Die KI-Revolution frisst ihre Kinder

Titelbild: grok.com

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Google stottert, Volkswagen auch

Sommerflaute

Plötzlich geben die Kurse der Hightech-Unternehmen nach. Zuerst in Südkorea, dann in Taiwan, Japan und an der Wall Street. Natürlich schließt der DAX sich an (siehe unten). Experten der Commerzbank erklären die Schwäche mit „Zweifeln an der Nachhaltigkeit der KI-getriebenen Aktienrally“. Man könnte auch sagen: Die Anleger bekommen Angst vor der eigenen Courage, nachdem sie die Kurse der üblichen Verdächtigen über Wochen und Monate in luftige Höhen hochgejazzt haben. Jetzt ächzt die Tech-Rally unter ihrem eigenen Gewicht und den irren Erwartungen an die Unternehmensgewinne der Highflyer. Heute Abend, nach Börsenschluss in USA, kommt es zum Schwur. Der US-Chipriese Micron legt Quartalszahlen vor. Er muss liefern. Microns Kurs hat sich in der KI-Euphorie seit Jahresbeginn in der Spitze mehr als vervierfacht. Vom nächtlichen Urteil der Anleger hängt ab, ob die KI-Rally noch mal Fahrt aufnimmt – oder in die Sommerflaute abkippt.

Sommerflaute

Dort dümpelt bereits Googles Mutterkonzern Alphabet (WKN: A14Y6F). Anthropic und OpenAI sind erst einmal vorbeigezogen. Denn deren KI-Dienste Claude und ChatGPT werden von Unternehmenskunden und Endverbrauchern bevorzugt. Das Konkurrenzangebot von Google/Alphabet heißt Gemini und fällt derzeit zurück, nicht nur nach Meinung von Experten. Als bekannt wurde, dass zwei herausgehobene KI-Experten, John Jumper und Noam Shazeer, von Google zu Anthropic bzw. OpenAI wechseln, verdampften innerhalb von Stunden 225 Mrd. USD an Börsenwert bei Alphabet. Gil Luria, Leiter der Technologieforschung bei D.A. Davidson, zu Googles Wettbewerbsposition und dem Abgang der KI-Fachleute: „Es ist, als ob man sagen würde: Moment mal, sie haben nicht nur die Führungsposition verloren, sondern auch ihre besten Forscher. Diese beiden Personen, die das Geld nicht brauchen, glauben, dass sie bei OpenAI und Anthropic eine bessere Chance haben, an der Spitze der Forschung zu stehen als bei Google DeepMind.“

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10 Jahre Hayek-Club Weimar

Der Hayek-Club Weimar feiert sein zehnjähriges Bestehen und lädt am 15. August 2026 zu einer Tagung, die das Beste der Österreichischen Schule versammelt. Unter dem Titel „Zurück zur Vernunft: Mit der Österreichischen Schule gegen Planwirtschaft und Interventionismus“ sprechen unter anderem Gerd Habermann über die lebensfreundliche Botschaft der Austrians, Markus Krall über die metaphysischen Grundlagen der Freiheit und Thorsten Polleit über Kant und den Libertarismus. Wer fundierte Argumente und klare Gedanken schätzt, wird an diesem Tag auf seine Kosten kommen. Dazu gibt es reichlich Gelegenheit zum Austausch mit Gleichgesinnten in entspannter, sommerlicher Atmosphäre.

Karten und Anmeldung: hayek.club.weimar@mail.de

Programm als PDF


China gewinnt

Wenn China kommt, gehen die Gewinne. Zuletzt machte die deutsche Solarbranche die Erfahrung, jetzt ist die Autobranche dran. Bei Volkswagen (WKN: 766403) halten laut Bericht des Manager Magazins sechs von neun Vorstandsmitgliedern den Konzern mittlerweile für existenzgefährdet. Auch die Aktionäre sind verschreckt. Der Kurs der VW-Aktie verliert seit Jahresbeginn rund 24%.

