Ein entkoppelter Markt

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Verbraucherstimmung sinkt, die Kurse steigen

Gespaltene Wirtschaft

Seit Harry S. Truman als 33. Präsident im Weißen Haus saß, haben US-Verbraucher die Wirtschaft nicht so düster bewertet wie heute. Das Verbrauchervertrauen fiel laut einer Umfrage der Universität Michigan im Mai 2026 auf den Wert von 44,8 – der tiefste Stand seit dem Beginn der Erhebungen im November 1952. Für 57% der befragten Konsumenten sind die stark gestiegenen Preise eine extreme Belastung der persönlichen Finanzen, sagt Joanne Hsu. Sie ist Direktorin der „Surveys of Consumers“ an der Universität Michigan. Der Irankrieg und die Sperrung der Straße von Hormus treiben die Benzinpreise. Auf Sicht der nächsten zwölf Monate steigen die Inflationserwartungen auf über 4%.

Gleichzeitig schloss der S&P 500 erstmals über 7.500 Punkten. Für die nächsten Wochen sind Mega-Börsengänge angekündigt: SpaceX, Anthropic und OpenAI. Aktienanleger zeigen sich begeistert. Laut Vorberichten planen sie, mit beiden Händen zuzugreifen. Das Bild im Euroraum ist kaum anders. Das Verbrauchervertrauen liegt hier gemäß der Generaldirektion Wirtschaft und Finanzen der Europäischen Union im Mai bei minus 19 Punkten. Steigende Energiepreise belasten, ebenso die Sorge vor weiteren Zinserhöhungen infolge des Irankriegs. In Deutschland liegt der GfK-Konsumklima-Index für Mai voraussichtlich bei minus 29,8 Punkten. Die Zahlen dokumentieren eine Verbraucherstimmung, die weit entfernt ist von echter Kauflaune. Doch der DAX lässt sich davon wenig beeindrucken und notiert in der Nähe seiner Allzeithochs.

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Verbraucher und Investoren leben zwar in derselben Welt, doch sie sehen unterschiedliche Wirklichkeiten: Börse und Realwirtschaft laufen daher in entgegengesetzte Richtungen. Historisch gesehen kommt es irgendwann zu einer Entscheidung. Entweder hellt der Marktoptimismus die Stimmung der Verbraucher auf. Oder das schlechte Verbrauchersentiment zieht die Kurse letztlich herunter. Aktiven Aktienanlegern bleibt nur, dem Markt und seiner Entscheidung zu folgen.

Der vermeintlich endlose KI-Boom

Wie lange kann der KI-Hype die massiven Kapitalinvestitionen noch rechtfertigen? Allein in diesem Jahr pumpen die sechs großen „Hyperscaler“ – darunter Microsoft (WKN: 870747), Amazon (WKN: 906866) und Alphabet (WKN: A14Y6H) – rund 800 Mrd. USD in den Bau von Rechenzentren. Um nur die Abschreibungen auf diese gigantischen Summen zu decken, müssten die Konzerne jährlich 160 Mrd. USD Umsatz generieren.

Das Ökosystem hinter diesem Geldfluss, angeführt von Schwergewichten wie Nvidia (WKN: 918422) und ASML (WKN: A1J4U4), floriert zwar, doch die Warnsignale werden deutlicher. Beachten Sie in diesem Zusammenhang auch den neuen Substanz Investor 6/2026, der zum Wochenende erscheint. Hier geben wir eine klare Empfehlung für den Umgang mit der ASML-Aktie. Lediglich auf dem Höhepunkt der Dotcom-Blase war der US-Aktienmarkt in den vergangenen 150 Jahren höher bewertet als heute. Zudem wird die Rally von immer weniger Schultern getragen. Nur noch die Hälfte der Aktien an der New York Stock Exchange notiert über ihrem 200-Tage-Schnitt. Die Marktbreite nimmt also ab.

Die laufende Rally kann nach Meinung von Experten unter ihrem eigenen Gewicht zusammenbrechen. Allerdings fehlt noch eine finale Phase voll überschäumender Euphorie. Die angekündigten Mega-Börsengänge von OpenAI oder SpaceX (siehe oben) können den Wendepunkt markieren. Bis dahin hält sich der kluge Investor an den Satz des Heiligen Augustinus: „Herr, gib mir Enthaltsamkeit – aber noch nicht jetzt“. Wer zu früh aussteigt, verpasst womöglich die lukrativste Phase der Übertreibung.

Das Palantir-Problem

Letzte Woche besuchte John McPeake das Palantir-Büro in New York. McPeake von Rosenblatt Securities ist ein erfahrener Analyst und als eigenständiger Kopf bekannt und geschätzt. Er traf sich mit Palantirs CFO David Glazer und weiteren Firmen-Insidern. Nach den Gesprächen bekräftigte ein beeindruckter McPeake sein bereits Anfang Mai auf 225 USD angehobenes Kursziel für Palantir (WKN: A2QA4J, akt. Kurs: 115,00 EUR). Seine Begründung: Palantirs KI-Plattform ist auf absehbare Zeit nicht replizierbar, weder durch zusammengesetzte Drittlösungen noch durch zukünftige KI-generierte Produkte. Anfang Mai meldete Palantir das stärkste Quartal seiner Unternehmensgeschichte. Der Umsatz erreichte 1,63 Mrd. USD, das ist 85% mehr als im Vorjahr.

