chefin Alice Weidel. In der Bundes-CDU brauchte die Reaktion allerdings auch deshalb solange, weil man erst einmal beschließen musste, dass man nicht gratulieren werde. Weniger zurückhaltend zeigte sich der polnische Regierungschef Donald Tusk, der meinte, nur „Idioten oder Verräter“ könnten sich über den Wahlausgang freuen. Sein Außenminister Radosław Sikorski fand zur Sprache der Diplomatie zurück und nannte das Ergebnis besorgniserregend. Die Sprengung von Nord Stream 2 war ihm dagegen seinerzeit noch ein herzliches „Thank you, USA“ in einem längst gelöschten X-Post wert.

Schlangen und Kaninchen
Die eigentlichen Schlangen, auf welche die Marktkaninchen derzeit starren, haben weniger direkt mit Politik zu tun – die Entwicklung der Renditen und die der Ölpreise. Beides ist eng verzahnt und jede Zeitreihe für sich ist bereits ein mahnend erhobener Zeigefinger gegen allzu forsche Aktieninvestments. Mit rund 3,35% notieren zehnjährige Bundesanleihen auf dem höchsten Stand seit etwa 15 Jahren, zwischenzeitlich waren 3,38% zu sehen. Der Treiber steht im Emissionskalender: Denn die Bundesrepublik muss 2026 mehr als 520 Mrd. EUR am Kapitalmarkt aufnehmen – Sondervermögen, Infrastrukturpaket und Verteidigungsausgaben sind beschlossen, bezahlt sind sie nicht. Und dies ist, fernab der ostdeutschen Provinz, der eigentliche Vorgang dieser Woche, und er ist unspektakulär genug, um in der Wahlnachlese unterzugehen. Der Zins kehrt in seine ursprüngliche Funktion zurück: Er verteuert Vorhaben, die sich nicht rechnen – wozu auch die Klingbeil-Etats der kommenden Jahre gehören. Der Bund-Future spricht in dieser Hinsicht eine überdeutliche Sprache (Abb.). Damit ist Deutschland auch kein Einzelfall, ja nachgerade noch immer der Einäugige unter den Blinden. Der Staatshaushalt unseres französischen EU-Tandempartners ist schlicht marode und der Schuldenstand der USA sprengt sogar das Guiness-Buch der Rekorde.
High Noon in Frankfurt
In dieser Gemengelage tagt am Donnerstag der EZB-Rat. Erwartet wird ein Schritt um 25 Basispunkte, der den Einlagensatz auf 2,50% hebt – und der dürfte bereits vollständig eingepreist sein. Interessant wird allein die Kommunikation sein. Die Inflation ist im Euroraum zuletzt auf 3,3% geklettert, getrieben vor allem von jenen Energiepreisen, die durch erneute Scharmützel im Persischen Golf weiter angefacht werden. Erklärt die Notenbank den energiegetriebenen Preisschub für vorübergehend, bemüht sie eine Vokabel, die seit 2021 als verbrannt gilt. Erklärt sie ihn für hartnäckig, muss sie erläutern, warum 2,50% restriktiv genug sein soll. Auch in der Zinsfrage ist das Dilemma in den USA nicht kleiner. Das Fed-Board neigte sich zuletzt weiter in Richtung steigender Zinsen, was die Aktienmärkte noch immer weitgehend ignorieren. Dazu kommt eine wieder aufgeflammte Sell-America-Debatte, und die ist kein Nischenthema, wie die Entwicklung der dreißigjährigen US-Treasurys zeigt. „Der Druck am langen Ende der Zinskurve ist struktureller, nicht zyklischer Natur“, heißt es dazu in einer aktuellen Marktnotiz des Vermögensverwalters H2O AM, und der Schluss daraus lautet: „Eine Fed, die Unsicherheit nicht mehr abbaut, ist eine Fed, die die Kurve steiler werden lässt.“. Die Frage ist nicht mehr, ob die Fed die Inflation in den Griff bekommt, sondern ob sie das schafft, ohne die Refinanzierung des eigenen Staates zu sprengen.