Währenddessen eröffnet der chinesische E-Autohersteller BYD in Deutschland einen Vertriebsstandort nach dem anderen. 200 waren es Ende Mai. Bis Jahresende sollen es 350 sein. Aus eigener Anschauung wissen wir: Das Geschäft bei BYD Deutschland brummt. Anekdotisch verlieren sich dagegen in VW-Verkaufstempeln nur wenige Kunden. In den BYD-Stationen drängelt man sich. Viele junge Familien, oft mit Kind, sind zu sehen. Bei der Bestellung werden üppige Ausstattungspakete für schmales Geld dazugebucht. Bei deutschen Herstellern ist das zu oft umgekehrt: Man bekommt ein schmales Paket für üppig Geld. Vielleicht sind die China-Karosserien noch nicht ganz so ausgefeilt wie jene der deutschen Konkurrenz, vielleicht ist die Straßenlage etwas weniger definiert. Dafür ist der Preis heiß und die Reichweite ordentlich. Auch die deutschen Premiumhersteller BMW (WKN: 519000), Mercedes (WKN: 710000) und Porsche (WKN: PAH003) bekommen die chinesische Konkurrenz zu spüren. Die Kurse geben seit Jahresanfang kräftig nach: bei BMW um ca. 37%, bei Mercedes und Porsche jeweils um ca. 25%.

BYD und Konsorten bauen E-Autos, die Computer auf Rädern sind. Das Bordbetriebssystem wird von chinesischer KI gesteuert, das Unterhaltungsprogramm ist umfassend. VW-Chef Oliver Blume: „Das Auto wird zum Software-definierten Produkt, kurz SDV, Software Defined Vehicle, und perspektivisch – das ist der noch größere Schritt –, ein KI-definiertes Produkt.“ In Wolfsburg programmiert man am eigenen Autobetriebssystem Cariad. Dafür verbrauchte VW bislang laut öffentlichen Angaben 14 Mrd. EUR und sucht nun Hilfe bei den Partnern Rivian und Xpeng. Wolfsburg kann Verbrenner. Computer auf Rädern sind bisher nicht ihr Ding. Ob sie das werden, bevor dem Konzern das Geld ausgeht, ist offen.

Greenspans Vermächtnis

Der legendäre frühere Fed-Chef Alan Greenspan ist tot. Die einen sahen in ihm den Magier der Märkte, die anderen denjenigen, der durch den „Greenspan-Put“ letztlich die Moral-Hazard-Thematik deutlich verstärkte. In seiner aktiven Zeit war er schlicht die Verkörperung der US-Zentralbank. Was kaum jemand wusste, der Mann glaubte an Gold. Obwohl er die Märkte über Jahre mit billigem Geld versorgte, war er gegenüber eben diesem Fiat-Geld äußerst kritisch eingestellt. In den 1960ern gehörte er dem Kreis um Ayn Rand an, der berühmten Philosophin des rationalen Egoismus. In ihrem Newsletter „Objectivist“ schrieb Greenspan: „Es liegt im Eigeninteresse jedes Geschäftsmannes, einen Ruf für ehrliche Geschäftspraktiken und qualitativ hochwertige Produkte zu haben.“ Staatliche Regulierung, so argumentierte er, untergrabe dieses „überaus moralische System“, indem sie den Wettbewerb um Reputation durch Gewalt ersetze: „Ganz unten im endlosen Papierkram, der jede Regulierung kennzeichnet, lauert eine Waffe.“

Als Greenspan dann in hohe und höchste Ämter aufstieg, erwies es sich mitunter als schwierig, die reine Lehre in reales Handeln umzusetzen. „Ich wurde für Dinge gelobt, die ich nicht getan habe“, sagte er kurz nach seinem Ausscheiden aus dem Amt als Zentralbanker, das er von 1987 bis 2006 innegehabt hatte. „Jetzt werde ich für Dinge verantwortlich gemacht, die ich nicht getan habe.“ Die Märkte krachten gerade. Es war die Zeit der Finanzkrise und Schuldige wurden gesucht. Als inspirierender Redner blieb der Altmeister weiterhin gefragt. Besonders stolz war Greenspan auf seine Rede über den Begründer der modernen Volkswirtschaftslehre, Adam Smith. Die Rede hielt er 2005, sie beginnt mit den Worten: „Im großen Lauf der Geschichte sind es die Ideen, die zählen. Kaiser und Armeen kommen und gehen, aber wenn sie keine neuen Ideen hinterlassen, sind sie von vergänglicher historischer Bedeutung.“ Die Geschichte wird urteilen, was vom Zauberer bleibt. Langweilig wurde es den Märkten bei dem Mann mit der ikonischen Brille jedenfalls nie. Seine kryptischen Aussagen als Fed-Chef bewegten Kurse, meist in die Richtung, die Anleger glücklich machte.