Das Problem: Der aktuelle Kurs von Palantir liegt – unbeeindruckt von McPeakes Meinung – nur bei knapp 137 USD. Dabei übertraf der gemeldete Gewinn je Aktie Analystenerwartungen um rund 18%. Dennoch fällt der Aktienkurs. Der Kursverlust des früheren Anlegerlieblings beträgt 2026 bislang 22%. Hier mag die Befürchtung von Anlegern den Kurs belasten, dass KI-Agenten von Anthropic oder OpenAI letztlich das bislang einträgliche Datenanalyse-Geschäft von Palantir gleich miterledigen. 2011 hieß es „Software is eating the world“. Heute lautet das Motto: „KI eats Software“. Die Frage ist: Hat ein Analyst und Experte wie McPeake recht, der sich intensiv mit Palantir beschäftigt? Oder ein Markt, der oft schnell und harsch in seinem Urteil ist? Natürlich, da er den Preis bestimmt, hat immer der Markt recht. Bis er seine Meinung ändert.

Zu den Märkten

Wir sehen das Prinzip der Entkoppelung von Märkten und Realwirtschaft auch in Deutschland überdeutlich. Erst gestern wurde die Wachstumsprognose für das Land vom Rat der Wirtschaftsweisen ein weiteres Mal eingedampft. Wir gehen in Richtung “Schwarze Null”, die sich durchaus auch als rote entpuppen könnte.

Die Regierung unter Kanzler Merz befindet sich in der Dauerkrise. Beim letzten Koalitionsgipfel sollen die Fetzen geflogen sein. Nun kann man noch argumentieren, dass der DAX aus einem möglichen Ende der Koalition Honig saugen könnte, ist Merz doch der unbeliebteste Regierungschef seit Beginn der Aufzeichnungen. Dabei ist es nicht einmal so, dass die Unzufriedenheit einer harten Reformagenda geschuldet wäre, deren Früchte nur noch nicht sichtbar wären. Nein, Merz stolpert einfach nur von einem Fettnäpfchen ins nächste, sagt heute dieses, morgen jenes, putzt die Bürger herunter und macht am Ende irgendwas bzw. das, was die SPD will.

Insofern könnte es schon sein, dass der DAX, der vor diesem desolaten realwirtschaftlichen Hintergrund bereits wieder mit dem Allzeithoch flirtet, ein baldiges Ende der Regierung Merz antizipiert – lieber ein Ende mit Schrecken, so denkt man. Wir möchten allerdings zu bedenken geben, dass selten etwas Besseres nachfolgt. Auf Gerhard Schröder, der mit der Agenda 2010 tatsächlich noch wichtige Weichenstellungen vornahm, folgten die quälend langen Merkel-Jahre mit ihren katastrophalen Fehlentscheidungen, unter denen das Land bis heute ächzt. Dann kam der erste Kurzzeitkanzler, Sie wissen schon, der mit den Lücken im Langzeitgedächtnis, nun also Merz. Falls als nächstes eine rot-rot-grüne Koalition auf dem Programm stehen sollte, werden sich sämtliche Hoffnungen auf eine Rückkehr wirtschaftlicher Vernunft sogar noch schneller verflüchtigen als ein durchschnittliches Merz-Versprechen.

Being Public Conference: „Börsennotiz schafft Werte!“

Unter diesem Motto findet am 2. Juni 2026 zum zweiten Mal in Frankfurt/Main die „Being Public Conference“ statt, organisiert von unserem Partnerverlag GoingPublic Media. Neben einem Programmteil zu Best Practice am Kapitalmarkt (Panels „Investor Relations & KI“, „Reporting & Regulatorik-Trends“ sowie „HV der Zukunft“) widmen sich drei Panels, die sich um Familienunternehmen, Deep-Tech und den Boom im Defense-Sektor drehen, dem Gang an die Börse. Redner und Panelisten bei der 2. Being Public Conference sind unter anderem Johannes Linden (Pfisterer Holding, Co-CEO und Vorstandssprecher), Jan Kürschner (IQM Quantum Computers, CFO) und Marc Tüngler (DSW, Hauptgeschäftsführer). Besonders spannend wird der Impulsvortrag von Noah Leidinger, Macher des preisgekrönten Podcasts „OHNE AKTIEN WIRD SCHWER“ sein. Leidinger erläutert, wie die geplanten Mega-Börsengänge von SpaceX, OpenAI & Anthropic die Kapitalmarktwelt verändern könnten. Hier geht’s zum aktuellen Programm. Tagesausklang ist ab 18.45 Uhr im Bull & Bear (Schillerstraße 11).
Der Clou: Bis zu zehn Substanz Investor-Leser haben die Möglichkeit, ein kostenloses Ticket zu ergattern. Einfach hier anmelden und unter „Tickets kaufen“ den Code SubstanzInvestor eingeben. 

Musterdepots & wikifolio

In unserer Rubrik Musterdepots & wikifolio finden Sie heute unsere große Monatsübersicht für Mai. Im Musterdepotbereich können Sie sich durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die Transaktionen der letzten Wochen verschaffen. Um diesen Bereich zu lesen, müssen Sie Abonnent des Substanz Investor Magazins sein und sich auf der Substanz-Investor-Website einloggen. Sollten Sie Ihr Passwort vergessen haben, fordern Sie bitte ein neues bei abo@substanzinvestor.de an.

Fazit

Wirtschaftskrise und rekordhohe Kurse, ja, das geht – es fragt sich allerdings, wie lange noch. Die Mega-IPOs werden sich die großen Spieler kaum verhageln lassen, danach wird die Höhenluft dünner.

Ralf Flierl, Frank Sauerland, Ralph Malisch

 

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Die Charts wurden erstellt mit stock3 und Tai-Pan von Lenz+Partner. Diese Rubrik erscheint jeden Mittwochnachmittag.

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