Andøya, 20:12 UTC
Aber es gibt sie noch, die guten Nachrichten. Am 5.9., um 20:12 UTC, hob vom norwegischen Andøya Spaceport die Spectrum-Rakete des Münchner Unternehmens Isar Aerospace ab. Am Folgetag setzte sie fünf CubeSats in einer niedrigen Erdumlaufbahn aus. Es war der erste erfolgreiche Orbitalflug einer privat finanzierten europäischen Rakete und zugleich der erste erfolgreiche Orbitalstart vom europäischen Festland, allerdings erst im zweiten Anlauf nach dem Fehlstart vom März 2025. Firmenchef Daniel Metzler formulierte es so: „Europa hat jetzt souveränen Zugang zum Weltraum.“
Das Unternehmen hat seit der Gründung 2018 über 600 Mio. EUR Wagniskapital eingesammelt, zuletzt 270 Mio. EUR im Juni. Zu den Investoren zählen Porsche SE (WKN: PAH003), Lakestar und KfW Capital. Im August kam eine ESA-Förderung über 200 Mio. EUR hinzu. Die Reihenfolge ist die eigentliche Nachricht. Privates Risikokapital hat sieben Jahre lang vorgelegt, die staatliche europäische Raumfahrtförderung kam vier Wochen vor dem Erfolg dazu. Wer wissen will, warum Europa bei Trägerraketen zwei Jahrzehnte verloren hat, findet hier ein kompaktes Anschauungsobjekt. Für Anleger gibt es dennoch einen Wermutstropfen: Metzler hat einen Börsengang ausdrücklich ausgeschlossen, das Unternehmen sei gut finanziert. Nicht nur Spötter dürften angesichts dieser Aussage über die Qualität der anstehenden Mega-Börsengänge wie Anthropic ins Grübeln kommen.

Zu den Märkten
In unseren heutigen Marktthemen haben wir schon auf das deutlich eingetrübte Aktienumfeld aufmerksam gemacht. Dazu kommt eine technische Situation, die man nur als anspruchsvoll bezeichnen kann. Das Drama begann am 28.8. mit einem neuen, aber kraftlosen Allzeithoch. Schon an den beiden nächsten Handelstagen wurde der deutsche Leitindex unter deutlich anziehenden Umsätzen abverkauft. Das Allzeithoch entpuppte sich damit als klassisches Fehlsignal. Zwar gelang in den nächsten Handelstagen eine Konsolidierung auf ermäßigtem Niveau, ein Schritt zurück verrät allerdings die Brisanz der Lage. Denn das Kursgeschehen der letzten Monate ist Teil eines Aufwärtskeils, und der ist eine der gut untersuchten negativen Chartformationen. Standardmäßig soll hier der Ausbruch nach unten erfolgen und in der Folge spürbares Abwärtspotenzial eröffnen. Zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe sieht es tatsächlich so aus, als würde der Keil kraftvoll gebrochen. Nach Lehrbuch wäre nun vielleicht noch ein Pullback an das Ausbruchsniveau zu erwarten, sehr viel mehr aber nicht. Dass diese Verschlechterung ausgerechnet im September stattfindet, macht die Sache nicht besser.
Wenn der Vater mit dem Sohne
Gerhard Wisnewski sen., einer der profiliertesten investigativen Journalisten Deutschlands, hat sich mit seinem Sohn Gerhard vor die Kamera gesetzt. Heraus kam „9/11: Pioniere der Wahrheit | Wisnewski & Wisnewski im Gespräch – TEIL 1“ und weder Titel noch Datum sind Zufall. Denn übermorgen jähren sich die Attacken auf das World Trade Center und das Pentagon zum 25ten Mal. Gerhard Wisnewski sen. gehörte zu den ersten, die die offizielle Darstellung dieses Tages öffentlich anzweifelten, und zahlte dafür einen hohen beruflichen Preis. Jetzt liegt sein Buch „Operation 9/11“ aus dem Jahr 2003 in einer neuen, erweiterten Fassung vor (Buchbesprechung im Substanz Investor 9/2026).