Zu den Märkten

Kalte Dusche für den DAX – zwar stand der deutsche Leitindex nie im Zentrum des KI-Hypes, doch der Abverkauf vom Wochenbeginn – der NASDAQ 100 rauschte am Montag 3,4% in die Tiefe – traf auch die hiesigen Blue Chips hart. Inzwischen notiert der DAX wieder unter 24.700 Punkten, rund 3% unter dem Mai-Rekord. Der KOSPI, über Monate auf Platz 1 unserer Relative-Stärke-Liste, die wir monatlich im Substanz Investor aktualisieren, verlor in den letzten Tagen sogar zweistellig.

Aber nicht nur bei den Halbleiter-Aktien rumpelt es gerade gewaltig. Eine andere tragende Säule des Börsenaufschwungs waren seit dem Ausbruch des Ukraine-Kriegs Rüstungsaktien wie Rheinmetall (WKN: 703000). Die rauschen heute knapp 19% nach unten, nachdem mehrere Quellen das Aus für das Fregattenprogramm F126 vermeldeten. Künftig wird die Marine verstärkt mit der 51%igen thyssenkrupp-Tochter TKMS thyssenkrupp Marine Systems (WKN: TKMS00) zusammenarbeiten. Der Kurs dieses Papiers sprang um zeitweise mehr als +12% in die Höhe. Dass Rheinmetall am selben Morgen eine 5,7 Mrd. EUR schwere Order aus Rumänien meldete, ging im allgemeinen Getöse unter. Die Kurskapriolen bei Rheinmetall mögen übertrieben sein, ganz überraschend ist der anhaltende Abwärtstrend bei der Aktie für uns allerdings nicht. Den Börsenstar, der ab 2022 wie kein anderer vom Ukraine-Krieg profitierte, haben wir bereits in Substanz Investor 8/2025 mit einem „Goodbye“ verabschiedet. Zwar wurde im Oktober 2025 noch ein Allzeithoch erreicht, seitdem halbierte sich der Titel aber und erreichte heute erstmals wieder Kurse von unter 1.000 EUR.
Die nächste Bewährungsprobe für den Markt steht übrigens heute Abend an. Dann legt Micron (WKN 869020) seine Quartalszahlen vor. Enttäuschen diese, dürften sich die Gewinnmitnahmen ausweiten.

Musterdepots

In unserer Rubrik Musterdepot berichten wir diesmal über die Entwicklung in unserem Aktien-Musterdepot im Juni, inklusive der tabellarischen Monatsübersicht. Im Musterdepotbereich können Sie sich durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die Transaktionen der letzten Wochen verschaffen. Um diesen Bereich zu lesen, müssen Sie Abonnent des Substanz Investor Magazins sein und sich auf der Substanz-Investor-Website einloggen. Sollten Sie Ihr Passwort vergessen haben, fordern Sie bitte ein neues an bei Mailto: abo@substanzinvestor.de.

Fazit

Weder KI noch Rüstung sind Einbahnstraßen und die deutsche Autoindustrie kämpft ohnehin mit Gegenverkehr. Apropos Autos: Sind diese nicht auf der Straße, dann stehen sie möglicherweise in der Garage, sofern in dieser nicht gerade ein US-Weltkonzern entsteht, was in Deutschland als Zweckentfremdung geahndet würde. Was es mit dem Mythos der US-Garagenunternehmen tatsächlich auf sich hat, klären wir übrigens im neuen Substanz Investor 7/2026, der zum Wochenende erscheint.

Ralf Flierl, Frank Sauerland, Ralph Malisch

 

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Die Charts wurden erstellt mit stock3 und Tai-Pan von Lenz+Partner. Diese Rubrik erscheint jeden Mittwochnachmittag.

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