Unbestritten ist, was auf die Anschläge folgte: zwei Kriege, ein weltweit ausgebauter Überwachungsapparat und Grundrechte, die massiv beschnitten und vielerorts bis heute nicht zurückgekehrt sind. Als George W. Bush im Januar 2002 den Irak, den Iran und Nordkorea zur „Achse des Bösen“ erklärte, war die Marschrichtung vorgezeichnet. Zwei dieser drei Länder stehen ein Vierteljahrhundert später erneut im Zentrum internationaler Konflikte. In dem knapp zweieinhalb Stunden langen Video befragt Wisnewski jun. mit erfrischend unbefangener Neugier einen Zeitzeugen, der auch sein Vater ist. Warnhinweis: Für Komfortzonen-Liebhaber und Verschwörungsleugner ist das aber nix!
Veranstaltungshinweis
Optionen verstehen und praktisch einsetzen: Am 31.10. und 28.11.2026 finden in München die beiden OptionEarner-Präsenzseminare statt – von den Grundlagen bis zu fortgeschrittenen Stillhalterstrategien. Herzstück des Masterpakets für 1.590 EUR ist die einjährige praktische Begleitung mit dem OptionEarner PREMIUM-Abo – inklusive laufender Tradeideen, Marktanalysen und regelmäßiger Impulse zur konkreten Umsetzung. Ergänzt wird das Paket durch beide Seminare, zehn Lernvideos und begleitende Live-Webinare.
Exklusiv für Substanz-Investor-Leser: Die ersten drei Bucher des Masterpakets erhalten mit dem Gutscheincode SUBSTANZINVESTOR0926 zusätzlich ein persönliches 60-minütiges Praxisgespräch mit Eckart Keil.
Musterdepots
In unserer Rubrik Musterdepot finden Sie heute den zweiten Teil unseres Vorwochen-Updates und Neuigkeiten zu unseren Transaktionen. Unsere große Monatsübersicht für den August, inklusive Tabelle und Transaktionsliste, finden Sie in der Ausgabe vom 26.8.2026. Im Musterdepotbereich können Sie sich durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die Transaktionen der letzten Wochen verschaffen. Um diesen Bereich zu lesen, müssen Sie Abonnent des Substanz Investor Magazins sein und sich auf der Substanz-Investor-Website einloggen. Sollten Sie Ihr Passwort vergessen haben, fordern Sie bitte ein neues an bei Mailto: abo@substanzinvestor.de.
Fazit
Die Märkte fallen, mit der Wahl in Sachsen-Anhalt hat das aber wenig zu tun. Es ist das Zins- und Ölthema, das Aktienanleger in Atem hält.
Ralf Flierl, Ralph Malisch


Hinweis auf mögliche Interessenkonflikte:
Ein mit “*“ gekennzeichnetes Wertpapier oder ein Derivat darauf wird zum Zeitpunkt des Erscheinens dieser Publikation oder der Substanz Investor Printausgabe von mindestens einem Mitarbeiter der Redaktion gehalten.
Abonnements:
Unsere Substanz Investor Abonnements finden Sie hier.
Das Magazin:
Das aktuelle Substanz Investor Magazin finden unsere Abonnenten hier.
E-Mail-Versand:
Sollten Sie den E-Mail-Versand abbestellen wollen, so benutzen Sie bitte den Abmelde-Link unter dem Newsletter bzw. schicken uns eine E-Mail mit dem Betreff “Abbestellen des SIW” an weekly@substanzinvestor.de.
Unsere Datenschutzerklärung finden sie hier.
Die Charts wurden erstellt mit stock3 und Tai-Pan von Lenz+Partner. Diese Rubrik erscheint jeden Mittwochnachmittag.


